Helden einer Kindheit

Glosse12. Juli 2013, 19:40
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Balkanskys Helden aus Tusche, Farbe und Wort: Kapitän Nemo, Zagor, Flash Gordon und Co

Mein Großvater ist mein erster und bisher einziger Held aus Fleisch und Blut. Weil er mithilft, Adolf Hitler in seinen Nazi-Arsch zu treten und weil er stets so unendlich gütig, mild und gerecht ist. Doch selbst Opa hat seine unheldischen Momente, die mich lehren, lebendigen (und auch toten) Helden nicht bedingungslos zu trauen.

Stattdessen werden Figuren aus Tusche, Farbe und Wort meine Helden ...

Die 20.000 Meilen

Kapitän Nemo ist der erste Antifaschist nach meinem Opa, der mich begeistert. Dabei ist es ein purer Zufall, der mich zu Jules Verne führt. Ich bin fast acht Jahre alt und der Kunst des Lesens erst seit zwei Jahren mächtig, als mir ein Buch auffällt, das den selben Titel trägt, wie ich sonst meine Oma kose: Nana. Von Emile Zola.

Dieses Buch steht in einem Regal in unserer Wohnung in Beograd zusammen mit anderen Büchern und ich bin endlich groß genug, um dorthin greifen zu können. Doch "Nana" hat keine Bilder auf dem Einband. Also lege ich es wieder zurück und bemerke dabei, dass gleich daneben ein Buch steht, auf dessen Einband Männer zu sehen sind, die auf einem seltsamen Wassergefährt stehen und gegen eine Riesenkrake kämpfen. Was genau mein Ding ist.

In wenigen Tagen ist das Buch ausgelesen und als die "Nautilus" im Mahlstrom verschwindet, beschließe ich ein U-Boot zu bauen und dort weiter zu machen, wo Kapitän Nemo aufhört.

Wenn ich groß bin ...

Der ewige Seemann

Weil man im kommunistischen Jugoslawien dieselben Comics kaufen kann wie in Belgien, Spanien, Frankreich und Italien und weil mich das Meer und Kapitän Nemo so begeistern, ist es nur logisch, dass ich bald an "Corto Maltese" gerate. Die Zeichnungen von Hugo Pratt sind Fernweh und Abenteuerlust weckende Meisterwerke aus schwarzer Tusche und weißem Blatt.

Zudem ist der Sohn einer "Zigeunerin aus Gibraltar und einem britischen Soldaten aus dem Cornwall" auf der Insel Malta geboren und schnitzt sich buchstäblich selbst sein Glück. Diese Inselherkunft und das Streben, selbst seines Schicksals Schmied zu sein, erzeugen in mir eine Verbundenheit, die mich noch immer an Corto Maltese fesselt. Nemos U-Boot tausche ich für die Abenteuer eines Kapitäns ohne Schiff, der historischen und sehr illustren, erfundenen Persönlichkeiten begegnet.

So wird die große Pinie vor unserem Haus in Sutivan, das Meer in Sichtweite, zum Mast eines Seglers. Und ich zu Corto, dem ewigen Seemann, der im Mastkorb nach neuen Abenteuern, neuen Freunden und auch neuen Feinden ausschau hält. Bis heute.

Der Mann aus Darkwood

Er trägt eine Steinaxt, einen Navy Colt und schwingt sich auf Lianen von Baum zu Baum: Zagor, der Geist mit der Axt. So nennen ihn die Indianer des pechschwarzen und unergründlich tiefen Waldes von Darkwood, irgendwo in Pennsylvania, wo meine Oma geboren ist. Und selbstverständlich ist Zagor immer auf der Seite der Unterdrückten, Verfolgten und Entrechteten. Also eine Art Tarzan der USA.

Für meine besondere Heiterkeit sorgt sein Sidekick Felipe Cayetano Lopez Martinez y Gonzales. Oder kurz "Chico" genannt. Und für besondere Romantik seine ewige Liebe Frida Lang, die eine Österreicherin ist. Als man in den 80-ern in Jugoslawien Zagors T-Skirt in jedem Kiosk kaufen kann und dadurch jeder Zagor werden zu können meint, empfinde ich das als Blasphemie. Nur Zagor darf das rote Hemd mit dem schwarzen Vogel im gelben Kreis tragen, so denke ich – und sonst niemand!

Achtung! Eine Kugel!

Mit diesem Ausruf retten Mirko und Slavko, die minderjährigen Partisanen einander das Leben. Denn auf wundersame Weise können die beiden heranbrausende Gewehrkugeln der teutonischen Stahlhelmträger nicht nur rechtzeitig sehen, sondern sich ebenso rechtzeitig wegducken und so dem sicheren Tod entgehen! Wohernach sie dem verfluchten Besatzer ordentlich eins draufbrennen, weil ja Angehörige der Wehrmacht diese Reflexe einfach nicht draufhaben. Gut so!

Mirko ist älter und hat eine "Schmeisser" MP, Slavko ist der Jüngere und hat einen Karabiner. Die Ironie, die ich erst später als solche erkenne, besteht darin, dass "Vučko", der treue Begleiter der beiden Partisanenkids – ein deutscher Schäferhund ist! Doch weil wir keinen Hund haben, wenn wir "Mirko i Slavko" spielen und auch keine Ahnung von Ironie, müssen wir uns damit begnügen, meine blonde Schwester und einen blonden Jungen aus Slowenien die "Deutschen" spielen zu lassen. Schließlich wissen doch alle, dass jeder Deutsche unter seinem Stahlhelm blond ist!

Die Weltraumtrompete

Flash Gordon katapultiert mich endgültig in die Weiten des Alls. Dabei wird die Pinie, die zuvor noch als Nautilus und Corto Malteses Mast dient, zum Raumschiff. Und Sutivan zum Planeten Mongo. Kurzerhand erkläre ich den Chef der Dorfgemeinde, den Friseur Stanko, zum bösen Herrscher Ming und meine Nachbarin Buba zu seiner Tochter, die in Flash Gordon verliebt ist.

Meine Lieblingsfolge spielt jedoch auf dem Planeten Erde wo der geniale Dr. Zarkow ein trompetenförmiges Raumschiff für Gordon baut, damit er den Weltraummüll, der sich um die Erde gefährlich ansammelt, einfach einsaugt und zu Schrott verarbeitet in die Sonne schießt. Oder so ähnlich. Meine Erinnerung lässt langsam nach ...

Modesty Blaze und Barbarella

Als die ersten Hormone einschießen und aus mir einen "Mulac" machen, begeistern mich weibliche Comicstars. Barbarella, die ich zuerst in einer italienischen Soft-Porn-Variante kennenlerne (Fumetti), hat kaum etwas am Leib, was mir heftige errektile Phantasien verschafft.

Die Spionin Modesty Blaze hingegen, ist immer – doch sexy – gekleidet. Ihre Kaltblütigkeit im Angesicht des sicheren Todes und ihre Coolness beim Abservieren der Böslinge lassen mich zum ersten Mal ans Heiraten denken.

Die ärmste Agententruppe der Welt

Die dritte weibliche Comicfigur, die ich liebe ist Margot, "die Spionin, die für jeden spioniert, der genug bezahlt". Sie ist eine wiederkehrende Nebenfigur in der italienischen Comicserie "Alan Ford". Und Alan Ford ist der tragisch-komische Sympathieträger einer Agententruppe, die so arm ist, dass Hungern kein Abstraktum ist.

Abgesehen von der handfesten Kapitalismuskritik, wie sie so komisch nur Italiener schaffen können, sind die Abenteuer die Alan und seine Kollegen bestehen müssen so absurd, dass sie eine ganze Generation von Italienern und Jugoslawen begeistern. Bis heute sind die kroatischen Erstausgaben wertvolle Sammlerobjekte, die auf Foren und Messen rege und teuer gehandelt werden.

Ich bin stolzer Besitzer von sechs dieser Erstausgaben und hüte sie wie einen Schatz. In meinem Testament, das ich voriges Jahr vorsichtshalber aufgesetzt habe, sind sie ausdrücklich als Erbe meines Sohnes festgelegt.

Die Helden von heute

Nun bin ich knapp über 50 und meine Helden sind wieder aus Fleich und Blut. An erster Stelle steht Christopher Hitchens, knapp gefolgt von Sam Harris, Lawrence Krauss und Richard Dawkins. Wer diese Namen googelt wird sofort begreifen, warum. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 12.7.2013)

PS: This article is powered by Kavana Palma of Ivica Rakela and his waiter "Clinton", who is fetching me Pelinkovac with ice and lemon. Constantly.

  • Flash Gordon katapultiert mich endgültig in die Weiten des Alls
    foto: apa/museum der moderne

    Flash Gordon katapultiert mich endgültig in die Weiten des Alls

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