Erhebliche Mängel einer Expertisierung

12. Juli 2013, 17:06
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Im Dorotheum wurde eine Inventarnummer übersehen und von einem deutschen Händler falsch interpretiert. Nun steht fest: Mak-Kriegsverlust

Antiquitäten, wird Peter Ustinov gerne zitiert, seien ehemaliger Kitsch, nur eben zweihundert Jahre später. Für manche Segmente dieser Kunstgattung mag diese lakonische Betrachtung zutreffen, aber eben nicht für alle. Passend, urteilen etwa jene, denen sich der Wandel des Geschmacks und die Errungenschaften historischer Handwerkskunst nicht erschließen. Dort, wo Experten beispielsweise die qualitätsvolle Ausführung und den perfekten Erhaltungszustand des Gobelinbezugs eines frühbarocken Armlehnstuhls bewundern, sondiert womöglich ein klassischer Einrichtungskunde im Geiste längst eine zeitgemäße Aufbereitung.

Lack-, Leder- oder Seidentapezierung, egal, Hauptsache neu und der obligate Eyecatcher fügt sich in den Rest des heimischen Ambientes. Öfter, als man glauben mag, besiegeln Kunsthändler über den Verkauf an solche Klienten das Schicksal eines Möbels endgültig. Kunsthistorikern und Museumskuratoren mag angesichts solcher Szenarien das Herz bluten, aber das ist die Realität auf dem internationalen Kunstmarkt.

Österreichisches Kulturgut

Käufer, die explizit Wert auf authentische Beschaffenheit bei Gebrauchsmöbeln legen, sind zu einer Minderheit geschrumpft. Selbst in Maastricht, wo sich alljährlich im Frühjahr anlässlich der Tefaf-Messe (The European Fine Art Fair) das Who's who des internationalen Kunsthandels versammelt, wiewohl sich dort mehr Museums- und Sammlungskuratoren tummeln als anderswo.

In unmittelbarer Nähe zum Eingang der Halle des Messezentrums erstreckt sich dort linker- und rechterhand das Hoheitsgebiet der an Vielfalt kaum übertreffenden Sektion Antiquitäten. Zwischen Sunset Boulevard und New Bond Street, wie man die Gänge zur Orientierungshilfe der Besucher benannte, präsentierten die Aussteller also das an Güte Beste aus ihren Beständen. Zumindest mehrheitlich, denn schwarze Schäflein gibt es unter den Möbelanbietern auch hier. Aber das ist eine andere Geschichte, die aktuelle sei Unfrisiertem gewidmet.

Ein wahres, doch erst auf den zweiten Blick erkennbares Prunkexemplar an Authentizität galt es an einem Stand in der New Bond Street zu entdecken. Vorweg, der betreffende deutsche Kunsthändler begehrt anonym zu bleiben, wie er den Standard kurz vor Redaktionsschluss per Anwaltsschreiben wissen ließ. Zur besseren Lesbarkeit der folgenden Geschichte sei der nun als Herr M., abgeleitet von "Möbelhändler" oder "Mandant", bezeichnet.

Bei ihm also wartete ein frühbarocker Armlehnstuhl ("alte, originale Patina") mit einem prachtvollen ("originalen Gros-Petit-Point") Bezug. Berühren war erlaubt: Streichelte man also die Fabelwesen, den Wasserdrachen und das Raubtier, dann war ein überraschend haptisches Erlebnis garantiert. Insgesamt wähnte der Händler wegen der "hohen Schnitzqualität" der Konstruktionselemente "einen höfischen Auftraggeber in Wien bzw. Umgebung". Denn dort hatte er das Objekt akquiriert. Im Dorotheum? Ja, bestätigte er zögerlich.

Prinz Eugen von Savoyen?

Auf 24.500 Euro belief sich jener Betrag, den der künftige "Be-Sitzer" springen lassen müsste. Stattlich, jedoch mutmaßte er einen legendären österreichischen Feldherrn und Kunstconnaisseur als Kommittenten und Vorbesitzer: niemand Geringeren als Prinz Eugen von Savoyen. Dokumentiert? Herr M. schnappte den Stuhl, präsentierte die Rückseite und deutete auf eine dort aufgepinselte alte Inventarnummer: "25 988.iv. H.1620". "H", eventuell für Schloss Hof, also womöglich Teil der Originalausstattung der ab 1725 von Johann Lucas von Hildebrandt erweiterten Sommerresidenz? Vorerst eine Vermutung, die er noch von einem Kunsthistoriker überprüfen lassen werde.

Am 18. Oktober jährt sich Prinz Eugens Geburtstag zum 350. Mal und stehen im Oberen Belvedere und in den Paraderäumen des Winterpalais in der Himmelpfortgasse entsprechende Jubiläumsausstellungen bevor. Im Vorfeld dieser kontaktierte der Standard vergangene Woche neuerlich den deutschen Kunsthändler. Ja, das barocke Fauteuil sei noch verfügbar, und leider habe er keine weiteren Hinweise aufgetan. "Die Inventare von Schloss Hof" würden "wenig Auskunft" geben, aber "vielleicht können Sie ja etwas über die Inventarmarke des Sessels in Erfahrung bringen", formulierte Herr M. und übermittelte zugehöriges Fotomaterial.

Inventarnummer übersehen

Zurück an den Anfang, sprich, Blättern in den Katalogen des Dorotheums. Siehe da, am Vorabend Prinz Eugens 349. Geburtstages war der auf 1600 bis 2000 Euro taxierte Stuhl als Lot Nr. 264 versteigert worden: für 4000 Euro. In der Katalogbeschreibung wurde allerdings keine Inventarnummer erwähnt. Jedoch verweist der zuständige Möbelexperte Alexander Doczy auf "einen identen Armlehnsessel im Augustiner Chorherrenstift St. Florian in OÖ!".

Inventarnummer? Nein, eine solche gab es nicht bzw. "war nicht sichtbar" , ließ Doczy auf aktuelle Anfrage ausrichten. Ob diese im Zuge etwaiger Restaurierungsmaßnahmen freigelegt wurde? Nein, erklärt Herr M. vehement, auch nach Rückfrage bei seinem Restaurator. Hatte der Möbelexperte also schlicht verabsäumt, die Rückseite des Stuhls in Augenschein zu nehmen? Vermutlich.

Mak-Kriegsverlust

Die vom STANDARD kontaktierte Wissenschaftliche Leiterin Lieselotte Hanzl-Wachter schließt eine Schloss-Hof-Provenienz definitiv aus: Die Originalausstattung sei komplett aufgearbeitet, dazu seien die Inventarnummern stets eingebrannt, nicht gemalt worden, fünfstellige Nummernfolgen gäbe es gar nicht. Die auf dem Gebiet solcher Kennzeichnungen versierte Bundesmobilienverwaltung liefert prompt den entscheidenden Tipp: Museum für angewandte Kunst (Mak). Ja, bestätigt Möbel-Kustode Sebastian Hackenschmidt, bei "25 988" handle es sich um die Nummer des Hauptinventars, bei "H. 1620" um die der Sammlung zugewiesene.

Der Haken? Das Objekt wird seit Jahrzehnten als Kriegsverlust geführt, und man hätte das Dorotheum - eine Anfrage vorausgesetzt - auch dahingehend informiert. Dabei ist der Kontakt zwischen den beiden Institutionen sonst ein durchaus reger: Die Möbelexperten verweisen immer wieder (sogar im gleichen Auktionskatalog) auf Vergleichsobjekte im Mak-Bestand. Dazu fungiert Geschäftsführer Martin Böhm nebenher als Präsident der "Mak Art Society". Insofern hätten die Beteiligten mit dem Einbringer vermutlich eine gütliche Lösung gefunden. Auch im Interesse des Dorotheums, das, gemäß vorliegenden Fakten, ein Raubkunst-Objekt versteigerte, also mitsamt einem "erheblichen Mangel" veräußerte, wie es Juristen (ABGB § 932) bezeichnen würden. Theoretisch wäre Herr M. damit berechtigt, vom Kauf zurückzutreten.

Etwa um 1943/44 waren die Bestände des Museums aus Sicherheitsgründen in 20 Bergungsstellen in Wien und Niederösterreich ausgelagert worden. "Die Rückführung der geborgenen Objekte ins MAK", schildert Provenienzforscher Leonhard Weidinger, wurde "erst 1948/49 abgeschlossen". Der in einem Schloss in der Nähe von Hollabrunn verwahrte Armlehnstuhl, war nicht darunter und galt seither als verschollen. 1925 hatte das Museum diesen zusammen mit vier glasierten Tonfiguren angekauft: vom Stift St. Florian, das bei wirtschaftlicher Schieflage immer wieder zu Notverkäufen gezwungen war, besonders nach dem Ersten, aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg.

Jedenfalls war der Dorotheums-experte mit dem St.-Florian-Verweis richtig gelegen. Hätte er den dort Verantwortlichen kontaktiert, dann hätte dieser ergänzt: etwa, dass es sich um ein außerordentlich qualitätsvolles Sitzmöbel aus dem Gobelinzimmer handelt, das vom Bildhauer Leonhard Sattler (1676-1744) geschnitzt worden war. Und, dass man nicht einen, wie im Katalog angeführt, sondern deren fünf Exemplare in der Sammlung hält. Nachzulesen auch in der entsprechenden Fachliteratur (Österreichische Kunsttopographie, Band 48, Wien 1988).

Als der STANDARD die Involvierten Mitte der Woche mit den Rechercheergebnissen konfrontiert, fallen die Reaktionen unterschiedlich aus. Der deutsche Kunsthändler ist wenig erfreut bis unwirsch und erklärt das Möbel in einem Telefonat ganz spontan als verkauft. Mittwochfrüh ergänzt der geschäftssinnige Herr M. via Mail, "sollte das Mak Interesse an einem Ankauf haben", dann sei er gerne bereit "einen Kontakt zum jetzigen Besitzer herzustellen". Und das Dorotheum, dessen mangelhafte Expertise die Abwanderung geraubten Kulturgutes überhaupt erst ermöglichte?

Dort ringt man um Konsens, auch wenn sich die Sache juristisch nicht einfach gestalte, "da schon vom Einbringer gutgläubiger Erwerb" vorliegen würde. "Wenn sich alle Annahmen bestätigen (Mak-Kriegsverlust)", erklärt das Dorotheum in einer Stellungnahme, wird man sich "um eine Rückabwicklung bemühen". (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 13./14.7.2013)

  • Prachtexemplar eines frühbarocken Stuhls, bei dem sich sogar der originale Bezug (Gros- und Petit-Point-Stickerei) erhielt. Am 17. Oktober 2012 wechselte er für 4000 Euro (inkl. Aufgeld) in den Besitz eines deutschen Kunsthändlers. 24.500 Euro veranschlagte dieser im Zuge der Tefaf-Messe im März diesen Jahres.
    foto: dorotheum

    Prachtexemplar eines frühbarocken Stuhls, bei dem sich sogar der originale Bezug (Gros- und Petit-Point-Stickerei) erhielt. Am 17. Oktober 2012 wechselte er für 4000 Euro (inkl. Aufgeld) in den Besitz eines deutschen Kunsthändlers. 24.500 Euro veranschlagte dieser im Zuge der Tefaf-Messe im März diesen Jahres.

  • Die Inventarnummer auf der Rueckseite des Armlehnsessels hatte man im Dorotheum übersehen. Standard-Recherchen ergaben, dass es sich um eine aus der Sammlung des Museums für angewandte Kunst (Wien) handelt, wo exakt dieser Stuhl seit Ende der 1940er Jahre als Kriegsverlust geführt wird.
    foto: standard-archiv

    Die Inventarnummer auf der Rueckseite des Armlehnsessels hatte man im Dorotheum übersehen. Standard-Recherchen ergaben, dass es sich um eine aus der Sammlung des Museums für angewandte Kunst (Wien) handelt, wo exakt dieser Stuhl seit Ende der 1940er Jahre als Kriegsverlust geführt wird.

  • "Hoher Armsessel in der Antichambre": 1899 verfasste Albin Czerny, damals Bibliothekar am Stift St. Florian, eine mehrteilige Artikelserie zur Kunstsammlung des Augustiner Chorherrenstiftes. In Band 2 wurde dieser Armlehnstuhl (oben an der Lehne mit durchbrochenem Barockornament) publiziert.
    foto: repro aus "kunst und kunsthandwerk", band 2, 1899 (wien)

    "Hoher Armsessel in der Antichambre": 1899 verfasste Albin Czerny, damals Bibliothekar am Stift St. Florian, eine mehrteilige Artikelserie zur Kunstsammlung des Augustiner Chorherrenstiftes. In Band 2 wurde dieser Armlehnstuhl (oben an der Lehne mit durchbrochenem Barockornament) publiziert.

  • Einblick in das so genannte Gobelinzimmer St. Florian Ende der 1980er Jahre, in dem sich noch fünf solcher Stühle erhalten haben. Ursprünglich waren es sechs: 1925 hatte das Stift den sechsten an das Museum für angewandte Kunst (Wien) verkauft.
    foto: repro aus "österreichische kunsttopographie", band 48, 1988 (wien/foto: e. mejchar)

    Einblick in das so genannte Gobelinzimmer St. Florian Ende der 1980er Jahre, in dem sich noch fünf solcher Stühle erhalten haben. Ursprünglich waren es sechs: 1925 hatte das Stift den sechsten an das Museum für angewandte Kunst (Wien) verkauft.

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