Der Heimkehrer

12. Juli 2013, 17:12
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Ufer des Millstätter Sees bei Sonnenaufgang

(Postkartenidyll. Auf einem Felsen nah dem Ufer der Seefahrer und Abenteurer Sindbadnig, rauchend. Er trägt Lederhosen und einen Hut mit Gamsbart. Versonnen blickt er über das Wasser. Weit draußen zwei Schwimmerinnen.)

SINDBADNIG (Gedankenstimme): Endlich, endlich! Ach, Erlösung, wieder hier zu sein! Was für ein Narr bin ich gewesen! Ein Narr, jawohl, nichts weniger als ein Narr! Nur ein Narr konnte so närrisch sein, die liebreizende Heimat zu verlassen, bloß um sich umzutun draußen auf den Weltmeeren! Aber nun: Nie wieder! Hier ist mein Platz, hier gehöre ich her, hier will ich bleiben! Niemals wieder will ich -

(Die Schwimmerinnen sind nähergekommen. Er bemerkt sie.)

SINDBADNIG (Gedankenstimme): Ach, anbetungswürdige Frauen der Heimat! Wie viel Anmut, wie viel Weisheit liegt in diesen harten und doch sanften, stolzen und doch ergebenen Gesichtern! In der ganzen weiten Welt sucht man vergeblich euresgleichen! Näher zu mir, ihr Frauen, näher! Sprecht zu mir, göttliche Geschöpfe, lasst mich eure lieblichen Stimmen hören, gönnt mir den Engelsklang eurer Worte, den ich so vermisst habe draußen im Sturmwind der Fremde!

(Er lauscht gierig. Die Frauen schwimmen schweigend an dem Felsen vorbei. Schon will sich Sindbadnig wieder abwenden, als:)

DIE JÜNGERE FRAU: Du, Mama?

DIE ÄLTERE FRAU: Jo?

DIE JÜNGERE FRAU: Des Weta is heite wieda deaoatig supa, ha?

DIE ÄLTERE FRAU: Jo.

DIE JÜNGERE FRAU: Und die Wosatemparatua, optimal.

DIE ÄLTERE FRAU: Jo.

(Sie schwimmen weiter.

Lange, sehr lange Pause.)

SINDBADNIG (nimmt den Hut ab und legt ihn neben sich. Gedankenstimme, traurig): Und doch ... Ach, ich kann es spüren, auch dieses Mal ist meines Bleibens nicht ... Warum nur, warum? Woher dieser Stachel, der mich, kaum dass ich heimgekehrt, zum Aufbruch drängt? Schon fühle ich, wie der Narr in mir erwacht, und morgen früh, ich weiß es, morgen beim ersten Sonnenstrahl wird er mich niederzwingen, und ich werde hinaustreten und ein neues Schiff ausrüsten, eine mutige Mannschaft anheuern, morgen schon wird mir von neuem -

(Vorhang)

(Antonio Fian, DER STANDARD, 13./14.7.2013)

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