Wettrüsten am Acker mit Hilfe von Genmanipulation

Interview15. Juli 2013, 05:30
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Eine Maissorte von Monsanto erzeugt sechs Insektengifte - Gentechnikexperte Christoph Then fehlen dazu Langzeitstudien

Ein Gift alleine reicht nicht mehr zum Pflanzenschutz, berichtet Gentechnikexperte Christoph Then im Gespräch mit derStandard.at. Denn Unkraut und Schädlinge passen sich immer besser an Vernichtungsmittel oder von Pflanzen produzierte Abwehrgifte an. Gegen die Natur zu arbeiten darf aber kein Zukunftsmodell sein, fordert er.

Der Trend geht jedoch offenbar in die Gegenrichtung: In der EU ist bereits der Import von 50 genmanipulierten Pflanzen erlaubt. Die EU-Kommission dürfte in den kommenden Wochen zusätzlich einige neue genmanipulierte Sorten zulassen. Eine davon ist die Maissorte Smartstax, die von den US-Firmen Monsanto und Dow Agro Sciences entwickelt wurde. Sie produziert sechs verschiedene Insektengifte und ist gegen zwei Unkrautvernichtungsmittel resistent.

derStandard.at: Was weiß man über die Wirkung von Smartstax auf Mensch und Tier?

Then: Ich halte den Mais nicht für unbedenklich. Er produziert sechs verschiedene Insektengifte. Eines davon wird auf Grundlage synthetischer DNA produziert - es gibt also gar keine natürlichen Entsprechungen dafür. Das heißt, man weiß gar nicht genau, wie sich dieses Insektengift in der Natur auswirken wird. Auch über die Wechselwirkungen der Insektengifte untereinander gibt es keine Untersuchungen, die die menschliche Gesundheit betreffen.

Der Mais wurde zusätzlich gegen zwei Unkrautvernichtungsmittel resistent gemacht. Er wird damit am Feld gespritzt und übersteht das. Die Rückstände befinden sich jedoch in der Ernte. Auffällig ist die hohe Anzahl von Genen, die in den Mais eingebaut wurden. So eine hohe Anzahl von künstlichem Erbgut gibt es bislang in keinen anderen gentechnisch manipulierten Pflanzen, die in Europa zugelassen wurden.

derStandard.at: Wie wird dieser Mais in der EU verwendet werden?

Then: Wohl hauptsächlich in Futtermitteln für Nutztiere. Denn die Lebensmittelhersteller wollen keine gentechnisch veränderten Produkte verwenden, da diese gekennzeichnet werden müssen. Aber prinzipiell könnte jeder Lebensmittelhersteller einen genmanipulierten Mais verarbeiten.

Man muss dazusagen, dass das nicht die erste genmanipulierte Pflanzensorte ist. Es sind bereits rund 50 Zulassungen erfolgt: Soja, Mais und Öl aus Raps und Baumwolle. In der Regel landet es in Futtermitteln, obwohl es auch für Lebensmittel zugelassen ist, doch das lehnt die Wirtschaft noch ab.

derStandard.at: Liegt das an der Macht der Konsumenten?

Then: Darin liegt der Unterschied zwischen den USA und Europa: In der EU gibt es eine Kennzeichnung, daher haben die Europäer auch eine Wahlfreiheit. Die Gesetzgebung der EU führt zu mehr Macht der Konsumenten.

derStandard.at: Welche Tests gibt es bislang mit Smartstax?

Then: Der einzige Fütterungsversuch, der gemacht wurde, fand über einen Zeitraum von 42 Tagen mit Geflügel statt. Das ist aber letztendlich ein Mastversuch, um zu sehen, wie viel die Hühner zunehmen. Gesundheitliche Risiken kann man daran nicht ablesen.

Es sind also viel zu viele Unsicherheiten dabei. Es gibt zudem auch Hinweise, dass diese Insektengifte eine Reaktion im Immunsystem hervorrufen. Das müsste wesentlich besser untersucht werden, bevor Smartstax als Futtermittel zugelassen wird.

derStandard.at: Eine der spärlichen, aber umstrittenen Studien kam im vergangenen Jahr von französischen Forschern. Demnach hatten Ratten, die ihr Leben lang gentechnisch veränderten Mais - NK603 - anstatt einer herkömmlichen Maissorte fraßen, ein deutlich erhöhtes Krebsrisiko. Wie wird auf solche Ergebnisse reagiert?

Then: Es gibt bislang ganz wenige Langzeitstudien, weshalb diese umstrittene Studie aus Frankreich so relevant ist. Es hat sich ein erhöhtes gesundheitliches Risiko gezeigt. Das ist zwar natürlich kein endgültiger Beweis, dass gentechnisch manipulierter Mais Risiken hat. Aber da es so wenige Untersuchungen gibt, muss man das sehr ernst nehmen.

In mehreren Tierversuchen hat man zum Beispiel gesehen, dass der Körper die gentechnisch veränderten Pflanzen erkennt und mit dem Immunsystem darauf reagiert - allerdings nicht mit Allergien, sondern mit Entzündungen. Und Entzündungsprozesse können zu vielen langfristigen gesundheitlichen Folgen führen, wenn man dauerhaft diese Pflanzen zu sich nimmt.

derStandard.at: Das Thema liegt schon länger am Tisch. Wieso gibt es so wenige Langzeitstudien?

Then: Es kommt etwas in Gange. Die EU-Kommission machte zum ersten Mal eine Ausschreibung über eine zweijährige Studie, wo genau dieser gentechnisch manipulierte Mais verfüttert wird. Das ist natürlich zu begrüßen. Wenn man mehrere Studien vergleichen kann, weiß man hoffentlich mehr.

Bislang werden fast alle Studien von Mitarbeitern der Industrie durchgeführt und nicht unabhängig begutachtet. Darauf kann man eigentlich keine Risikoabschätzung aufbauen.

derStandard.at: Wie sieht es mit nützlichen Insekten aus? Gibt es eine Garantie der Industrie, dass sie von den Pflanzengiften nicht geschädigt werden?

Then: Theoretisch sollten sie nur für bestimmte Insekten giftig sein. Doch man weiß gleichzeitig, dass auch Raupen von Schmetterlingen diese Wirkmechanismen haben. Doch hier wird argumentiert, dass diese am Acker gar nicht so oft vorkommen.

Und dann gibt es viele nützliche Insekten, bei denen es strittig ist, ob sie nicht doch geschädigt werden. Da gibt es Studien und Gegenstudien. Aber im Moment gibt es eher nur einen Expertenwettstreit, aber keine Sicherheit.

derStandard.at: Im EU-Raum dürfen mittlerweile 50 genmanipulierte Pflanzensorten importiert werden. Wie können diese trotz der spärlichen Datenlage von der Europäischen Lebensmittelbehörde als sicher bewertet werden?

Then: Da ist offensichtlich etwas schiefgelaufen. Der Schutz der Verbraucher und der Umwelt wurde wohl gegenüber den Interessen der Industrie zurückgestellt. Denn die Daten, die vorliegen, sind meiner Meinung nach unzureichend.

derStandard.at: Vom wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet: Es gibt eine Studie der US-Umweltbehörde EPA, wonach mehr Pestizide denn je bei genmanipulierten Pflanzen eingesetzt werden. Was bringt eine genmanipulierte Pflanze den Landwirten?

Then: Die Landwirte in den USA haben vor allem eine Arbeitszeitersparnis. Wenn man zum Beispiel Soja anbaut, das gegen Spritzmittel resistent ist, spart man Zeit beim Pflügen und bei der Bekämpfung von Unkraut. 

Aber es stimmt: Der Einsatz der Spritzmittel steigt. Das liegt daran, dass sich Insekten und Unkraut anpassen. Das ist auch der Grund, warum Smartstax sechs verschiedene Gifte produzieren muss. Drei Insektengifte wirken gegen Schädlinge, die oben an der Pflanze fressen, und drei gegen jene, die im Boden sind. Denn eine einzige Giftdosis reicht nicht mehr aus, um die Schädlinge unter Kontrolle zu halten, sie passen sich an.

Es findet ein Wettrüsten am Acker statt. Man arbeitet gegen die Natur statt mit der Natur. Das ist meiner Meinung nach keine nachhaltige Landwirtschaft. Man muss erwarten, dass die Strategie fehlschlägt und die industrielle Landwirtschaft immer mehr in eine Produktion abrutscht, die nicht gut für Mensch und Umwelt ist. (Julia Schilly, derStandard.at, 15.7.2013)

Christoph Then studierte Tiermedizin und war 1992 Mitbegründer der Initiative "Kein Patent auf Leben". Er war als Fachreferent für Landwirtschaft bei Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag tätig und engagiert sich seit 1999 bei Greenpeace als Experte für Gentechnik und Patente. Er arbeitet mit bei Foodwatch, dem "Gen-ethischen Netzwerk" und der Gesellschaft für ökologische Forschung. Zudem ist er Geschäftsführer des Vereins Testbiotech.

Nachlese

Neue genmanipulierte Pflanzen vor der Zulassung in Europa

Weitere Informationen

Studie von Christoph Then: 20 Jahre kommerzieller Anbau von Gen-Pflanzen in den USA

Testbiotech: Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie

  • "Man muss erwarten, dass die Strategie fehlschlägt und die industrielle Landwirtschaft immer mehr in eine Produktion abrutscht, die nicht gut für Mensch und Umwelt ist", sagt Christoph Then, Mitbegründer der Initiative "Kein Patent auf Leben".
    foto: privat

    "Man muss erwarten, dass die Strategie fehlschlägt und die industrielle Landwirtschaft immer mehr in eine Produktion abrutscht, die nicht gut für Mensch und Umwelt ist", sagt Christoph Then, Mitbegründer der Initiative "Kein Patent auf Leben".

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