Perücken im Operettenwind

12. Juli 2013, 17:49
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Premiere des "Bettelstudenten": Die erste Saison der neuen Intendantin Dagmar Schellenberger startet erfolgreich mit hohem Musikniveau und Kostümpracht

Mörbisch - Opulente Eröffnungszeremonie: Als die neue Zeit mit dem Bettelstudenten begann, war mancher wohl längst reif für eine ausgiebige erste Sektpause. Statt jenes Mannes, der eine Ewigkeit lang (Gäste launig begrüßend) die Schwächen seines Namensgedächtnisses zelebrierte, erscholl nicht nur die neue Mörbischer Bläserfanfare.

Nebst Neointendantin Dagmar Schellenberger ("... werde mein Leben Mörbisch widmen!") sprachen u. a. der burgenländische Landeshauptmann, sein Stellvertreter, der Vizekanzler und der Bundeskanzler. Auch wurde - umrahmt von einem episch wirkenden Operetten-Potpourri - der langjährige Musikleiter der Festspiele, Rudolf Bibl, zum Ehrenmitglied ernannt. Und nachdem jene Brücke zwischen Zuschauern und Bühne abgebaut worden war, überraschten per Lausprecher nicht Operettentöne, vielmehr Unterweisungen, wie man sich im Falle der Evakuierung des Geländes zu verhalten habe.

Es war natürlich einiges zusammengekommen: neue Intendanz, der Wahlkampf, der Politiker die Rolle als Kulturaficionado üben lässt. Das fordert Zeit. Immerhin aber wurde nicht auf die medial ausgebreiteten Mörbisch-Phantomschmerzen des Schellenberger-Vorgängers eingegangen. Ansonsten die Premiere wohl kaum vor Mitternacht begonnen hätte.

Die Evakuierungsunterweisung jedenfalls erwies sich als unnötig; die Premiere bot keinerlei Anlass zu panikartigem Verlassen des Geländes. Im Gegenteil: Carl Millöckers Geschichte von Krakauer Liebes- und Politwirren verbreitete das muntere Flair einer schrill eingekleideten Historie: Stolze Barock-Perücken trotzten dem Wind; Rokoko-Reifröcke bezirzten durch Farbpracht.

Und zweifellos waren auch die soliden Choreografien (Renato Zanella) zumindest dazu angetan, die Riesenbühne zu beleben, deren Bildercharme sich zwischen Urbanität und Natur bewegte (Yadegar Asisi). Wesentliches kam hinzu: Sowohl der nach Rache lechzende Oberst Ollendorf (witzig Henryk Böhm) wie auch die von ihm zu Rachezwecken ausgewählten Jan (eindringlich Gert Henning Jensen) und Symon (angenehmer Tenor Mirko Roschkowski) zeigten, dass Regisseur Ralf Nürnberger auf Personenführung abseits des Skulpturhaften Wert legt. Selbiges gilt für Laura (die Glanzleistung des Abends: Cornelia Zink) und Bronislava (gediegen Daniele Kälin).

Vielleicht gerieten die Sprechpassagen etwas gar lang. Die szenische Munterkeit in Verbindung mit dem hohen Gesangsniveau, das vom Orchester unter Uwe Theimer opulent umrahmt wurde, ergab eine sehr respektable Erstpremiere der neuen Intendanz, die schließlich - alte Tradition - mit einem Feuerwerk minutenlang die Dunkelheit vertrieb. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 13.7.2013)

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    Regisseur Ralf Nürnberger füllte den Bühnenraum auch mit galanten Gesten.

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