Urteil im Fall Trayvon Martin soll vor Justizminister

14. Juli 2013, 17:58
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Der Tod des 17-jährigen Trayvon Martin wirft auch nach drei Wochen vor Gericht noch Fragen auf. Der Freispruch für den Wachmann George Zimmerman führte umgehend zu Protesten. Bürgerrechtler geben den Fall indes noch nicht auf

Der Freigesprochene zeigt kaum eine Regung. Kein Jubel, keine im Triumph geballte Faust. Nur ein dünnes Lächeln der Erleichterung deutet George Zimmerman an, als die sechs Geschworenen ihr Urteil verkünden.

16 Stunden und 20 Minuten lang hatte die nur aus Frauen bestehende Jury beraten, bevor sie, am späten Samstagabend in Sanford, Florida, zu einer Entscheidung gelangte. Mord zweiten Grades, wie es die Anklage beantragt hatte, stand da schon nicht mehr zur Debatte. Zum Schluss ging es nur noch um Totschlag. Dann folgt ein kurzer Satz: "Wir, die Geschworenen, halten George Zimmerman für nicht schuldig".

"In meiner finstersten Stunde"

Es ist ein Urteil, das sofort die Emotionen aufwallen lässt, zumal der Fall die Frage aufwirft, welche rassistischen Vorurteile noch immer herumspuken in einem Land, das 2008 erstmals einen Präsidenten mit dunkler Haut wählte. In Atlanta, Chicago, San Francisco und Washington provoziert der Freispruch spontane Proteste. Jesse Jackson, den Mitstreiter Martin Luther Kings und späteren Präsidentschaftskandidaten, lässt er besorgt twittern: "Vermeidet Gewalt, Gewalt führt nur zu neuen Tragödien, findet konstruktive Wege." Sybrina Fulton, die Mutter Trayvon Martins, schreibt: "O Herr, in meiner finstersten Stunde lehne ich mich an dich."

Kurz darauf avisiert die NAACP, eine Dachorganisation schwarzer Bürgerrechtler, dass sie Justizminister Eric Holder bitten wird, den Fall noch einmal aufzurollen. In bitteren Worten vergleicht ihr Chef Benjamin Jealous das Verdikt mit dem Freispruch für jene vier Polizisten, die 1992 in Los Angeles den Afroamerikaner Rodney King nach nächtlicher Verfolgungsjagd fast zu Tode prügelten und dennoch freigesprochen wurden von einer Jury, der kein einziger dunkelhäutiger Geschworener angehörte.

Der "falsche" Fall

Mark O'Mara, Verteidiger Zimmermans, warnt dagegen vor der Rassismuskeule: Eine Diskussion über die Art, wie die Justiz mit jungen schwarzen Männern umgehe, sei zu jeder Zeit angebracht, nur sei dieser Fall der falsche dafür. In einem Satz: Amerika ist gespalten. Seit dem Mordprozess gegen den Footballstar O. J. Simpson hat kein Gerichtsverfahren die Nation derart aufgewühlt wie der Tod von Trayvon Martin.

Der schwarze Teenager war am 26. 2. 2012 auf dem Heimweg vom Supermarkt, im Nieselregen hatte er die Kapuze seines Kapuzenpullis über den Kopf gezogen. Zimmerman, freiwilliger Wachmann der Neighborhood Watch, folgte ihm, weil er den 17-Jährigen für einen Einbrecher hielt. Obwohl die Notrufzentrale abriet, stieg er aus seinem Jeep. Was dann passierte, ist auch nach drei Wochen Verhandlung und 56 Zeugenaussagen nicht eindeutig geklärt.

Laut Verteidigung hat Martin Zimmerman niedergeschlagen und seinen Kopf mehrfach auf den Gehsteig geschlagen, so heftig, dass der 28-Jährige um sein Leben fürchtete und seine Waffe zog. Ergo: Notwehr.

Jury hielt sich an uraltes Prinzip

Nach den Argumenten der Staatsanwälte dagegen wäre gar nichts passiert, hätte Zimmerman den Jungen nicht so aggressiv in die Enge getrieben, hätte er Martin nicht allein wegen Hautfarbe und Kleidung in die kriminelle Schublade gesteckt. "Verdammte Punks, diese Arschlöcher kommen immer davon", zitierte ein Kläger den Wächter im Dialog mit einem Notrufdispatcher. "George Zimmerman erschoss Trayvon Martin nicht, weil er musste, sondern weil er es wollte."

Wo die Beweise für diese These seien, hatte die Verteidigung immer wieder gefragt. Dass Zimmerman "ein übergeschnappter Hobby-Cop" sei, der durchs Viertel streife, damit er schikanieren könne - kein Zeuge habe diese Version der Anklage nachgezeichnet, betonte O'Mara. Und: Ein Gerichtsmediziner bestätigte, dass Zimmerman unter Martin gelegen haben muss, als er den Schuss aus seiner Kel-Tec-Pistole abfeuerte.

Die Jury hielt es schließlich mit einem uralten Prinzip: im Zweifel für den Angeklagten. (Frank Hermann, DER STANDARD, 15.7.2013)

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    Der Freispruch des freiwilligen Wachmanns George Zimmerman führte umgehend zu Protesten. Gelegentlich entlud sich die Wut - die meisten Demonstrationen blieben aber friedlich.

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