"Musikstädte" als musikalische Ausbildungsmuffel

14. Juli 2013, 18:02
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In Wien müssen private Vereine einspringen, um Musikschulen zu betreiben, die Wartelisten in den öffentlichen sind lang

Wien - Nicole Marte hat schon viel in ihren Traum von einer Musikschule für Wien-Penzing investiert - Zeit, Geld, aber vor allem Herzblut. Sie ist die Obfrau und künstlerische Leiterin des Vereins der Freunde des Zentrums für Musikvermittlung, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Kindern und Jugendlichen Musikunterricht zu ermöglichen - und das fast ohne Geld der Stadt.

Dabei ist der Zulauf bei der Initiative, die ursprünglich eigentlich die Gründung einer städtischen Musikschule zum Ziel hatte, enorm: 300 Schüler werden derzeit in Penzing unterrichtet, und das trotz der deutlich höheren Kursgebühren als in den geförderten Musikschulen der Stadt.

Wer etwa 45 Minuten Einzelunterricht pro Woche nimmt, muss dafür bei der Musikvermittlung 88 Euro monatlich zahlen. Der Verein versucht nicht nur, kostendeckend zu arbeiten, sondern auch Patenschaften zu vermitteln. Zum Vergleich: In einer Musikschule der Stadt Wien kosten 50 Minuten pro Woche lediglich 200 Euro pro Semester.

Ausgerechnet die Musikstadt Wien hat oft lange Wartelisten, vor allem bei den begehrten Instrumenten wie Klavier, Violine und Gitarre. Schon anhand der Zahlen ist das naheliegend: Von den österreichweit fast 2000 Musikschulen sind nur etwa 100 in Wien.

Während im österreichischen Schnitt 102,2 von 1000 Personen im Alter von fünf bis 25 Jahren Musikschüler sind, liegt dieser Wert in Wien bei 26,1. Spitzenreiter in dieser Disziplin ist Niederösterreich mit 148,2 Musikschülern pro tausend Einwohnern.

Martina Reiterer ist in der MA 13 für die Musikschulen zuständig. Sie sagt, die Stadt erhebe bei der Musikausbildung keinen Anspruch auf Vollständigkeit, vielmehr versuche man, Lücken bei nicht so begehrten Instrumenten zu schließen. Eine Gründung von Musikschulen in allen Bezirken sei nicht geplant; derzeit werde erhoben, in welchen Regionen Defizite herrschen würden und wo das private (und teurere) Angebot ausreichend sei. Für Reiterer ist jedenfalls klar: "Es müssen nicht alle in Musikschulen der Stadt Wien gehen."

Musik als Gemeindesache

Anders in den Bundesländern: So sind Musikschulen in Vorarlberg Gemeindesache. 93 der 96 Kommunen gehören zum "Vorarlberger Musikschulwerk". Betrieben werden 18 Musikschulen, organisiert sind die Schulen als Vereine oder Gesellschaften, die wiederum von den Gemeinden getragen werden.

Aktuell werden 14.600 Schülerinnen und Schüler von 539 Lehrenden unterrichtet. Das Land ersetzt den Gemeinden 36 Prozent der Personalkosten, die Gemeinden bestimmen die Tarife. Die Wartezeiten auf einen Musikschulplatz hängen vom Instrument ab. Michaela Nestler vom Musikschulwerk: "Derzeit haben wir einen Gitarrenboom. Da muss man je nach Schule ein Jahr auf einen Platz warten."

Wenig Musikschüler gibt es dagegen im Musikland Salzburg. Mit nur 72 Kindern und Jugendlichen auf 1000 Einwohner schneidet man im Bundesländervergleich am zweitschlechtesten ab. Die 17 Musikschulen im gesamten Bundesland werden vom Musikum, einer Bildungseinrichtung mit Öffentlichkeitsrecht, gestellt.

Der Unterricht wird fast flächendeckend in jedem kleinen Ort angeboten. Die 9500 Schüler haben die Wahl zwischen 400 Lehrkräften und 70 verschiedenen Unterrichtsangeboten. Finanziert wird der Unterricht zu drei Vierteln von Land und Stadt Salzburg sowie den Gemeinden. Für Kinder und Jugendliche kosten 50 Minuten Einzelunterricht in der Woche 645 Euro pro Jahr. Erwachsene zahlen dafür 967,50 Euro.

Kritik vom Rechnungshof

Die Kosten für die Allgemeinheit werden in Oberösterreich kritisiert. Beim "Landesmusikschulwerk" sorgte im Vorjahr der Landesrechnungshof für Disharmonie. Die Prüfer rieten zu einer "wirtschaftlichen Optimierung": 67,1 Millionen Euro kostete die Steuerzahler das "Landesmusikschulwerk" allein 2011.

Damit verschlingt die Institution 45 Prozent des gesamten Kulturbudgets Oberösterreichs. Der Landesrechnungshof riet zur Einsparung von Personalkosten um bis zu zehn Prozent sowie zur Erhöhung des Deckungsbeitrags von 11,8 auf 25 Prozent; 20 Prozent wurden 2012 bereits erreicht.

Außerdem empfahlen die Prüfer die Optimierung der Lehrpläne und Gruppenunterricht. Das Landesmusikschulwerk umfasst 155 Landesmusikschulen, unterrichtet werden rund 41.000 Schülerinnen und Schüler. Darüber hinaus betreibt die Stadt Linz eine Musikschule, die vom Land Oberösterreich finanziell gefördert wird. (hei, jub, mro, ruep, DER STANDARD, 15.7.2013)

  • Wie lange man auf die Chance zum Klavierlernen warten muss und wie viel dafür zu zahlen ist, hängt primär davon ab, in welchem Bundesland man wohnt - die Unterschiede sind groß.
    foto: standard/hendrich

    Wie lange man auf die Chance zum Klavierlernen warten muss und wie viel dafür zu zahlen ist, hängt primär davon ab, in welchem Bundesland man wohnt - die Unterschiede sind groß.

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