Die Grande Nation hat den Blues

13. Juli 2013, 15:28
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Frankreich verzweifelt an sich selbst und öffnet den Rechtspopulisten rund um Marine Le Pen die Arme

Frankreich ist ein Land der Rituale. Am 14. Juli, dem Nationalfeiertag, nimmt der Präsident in Paris die Truppenparade zu Marschmusik und rot-weiß-blauen Rauchfahnen der "Patrouille de France" ab. Dann entlässt er die Citoyens mit gewählten Worten in den Urlaub. Ein paar Tage lang kurven noch ein paar Dutzend schwitzende Radprofis durch das schöne Land - bis sich mit dem Ende der Tour de France auch Paris leert.

Wie streng der Ritus ist, zeigt sich beim alljährlichen präsidialen Interview. François Hollande hatte im Wahlkampf 2012 gleich drei Mal hoch und heilig versprochen, er werde im Fall seiner Wahl und zur Wahrung der Pressefreiheit keine Journalisten mehr zum Interview ins Élysée bestellen. Am Sonntag wird er genau das tun. Die Kraft des republikanischen Protokolls ist ganz einfach stärker.

Oft wirkt Hollande gefangen in der Etikette des Élysée-Palastes - und Frankreich erdrückt vom Gewicht der Traditionen. Vieles ist nur mehr Schein. Die Postkartenbilder der Tour de France verdrängen auch heuer kaum den Dopingverdacht. Und der Pomp des Militärumzugs verbirgt nicht den bevorstehenden Aderlass der französischen Armee: Bis zu 30.000 Stellen sollen gestrichen werden. Experten gehen davon aus, dass selbst die Elitetruppen bald nicht mehr in der Lage sein werden - wie im Frühjahr in Mali - einen monatelangen Feldzug gegen Islamisten zu führen.

Der mächtige französische Zentralstaat, der so stolz ist auf sein umfassendes "modèle social" ist, hat nämlich ein Problem: Er ist pleite. Die Staatsschuld, 92 Prozent des Bruttoinlandproduktes, hat ein neues Rekordhoch erreicht. Also gibt es auch kein Geld mehr zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, die ebenfalls den historischen Rekord von drei Millionen Menschen gebrochen hat.

39 Prozent der Franzosen kürzen im Sommer 2013 ihr Ferienbudget. Ein Drittel verbringt den Urlaub bei oder mit Familienangehörigen, ein Zehntel bloß bei den Großeltern, um zu sparen.

"Frankreich ist deprimiert"

"Die großen Sommerferien gibt es nicht mehr", meint der Soziologe Jean-Didier Urbain. Der Trend sei durch die Wirtschaftskrise verschärft worden: "Die Leute merken, dass alles teurer wird." Auch das Restaurant können sich viele Franzosen nicht mehr leisten. Sogar alteingesessene Brasserien servieren heute zugelieferte Fertiggerichte aus dem Plastikbeutel.

Wenn die Franzosen auf die sakrosankte Sommerpause und das gute Essen verzichten, ist etwas faul im Staate. "Frankreich ist deprimiert", meinte diese Woche der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Franzose Oliver Blanchard. In einer Umfrage verdammt eine Mehrheit der Befragten in einem Atemzug die Globalisierung und die Politik, die Chinesen und die Immigranten. 87 Prozent der Befragten denken, ihr Land brauche "einen wahren Chef, der für Ordnung sorgt".

Der sonst eher zurückhaltende Politologe Alain Duhamel kommentiert: "Frankreich macht nicht nur eine Identitätskrise durch, sondern steckt in einer Depression. Es präsentiert alle Symptome einer verwundeten Nation, die im Griff einer schrecklichen Melancholie ist, bereit, den schlimmsten Demagogen zu folgen." Gemeint ist Marine Le Pen, die Chefin des Front National, die mit ihren nationalistischen und neuerdings auch sozialen Parolen immer mehr Wähler anzieht. In Nachwahlen der vergangenen Monate erreichten ihre Kandidaten gut 47 Prozent der Stimmen und verpassten den Einzug in die Nationalversammlung damit nur knapp.

Duhamels alarmierende Kolumne erschien noch vor der Rückkehr Nicolas Sarkozys auf die Politbühne. Auch der Expräsident von 2007 bis 2012 sucht vom Blues zu profitieren. Er inszeniert sich bewusst als "homme providentiel", als Mann der Vorsehung, der die Ordnung wiederherstellen will wie einst Charles de Gaulle oder Napoleon. Dabei war die Staatsschuld während Sarkozys Amtszeit um rund 500 Milliarden Euro explodiert.

Dass ihm die Franzosen bereits wieder zujubeln, spricht Bände über ihre politische Verfassung. Aber sie wollen heute einen Mann, der es ihnen richtet. Oder eine Frau. (Stefan Brändle, DER STANDARD, 13.7.2013)

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    Einen "ethischen und sozialen Notfall" sah dieser Demonstrant im Mai bei einer Kundgebung in Paris.

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