Öldorado inmitten von Sonnenblumen

Reportage13. Juli 2013, 12:00
94 Postings

Das Weinviertel steht nicht nur für Weißwein, es ist auch das Zentrum der österreichischen Öl- und Gasförderung

Wien/Erdpreß - Sein Arbeitsplatz ist fast so groß wie das Cockpit eines Jumbos. Statt auf das Rollfeld und andere Flugzeuge kann Mark von seinem Sitz in zehn Metern Höhe auf Weingärten, Windräder, Getreide und Sonnenblumenfelder sehen. Für die Botanik rundum hat der Mittvierziger aber kaum ein Auge. Seine Aufmerksamkeit gilt dem Gestänge vier Meter von der Glasfront entfernt, die seinen "Hochsitz" nach vorne hin abschließt.

Mit rund 90 Umdrehungen pro Minute bohrt sich das Gestänge, angetrieben von einem Motor, durch das Gestein. Ziel ist eine ölführende Sandschicht, die nach den seismischen Messungen in 2500 Metern Tiefe liegen müsste. "Hier oben fühlt man sich wie ein Flugkapitän", sagt Mark, verschränkt die Arme und lacht. "Nur die Stewardessen fehlen."

Mark kommt aus Deutschland. Er arbeitet für DrillTec, ein Unternehmen mit Sitz im bayerischen Deggendorf. DrillTec bohrt im Auftrag und auf Anweisung der OMV im niederösterreichischen Weinviertel nach Kohlenwasserstoffen. Das Bohrloch, mit dem Mark diese Woche beschäftigt war, trägt den Namen Erdpreß 19. Nächste Woche heißt es abbauen und übersiedeln. Der nächste Bohrplatz ist nur drei Steinwürfe entfernt. Bagger sind gerade dabei, einen Behelfsweg dorthin zu planieren. Der Bohrturm wird in den nächsten Tagen abgebaut, mit Tieflader und Lkw zum neuen Einsatzort gebracht und wieder zusammengebaut. Zeit ist Geld. Jeder Tag kostet zigtausende Euro.

Erdpreß liegt nur eine knappe Autostunde von Wien entfernt (siehe Grafik) und befindet sich unweit der Marchfelder Gemeinde Matzen. So heißt auch das größte zusammenhängende Erdölfeld Mitteleuropas.

Gut erforscht

Das Wiener Becken ist eines der geologisch und bohrtechnisch am besten erforschten im näheren und weiteren Umkreis. Aus rund 1000 Sonden wird Öl und Gas gefördert. Einige der Lagerstätten liefern schon seit 50, 60 Jahren wertvolle Energie.

"Den Höhepunkt der Öl- und Gasförderung gab es hier 1955", sagt OMV-Bohrchef Wilhelm Sackmaier. Seither sei die Förderung mehr oder weniger kontinuierlich zurückgegangen. Mit modernster Technologie, etwa Richtbohrtechnik, habe man es zuletzt aber geschafft, den Rückgang der Produktion zu stoppen und auch aus alten Feldern noch zusätzliches Öl zu gewinnen - mittels Injektion von Wasser. Konnte man früher 30 Prozent des Öls fördern, sind es inzwischen 40 Prozent.

"Es ist schon paradox. Der Aufwand steigt, die Mengen, auf die wir stoßen, sind aber deutlich kleiner als früher," sagt Sackmaier bei einem Lokalaugenschein des Standard. Dennoch führe kein Weg daran vorbei. "Wenn wir nichts tun, haben wir irgendwann gar nichts mehr. Wir stehen unter permanenter Herausforderung, neues Öl und Gas zu finden."

Über Joysticks, die links und rechts des Cockpitsessels montiert sind, bedient Mark, der Driller, die Bohrmaschinerie. Er ist verantwortlich für alle Abläufe vom Boden bis zur Turmspitze, die 33 Meter in den Himmel ragt. Gearbeitet wird in zwei Schichten rund um die Uhr, sieben Tage die Woche.

Wenn Mark alle 1,5 Stunden eine Pause einlegt, nimmt ein Springer seinen Platz am Kontrollpult ein. Beide haben die Bohrmeisterschule in Celle besucht, dem deutschen Pendent zum Bergbauzentrum Leoben.

Rauchen verboten

Knapp 50 Mitarbeiter arbeiten am Bohrplatz, die Mehrzahl bei Fremdfirmen. "Rauchen ist auf dem gesamten Gelände verboten, der Gebrauch von Handys und Fotoapparaten auch", klärt Ferdinand Warkoweil Besucher am Eingangstor auf. Warkoweil ist Sicherheitsbeauftragter der Firma Securitas, die für die OMV das Gelände rund um die Uhr bewacht. "Viermal unterbrochenes Hupen heißt Feueralarm, ein Dauerton bedeutet Gasalarm", setzt Warkoweil seine Ausführungen fort. "Im Alarmfall bitte alle am Sammelplatz in Fünferreihen aufstellen."

Mehr als ein halbes Dutzend Firmen sind permanent auf dem Gelände. Die Liste reicht von Schlumberger, die für die Bohrlochmessungen zuständig sind, bis Halliburton, die den Raum zwischen Bohrrohr und Gestein mit Zementmasse füllen. "Wenn spezielle Arbeiten anfallen, kommen noch andere Firmen hinzu", erzählt Sackmaier, der Bohrchef der OMV.

Die Bohrplätze seien in der Regel von den Bauern gepachtet, auch der in Erdpreß, der gut 4500 m2 groß ist. "Nach Abschluss der Bohrung wird die beanspruchte Fläche auf etwa 1200 m2 zurückgebaut, gerade so viel, wie wir für die Sonde brauchen. Wenn wir ausgefördert haben, wird das Loch verfüllt und abgedichtet. Von der Bohrung sieht man dann gar nichts mehr", sagt Sackmaier. Er hat in Leoben studiert und war viel im Ausland unterwegs, unter anderem in Pakistan und Libyen.

Der Weg zurück nach Gänserndorf, wo die OMV ihre Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten im Bereich Exploration und Produktion gebündelt hat, führt an Roggen- und Kukuruzfeldern vorbei. Windräder ziehen monoton ihre Kreise. Links und rechts der Straße bewegen sich Pumpenböcke auf und ab. Manche sagen nickende Pferdeköpfe dazu. (Günther Strobl, DER STANDARD; 13.7.2013)

  • Die Rohre für das Bohrloch, das in Erdpreß 2500 Meter in die Tiefe führt, stammen aus Kindberg.
    foto: ovm

    Die Rohre für das Bohrloch, das in Erdpreß 2500 Meter in die Tiefe führt, stammen aus Kindberg.

  • des Bohrturms fördern Pumpenböcke Rohöl aus dem Boden.
    foto: ovm

    des Bohrturms fördern Pumpenböcke Rohöl aus dem Boden.

  • Artikelbild
    grafik: standard
Share if you care.