"Sonnenschutz macht ja nicht unbedingt Spaß"

Interview15. Juli 2013, 06:31
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Gernot Kunze, Chefentwickler der von Dermatologen oft empfohlenen Marke Daylong, über Filter, Zukunft und Haltbarkeit von Sonnenschutzprodukten

Auch bei einem Sonnenschutzfaktor von 60+ steht 50+ auf der Verpackung, weiß der Biologe und Toxikologe Gernot Kunze.

STANDARD: Es gibt hunderte Sonnenschutzprodukte. Schützen die einen besser als andere?

Kunze: Es gibt rund 30 Sonnenschutzfilter, die von der EU zugelassen sind. Aus Sicht der Hersteller sind es Rohstoffe, die wir als Pulver oder Dispersion kaufen. Die Kunst ist es, sie zu Cremen, Lotionen und Sprays zu verarbeiten, die schützen und angenehm aufzutragen sind. Sonnenschutz macht ja, ehrlich gesagt, nicht unbedingt Spaß. Es kann kleben, ist vielleicht unangenehm. Wir arbeiten an Formulierungen, die man sich gerne aufträgt.

STANDARD: Entscheiden sich Hersteller immer für einen bestimmten Sonnenschutzfilter?

Kunze: Nein, wir kombinieren unterschiedliche Sonnenschutzfilter, abhängig davon, wie wir sie verarbeiten. Die Effektivität ist immer die Basis, wir mischen in einem Produkt aber bis zu 25 Inhaltsstoffe, die in eine stabile Form gebracht werden müssen. Die einen sind wasserlöslich, andere weniger. Dass sich ein Produkt in der Tube in seine Einzelbestandteile auflöst und Anwendern beim Öffnen Wasser entgegenrinnt, darf nicht passieren.

STANDARD: Soll Sonnenschutz in die Haut einziehen?

Kunze: Wir machen liposomalen Sonnenschutz, das heißt, dass wir membranbildende Moleküle aus der Stoffklasse der Fette verwenden, die in die Haut einziehen können. Das Sonnenschutzprodukt soll an der Hautoberfläche, also in der Hornschicht, bleiben, weil es ja dort die auftreffenden Strahlen auffängt. Wir forschen daran, diese beiden Eigenschaften bestmöglich zu verschränken. Es gibt unterschiedliche Vorlieben.

STANDARD: Meinen Sie damit Creme oder Spray?

Kunze: Auch das, aus Sicht der Produzenten bestimmt die Verpackung das Produkt. Sprays auf Ölbasis sind in der Entwicklung tendenziell weniger kompliziert als sprühbare Lotionen, die galenisch-technologisch aufwändiger sind. Klassische Lotionen haben wieder andere Anforderungen.

STANDARD: Wie sollte die korrekte Anwendung aussehen?

Kunze: Zwei Milligramm pro Quadratzentimeter Haut ist die EU-Empfehlung. Eine Flasche Sonnenschutz ist daher über einen Sommer meist nicht genug.

STANDARD: Was sind die aktuellen Herausforderungen?

Kunze: Es geht vor allem um regulatorische Vorgaben, die in den letzten Jahren schon aufwändig waren, aber noch komplizierter werden. Was darf man auf eine Verpackung schreiben, damit Konsumenten gut informiert, aber nicht überfordert sind? Eine Herausforderung sind auch die Messmethoden für Sonnenschutz, die global gültig sein sollten.

STANDARD: Wird es bald mehr als Sonnenschutzfaktor 50 geben?

Kunze: Das gibt es schon jetzt, wir dürfen lediglich 50+ draufschreiben, wenn es auch 60 ist. Den höchsten Sonnenschutz enthält unser Produkt zur Prävention von aktinischer Keratose.

STANDARD: Ist Wasserfestigkeit auch Thema?

Kunze: Ja, vor allem die Frage, wie wir das messen sollen, beschäftigt uns. Derzeitige Methoden sind wenig praxisnah.

STANDARD: Werden Sonnenschutzprodukte eigentlich schlecht?

Kunze: Die Haltbarkeit beträgt bei uns meist 36 Monate, doch das betrifft eher die Creme als die Sonnenschutzfilter. Wer eine Tube, sagen wir, ein Jahr lang im Handschuhfach seines Autos vergessen hat und sie Monate Hitze und Kälte aussetzt, wird unter Umständen sehen, dass die Creme sich in ihre Bestandteile aufgelöst hat. Die Funktion des UV-Filters ist davon meist nicht beeinträchtigt. Nur einschmieren würde sich damit niemand mehr wollen. (Karin Pollack, DER STANDARD, 15.7.2013)

Gernot Kunze ist Biologe, Toxikologe und leitet die präklinische Forschungs- und Entwicklungsabteilung des Schweizer Herstellers Galderma/Spirig.

  • Eine Flasche Sonnenschutz pro Person und Sommer reicht nicht aus.
    foto: derstandard

    Eine Flasche Sonnenschutz pro Person und Sommer reicht nicht aus.

  • Die Nase ist als Sonnenterrasse ein besonders gefährdetes Areal.
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Die Nase ist als Sonnenterrasse ein besonders gefährdetes Areal.

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