"Der Kader braucht keine Verstärkung"

Interview12. Juli 2013, 17:42
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Nenad Bjelica, der neue Trainer von Meister Austria Wien, über seine Philosophie, das Familiäre im Klub und den Fußball an sich

Standard: Wie sieht Ihre Philosophie vom Fußball aus?

Bjelica: Ich versuche immer auf Sieg zu spielen, immer mit Ambition zu spielen. Egal wo oder gegen wen. Das hängt nicht vom System ab, sondern von der Einstellung, mit der die Spieler ins Spiel gehen. Das alles kann man nur mit harter Arbeit erreichen. Wer mehr arbeitet, wird mehr gewinnen. Das ist mein Motto.

Standard: Sie sind vom Aufsteiger Wolfsberger AC zum Meister Austria gekommen. Macht das in der Arbeit einen Unterschied?

Bjelica: Der Unterschied ist groß, was die Situation im Verein, das Umfeld betrifft. Als Trainer habe ich die letzten Jahre auf dem Niveau des WAC gearbeitet. Aber als Fußballer bin ich immer auf dem Niveau der Austria gewesen. Ich sehe es also jetzt als Rückkehr dorthin, wo ich immer war als Fußballer. Deswegen ist das für mich keine große Umstellung.

Standard: Haben Sie schon mit Ihrem Vorgänger Peter Stöger gesprochen?

Bjelica: Ich habe noch keine Möglichkeit gehabt. Nächste Woche werde ich versuchen, ihn zu erreichen. Aber es sind zwei Trainer in meinem Stab, die mit ihm gearbeitet haben. Ich habe vieles mitbekommen, ich weiß, wo die Schwerpunkte waren. Ich will die Mannschaft auf meine Art weiterführen. Positive Dinge vom Peter werde ich fortsetzen und das eine oder andere verbessern. Das wird nicht einfach. Die Spieler müssen in jedem Training, in jedem Spiel ans Limit gehen, dann können sie sich auch weiterentwickeln.

Standard: Ist die Mannschaft in dem Zustand, den Sie sich vorgestellt haben?

Bjelica: Nach dreieinhalb Wochen ist dieser Zustand normal, körperlich und spielerisch. Das ist kein perfekter Zustand, aber das haben wir auch nicht gesucht. Wir müssen uns nicht für Vorbereitungsspiele fit machen, sondern für eine lange Meisterschaft. Die Spieler haben positiv reagiert auf die Arbeit. Der eine oder andere sagt schon, dass er lange nicht mehr so eine schwere Vorbereitung gehabt hat. Aber das ist nötig, wir spielen in drei Bewerben, wollen überall das Maximum herausholen.

Standard: Ist es fix, dass Torjäger Philipp Hosiner bleibt?

Bjelica: So wie es derzeit ausschaut, wird er bei uns bleiben, und das freut mich. Einen neuen Stürmer in so kurzer Zeit zu integrieren ist schwierig.

Standard: Gibt es Positionen, für die Sie gerne Verstärkung hätten?

Bjelica: Nein. Nur wenn uns ein Spieler verlässt, werden wir uns um Alternativen umschauen. Der jetzige Kader braucht keine Verstärkung.

Standard: Internationale Ergebnisse legen nahe, dass sich die österreichischen Klubs immer weiter von der europäischen Spitze entfernen. Ist dieser Trend umzudrehen?

Bjelica: Wir werden ja sehen, ob wir in dieser Saison die Gruppenphase in der Champions League oder Europa League erreichen können. Dann wird man wieder über Steigerung sprechen. Das sind Phasen. Die Gründe sind natürlich, dass viele junge Österreicher ins Ausland gehen. Dadurch verliert die Liga an Qualität. In Österreich herrscht auch wirtschaftliche Krise. Die Vereine schauen, dass sie junge Spieler verkaufen, um überleben zu können. Und die reichen Länder wie Deutschland profitieren davon. Die Liga ist etwas ärmer geworden.

Standard: Der Zuschauerschnitt in der Liga ist zuletzt gesunken.

Bjelica: Trotzdem sage ich, dass der österreichische Fußball auf gutem Niveau ist. Die Nationalmannschaft wird immer besser, die Liga ist interessant. Voriges Jahr hat es überall Kampf gegeben, gegen den Abstieg, um den Europacup, um den Meistertitel. Wenn das so bleibt, hoffe ich, werden wieder mehr Menschen ins Stadion kommen.

Standard: Wo haben Sie die Trainerausbildung gemacht?

Bjelica: In Kroatien. Als Ex-Nationalspieler hast du einige Vorteile. Im April bin ich mit allen Prüfungen fertig geworden. Die Diplomarbeit muss ich noch schreiben.

Standard: Zu welchem Thema?

Bjelica: Zum Konterspiel.

Standard: Im Moment läuft die Tour de France, da wird immer viel über Doping gesprochen. Thematisieren Sie Doping in der Mannschaft?

Bjelica: Wir passen auf, dass kein Spieler ein verbotenes Medikament nimmt. Wenn er etwas braucht, müssen wir eine Alternative suchen. Die Doping-Kommission kommt oft unerwartet zum Training. Die Strafen sind sehr hoch. Man muss aufpassen, dass man nicht für einen unabsichtlichen Fehler teuer bezahlt.

Standard: Träumt man als Fußballtrainer davon, dass man irgendwann bei einem Klub landet wie Bayern, Barcelona oder Real?

Bjelica: Ich weiß nicht, ob ich bei so einem großen Klub landen werde. Aber ich werde als Trainer alles tun, um in eine große Liga zu kommen wie Deutschland oder Spanien. Jetzt ist mein Kopf nur bei der Austria. Ich will hier lange bleiben. Dann werde ich die Chance bekommen. Aber ich werde nicht von Deutschland träumen, wenn ich bei einem Klub wie der Austria bin. Ich will jeden Tag genießen und die Austria-Familie zu weiteren Erfolgen führen.

Standard: Ist die Austria wirklich eine Familie, wie sie es geradezu beschwört?

Bjelica: Absolut. Das kommt von ganz oben, da steht ein Präsident, Herr Katzian, ein Familienmensch, mit dem du per Du bist und über alles sprechen kannst. Unter ihm stehen die Vorstände, Herr Parits und Herr Kraetschmer, die auch sehr normale Menschen sind. Der Trainer passt mit seiner Mentalität und seiner Philosophie dazu. Das alles macht die Austria familiär. Ich hoffe, dass wir Erfolg haben. Dann wird diese Familie weiter wachsen.

Standard: Wenn der Erfolg ausbleibt, droht der Familienstreit.

Bjelica: Das ist so. Umso wichtiger ist es dann, dass sich der Vater der Familie, der Präsident, richtig verhält. Dass er sich nicht verrückt macht, wenn man zweimal gewinnt oder verliert. Man muss immer auf dem Boden bleiben. Die Niederlagen sind ein Teil von diesem Sport, und das muss man akzeptieren. Was wir nicht akzeptieren können, ist, wenn man keinen Einsatz, keinen Willen bringt. Das ist die Grundvoraussetzung.

Standard: Ist für Sie die Austria Favorit in der Meisterschaft?

Bjelica: Favorit ist Salzburg, weil sie ein doppelt so großes Budget wie wir haben, weil sie jeden kaufen können. Aber wir haben eine gute Mannschaft und Spieler mit tollem Potenzial, mit tollem Charakter. Und wenn eine große Familie zusammen um etwas kämpft, dann kann sie auch zusammen etwas erreichen. Ich sehe große Bereitschaft. So kann man überraschen, wie die Austria in der vergangenen Saison überrascht hat. Weshalb sollte sie nicht wieder überraschen? (Benno Zelsacher, DER STANDARD, 13./14.07.2013)

NENAD BJELICA (41), Kroate aus Osijek, kickte als Mittelfeldspieler bei Osijek, Albacete, Betis Sevilla, Las Palmas, Kaiserslautern, Admira Wacker, FC Kärnten. Neun Einsätze im kroatischen Team. Kroatiens Fußballer des Jahres 2000. Trainer beim FC Kärnten, FC Lustenau und beim Wolfsberger AC, mit dem er den Aufstieg in die Bundesliga schaffte. Bei der Austria hat Bjelica einen Zweijahresvertrag. Verheiratet, zwei Söhne (16 und 9), die bei Austria Klagenfurt spielen.

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    "Die Spieler müssen in jedem Training ans Limit gehen", sagt Nenad Bjelica.

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    "Ich sehe große Bereitschaft. So kann man überraschen."

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