Goldene Träume

Kolumne12. Juli 2013, 17:01
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Ist der Einbruch des Goldpreises als Vertrauensbeweis gegenüber der Weltwirtschaft zu werten?

Im Prinzip ist der Besitz von Gold eine Form der Versicherung gegen Krieg, den Zusammenbruch des Finanzsystems und Währungsentwertung. Und seit Beginn der globalen Finanzkrise wird der Goldpreis oft auch als Barometer der weltweiten wirtschaftlichen Unsicherheiten bezeichnet. Ist der Einbruch des Goldpreises - von einem Spitzenwert von 1900 Dollar pro Unze im August 2011 auf weniger als 1250 Dollar Anfang Juli 2013 - deshalb als Vertrauensbeweis gegenüber der Weltwirtschaft zu werten?

Die Feststellung, der Goldmarkt weise alle klassischen Anzeichen einer geplatzten Blase auf, ist eine Vereinfachung. Zweifellos ließ der berauschende Goldpreisanstieg, ausgehend von etwa 350 Dollar pro Unze im Juli 2003, die Anleger in Verzückung geraten. Ärzte begannen, Aktien abzustoßen und Goldmünzen zu kaufen. In Indien und China stieg die Nachfrage nach Goldschmuck rasant. Die Zentralbanken in den Schwellenländern diversifizierten ihre Portefeuilles, indem sie Dollars verkauften und in Gold investierten.

Es gab mehrere starke Argumente für den Goldkauf. Vor zehn Jahren lag der Goldpreis um einiges unter dem langfristigen inflationsbereinigten Durchschnittspreis, und die Integration von drei Milliarden Bürgern der Schwellenländer in die Weltwirtschaft konnte nur zu einem gigantischen langfristigen Anstieg der Nachfrage führen.

Dieser Teil der Geschichte gilt im Übrigen immer noch. Die globale Finanzkrise verlieh dem Gold noch zusätzlichen Reiz, weil man Angst vor einer zweiten Großen Depression hatte. Danach fürchteten manche Anleger, dass die Regierungen die Inflation ansteigen lassen würden, um die Last der nach oben schnellenden Staatsschulden loszuwerden und das Problem der anhaltenden Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen.

Als die Zentralbanken die Zinsen auf null senkten, interessierte es niemanden mehr, dass Gold keine Zinsen abwirft. Es ist daher Unsinn zu behaupten, der Anstieg des Goldpreises wäre lediglich eine Blase gewesen. Allerdings trifft es schon auch zu, dass mit dem Anstieg des Goldpreises eine wachsende Zahl naiver Investoren auch einsteigen wollte.

In vergangener Zeit haben sich die Fundamentaldaten natürlich etwas verändert, und der Spekulationsrausch ist noch stärker abgeflaut. Chinas Wirtschaft schwächt sich weiter ab, und Indiens Wachstumsrate hat in den vergangenen Jahren einen drastischen Rückgang erlebt. Im Gegensatz dazu scheint die US-Wirtschaft trotz des unklugen, als "Sequester" bekannten Zwangssparens schrittweise wieder auf die Beine zu kommen. Die weltweiten Zinssätze sind um 100 Basispunkte gestiegen, seit die US Federal Reserve - ziemlich verfrüht - ankündigte, dass man die Politik der quantitativen Lockerung auslaufen lassen würde.

Nun, da die Fed ihrer Antiinflationshaltung Nachdruck verleiht, ist es schwieriger zu argumentieren, dass Anleger Gold als Absicherung gegen hohe Inflation brauchen. Und nachdem Ärzte, die vor zwei Jahren Goldmünzen kauften, diese nun wieder abstoßen, ist unklar, wo die Abwärtsspirale des Goldpreises ihr Ende finden wird. Manche zielen auf die psychologisch bedeutende Marke von 1000 Dollar ab. (Kenneth Rogoff, DER STANDARD, 13.7.2013)

Kenneth Rogoff ist ehemaliger Chefökonom des IWF sowie Professor für Ökonomie und Public Policy an der Universität Harvard. Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier. Copyright: Project Syndicate 2013.

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