Frankreich in der Krise: Hollandes Placebo

Kommentar14. Juli 2013, 18:35
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Der Präsident spricht vom wirtschaftlichen Wiederaufschwung. Dem Land geht es aber nach wie vor schlecht

Die Franzosen nennen es "la méthode Coué" - benannt nach dem Psychologen und Apotheker Émile Coué, der im 19. Jahrhundert eine Art Selbsthypnose erfand: Wer krank sei und fest an seine Heilung denke, werde von sich aus gesund. Und so hat Präsident François Hollande am Sonntag zum Nationalfeiertag erklärt, der wirtschaftliche Wiederaufschwung sei "da". Aha ... wo denn? Die industrielle Produktion, auf die er sich - einem rettenden Strohhalm gleich - bezog, schrumpft nach einem positiven Vormonat wieder. Auch andere Indizes sind negativ.

Gewiss gibt es Anzeichen, dass im EU-Raum das Schlimmste vorbei sein könnte. Auch kann man von einem Staatschef keine Schwarzmalerei erwarten, wenn er seine lieben Mitbürger am Nationalfeiertag mit gesalbten Worten in die Sommerpause entlässt. Doch Frankreich geht es nach wie vor schlecht, und das kommt nicht von ungefähr.

Es gibt strukturelle Gründe: verlorene Wettbewerbsfähigkeit, ein überbordender Staatsapparat, ein ineffizientes Sozialsystem, eine rekordverdächtig hohe Staatsschuld, die mehr Milliarden verschlingt als das Bildungswesen.

Hollande packt diese Probleme nicht wirklich an. Statt mutig zu intervenieren, lässt sich der Sozialist zwischen dem linken Parteiflügel und Rechtspopulisten wie Nicolas Sarkozy einengen. Und so verschreibt der Apotheker nur noch Placebos. Die Grundübel werden derweil nur noch schlimmer. Das hatte Émile Coué damals leider nicht bedacht. (Stefan Brändle, DER STANDARD, 15.7.2013)

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