Kalliauer: Handel verträgt mehr Beschäftigung

Interview14. Juli 2013, 18:36
180 Postings

Dayli-Verkäuferinnen könnten sich zu Pflegerinnen umschulen lassen, sagt der Präsident der Arbeiterkammer Oberösterreich, Johann Kalliauer

STANDARD: Alpine, Dayli und Doubrava sind insolvent, Siemens baut Stellen ab. In allen Fällen ist Oberösterreich besonders stark betroffen. Wie viel Hoffnung können Sie den Leuten auf neue Jobs machen?

Kalliauer: Diese Häufung an Insolvenzen bereitet uns Sorge. Allein bei der Alpine geht es bei uns um 1000 Stellen. Stiftungen ermöglichen Umschulungsmöglichkeiten und damit neue Perspektiven. Das zentrale Problem aber ist, dass die zusätzlichen Jobs nicht da sind.

STANDARD: Bei Dayli sind viele Verkäuferinnen über 40 und ungelernte Kräfte, die in Teilzeit arbeiten ...

Kalliauer: Die Krise bei Dayli tut besonders weh, da wir uns massiv dafür eingesetzt haben, dass das Unternehmen nicht das Schicksal der früheren Schlecker-Mutter in Deutschland erleidet. Es ist auch unser Verdienst, dass die Drogeriemarktkette nicht von ihr mitgerissen wurde.

STANDARD: War man hier nicht zu gutgläubig? Dayli in großem Stil zu einem europäischen Nahversorger auszubauen, der bei Dienstleistungen von Leihautos bis Kopierer alle Stückerln spielt - diese Pläne waren doch von Anfang an unrealistisch.

Kalliauer: Wir waren immer skeptisch - vor allem, als das Konzept dann auf einer Sonntagsöffnung fußte, vor der wir dringend abrieten. Das war ein reiner Werbegag. Rudolf Haberleitner (früherer Dayli-Eigentümer, Anm.) gab selbst zu, dass es sich für den Gutteil seiner Filialen nicht rechnen würde.

STANDARD: Wird für Dayli-Mitarbeiter in Oberösterreich eine Arbeitsstiftung eingerichtet?

Kalliauer: Wir werden eine zustande bringen. Wichtig aber sind Impulse, um die Wirtschaft anzukurbeln und die Kaufkraft zu stützen. Wir brauchen Sanierungen von Schulen, mehr thermische Sanierungen und Investitionen in den Ausbau einer ganztägigen Kinderbetreuung. Das alles ist unmittelbar beschäftigungswirksam - und mittelfristig bringt es zusätzliche Kaufkraft.

STANDARD: Zurück zu den Arbeitsstiftungen, die Millionen Euro verschlingen: Steht der enorme finanzielle Aufwand wirklich dafür?

Kalliauer: Die hohen Kosten stehen dafür, dieses Geld ist gut investiert. Denken Sie an die Mitarbeiter der Quelle, die damit unterstützt wurden. Das hat vielen bei der Suche nach neuen Jobs geholfen. Wer etwa in den Bereich Pflege und Gesundheit umsteigt, hat gute Chancen auf eine dauerhafte Beschäftigung.

STANDARD: Auf welche Berufe könnten die vielen Verkäuferinnen von Dayli umgeschult werden? Mit Juli müssen bei der Handelskette mehr als 1200 Mitarbeiter gehen.

Kalliauer: Für die eine oder andere ist sicher der Pflege- und Gesundheitsbereich interessant. Die Mitarbeiterinnen haben hohe Loyalität und viel Organisationstalent bewiesen - andere Handelsketten werden sie gerne aufnehmen.

STANDARD: Die Fluktuation im Einzelhandel ist groß. Die Branche ist aber in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit für viele Jobsuchende eine Anlaufstelle, was zu Verdrängung führt. Wird hier das Potenzial an offenen Stellen nicht überschätzt?

Kalliauer: Es werden hier nicht alle unterkommen. Viele Handelsketten fahren jedoch mit einem Minimum an Personal. Beschwerden der Kunden über zu wenig Personal und Beratung häufen sich. Das wird die Branche dazu zwingen, mehr Leute aufzunehmen.

STANDARD: Der Handel klagt jedoch über magere Geschäfte, auch große Konzerne fahren Verluste ein.

Kalliauer: Seine Margen sind nicht exorbitant, von Verhungern ist jedoch keine Rede. Der Handel verträgt mehr Beschäftigung.

STANDARD: Der Insolvenzentgeltfonds, der die Gehälter zahlungsunfähiger Betriebe auszahlt, kippt heuer durch Alpine und Dayli voraussichtlich ins Minus. Die ÖVP drängt darauf, die Beiträge an den Fonds zu kürzen ...

Kalliauer: Das ist eine Schnapsidee. Es ist ja schon sehr bedenklich, dass der Fonds nicht einmal zwei große Pleiten ohne eine Zwischenfinanzierung über Kredite verkraftet. Darauf zu schielen, ihn auch noch auszuräumen, ist unverantwortlich. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 15.7.2013)

Johann Kalliauer (60) ist Vizepräsident der Bundesarbeiterkammer und seit gut zehn Jahren Präsident der oberösterreichischen Arbeiterkammer. Der gebürtige Welser, passionierte Gärtner und promovierte Jurist ist Vater zweier erwachsener Kinder.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Dayli trennt sich im Juli von mehr als 1200 Mitarbeitern. Die Bundesländer bereiten Arbeitsstiftungen vor.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Johann Kalliauer

Share if you care.