Andrea Winkler: "Ja, was frage ich mich eigentlich?"

14. Juli 2013, 09:09
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Solange sich die Erde dreht, wird es Fragen geben, deren Feuer erloschen ist. Und nichts und niemand bläst Wind in die Glut. Sogar die Verzweiflung ist sinnlos. Warum?

Ich frage mich von Tag zu Tag weniger. Die Welt, wie ich sie erlebe, hat ein Ausmaß an Absurdität erreicht, angesichts dessen mir das, was ich unter andern Umständen als eine "vernünftige Frage" empfinden könnte, absolut unzureichend erscheint, ja nichtig. Wenn ich mich frage, was ich mich alles frage, stehe ich vor einem tosenden, überwältigenden Wasserfall und höre, so laut ich auch rufe, meine eigene Stimme nicht mehr. Ich höre nur ein ebenso fernes wie wirkliches Rauschen, ähnlich dem Ton, der in den Kopf steigt, ehe man aus einer Art Schwindel, einer kurzen Ohnmacht zu sich kommt. Das erinnert mich an so manche Gelegenheit, die ich ergriffen habe, um auf einem Podium Fragen zu beantworten und mit anderen "einen Dialog zu führen". Einmal - es ist schon eine ganze Weile her - wurde mir im Rahmen eines öffentlichen Gesprächs auf dem Podium die Frage gestellt, ob ich, hier sitzend, nicht etwa auch "eine Inszenierung" sei.

Eine dumpfe Ahnung

Was das Thema der Diskussion war, weiß ich nicht mehr genau (aber sicher kamen die Wörter "Literatur", "Markt" und "Autorschaft" in ihr vor), und auch, was ich dem freundlich Fragenden geantwortet habe, ist fast zur Gänze vergessen. Kann sein, dass ich einen Augenblick darüber nachdachte rückzufragen, was er mit seiner Frage eigentlich meine, was er unter "Inszenierung" verstehe, und woraus er schließe, dass ich, hier sitzend, eine Inszenierung sei. Kann sein, ich war perplex. Eine dumpfe, aus deutlicher Erfahrung übrig gebliebene Ahnung, dass es sich hier um eines jener Missverständnisse handelt, deren abgründige Tiefe auch durch bestens gemeinte Fragen und Antworten nicht zu überbrücken ist, wird mich davor bewahrt haben, "den Dialog" in diese Richtung fortzusetzen. Seine Erreichbarkeit liegt, glaube ich, in der Zukunft. Dennoch erinnerte ich mich, während weitergesprochen wurde, an einen kleinen Ausschnitt aus einem Tanztheater von Pina Bausch, in dem ein Tänzer an den vorderen Rand der Bühne läuft und ausruft: "Ich bin Tänzer geworden, weil ich einen Unfall hatte und nicht zu den Soldaten gehen wollte!" Es klang ein wenig aufgebracht, als hätte er auf eine Frage zu antworten gehabt, die er doch die ganze Zeit durch jede seiner Bewegungen beantwortete und auf die es darüber hinaus nichts zu sagen gäbe.

"Vergebliche Liebesmüh", jemanden für die Wirklichkeit solcher "Inszenierung" öffnen zu wollen? Jemand, dessen Sprechen sich darauf geeinigt hat (das Denken weiß es sicher besser), dass die Wirklichkeit in uns die Tendenz hat, sich selbst abzuschaffen, und die Worte, die wir wechseln, nichts anderes sind als unser Beitrag zu einer nicht enden wollenden Talkshow?

Solange sich die Erde dreht, wird es Fragen geben, deren Feuer erloschen ist. Und nichts und niemand bläst Wind in die Glut. Sogar die Verzweiflung ist sinnlos. Warum? Die Antwort auf diese Frage wurde mir kürzlich durch einen Film des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami geschenkt. Er handelt davon, dass ein Mann, der beschlossen hat, sich umzubringen, einen andern sucht, der bereit ist, das Loch, in das er sich diese Nacht legen wird, mit Erde zuzuschütten – allerdings nicht ohne sich vorher durch das Rufen seines Namens vergewissert zu haben, ob er auch wirklich tot sei. Herr Badii hat aber mit seiner Suche nicht viel Glück. Niemand will sein Totengräber sein, nicht einmal gegen außerordentlich gute Bezahlung. Als Erstes fragt er einen jungen Soldaten, der gerade seinen Wehrdienst leistet und so müde und schüchtern wirkt, dass es mir fast wie Frevel vorkommt, ihn mit einer derartigen Frage konfrontiert zu sehen. Man sieht ihn aus dem Auto springen und über die kargen Hügel davonlaufen. Der Zweite ist ein Theologiestudent, dessen Mitgefühl sich gegen seine standfeste Weltanschauung nicht durchsetzt. Der Dritte präpariert für das Naturhistorische Museum Wachteln, und er erklärt sich bereit zu tun, was Herr Badii von ihm wünscht.

Als junger Mann nämlich hatte er ebenfalls beschlossen, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Sein Vorhaben scheiterte allerdings daran, dass alle Äste, um die er seinen Strick binden wollte, morsch waren. So kam es, dass er unverrichteter Dinge unter einem Maulbeerbaum stand und Maulbeeren aß und feststellte, dass sie ihm schmeckten. Und die Sonne ging auf, und Kinder kamen und aßen mit ihm, und er begriff sein Vorhaben nicht mehr so recht.

Und, was geschieht?

Er erzählt diese Geschichte im Auto, und man kann nicht ganz sicher sein, ob sie auf Herrn Badii, der sich heute Nacht in das Erdloch legen wird, Wirkung hat. Aber das ist auch gar nicht so wichtig; wichtiger ist, dass sich ein Mensch gefunden hat, der verspricht, am kommenden Morgen am vereinbarten Ort zu sein und den vielleicht Toten mit Erde zu bedecken. Und in der Nacht gibt es ein Gewitter, Herr Badii fährt mit seinem Auto auf den Berg, nimmt vielleicht ein paar Tabletten, legt sich in das Loch, und ich warte mit ihm auf den Morgen und am dringlichsten auf eine Antwort auf die Frage, ob derjenige, der in der Lage ist, so schöne Geschichten aus seinem Leben zu erzählen, auch wirklich Wort hält.

Und, was geschieht? Es wird heller Tag, Herr Badii steigt, als wäre nichts gewesen, ja, als hätte ich nur geträumt, dass er gestern noch in einem Haufen verzweifelter Fragen feststeckte, aus der Erde, geht den Hügel hinauf und fragt ein paar Männer, die hier herumstehen, nach Feuer für seine Zigarette. Einen Augenblick ist es, als ob alle zusammen alle Zeit der Welt hätten, ja, als stünde sie still. Weiter unten, auf einer der Serpentinen, die sich den Berg hinaufwinden, läuft ein Trupp Soldaten vorbei, im Marschschritt und unnachahmlicher Regelmäßigkeit, begleitet vom eigenen Rufen: Eins, zwei, drei ... Einer der Männer, unter ihnen der Herr Badii, ruft den Soldaten die Bitte zu, den Laufschritt und das Zählen zu unterbrechen, denn man brauche von hier noch ein paar gute, ungestörte Tonaufnahmen für den Schluss eines Films. Sofort unterbrechen die Soldaten ihren Laufschritt, legen sich in den Schatten der Bäume, rauchen und trinken Tee. So leicht kann ein Film in einen andern übergehen, eine Inszenierung bloß gelegt und eine Illusion zerstört werden: Auf eine Weise, in der die Soldaten aufhören können, Soldaten zu sein, und der Mann, der sich umbringen will, Wirklichkeit bekommt. Und mit ihm der aus dem Auto springende Wehrdiener und der Theologiestudent und die Maulbeeren des Wachtelpräparators.

Sie werden mir, das weiß ich, wieder begegnen. Und einiges andere, das den kargen Wegrand säumt, auch. Wem danke ich dafür? Herrn Badii oder dem, der ihn spielt? Kiarostami? Der Geringfügigkeit der Ereignisse? Kein Ende der Wirklichkeit, keines der Vorstellung, die sie verändert und bewahrt, und keines der Übergänge von einem ins andere: Darin besteht die bescheidene, allerdings unleugbare Freiheit meiner Autorschaft.

Darum setze ich mich gern noch einmal in den Publikumsraum, wenn "der Dialog" bereits geführt worden ist. Jetzt ist niemand mehr da, das Licht weitaus angenehmer, und die Stille eine Freude. Ich bitte den Podiumsdiskutanten, der mich gefragt hat, ob ich, hier sitzend, nicht etwa auch "eine Inszenierung" sei, sich zu mir in eine der Sesselreihen zu setzen. Niemand behindert die Sicht auf das Podium: drei, vier Stühle, ein Mikrofon, das sich zu zwei Boxen dreht, die mit verborgenen Tonbandgeräten verbunden sind. Aus den Boxen dringt der gestrige Abend; wir vernehmen, was
von unserem Dialog übrig geblieben ist, seinen sterblichen und seinen unsterblichen Rest: Was für ein Gerausche. Und welche Fülle, welche Fülle an konkreter Poesie. (Andrea Winkler, Album, DER STANDARD, 13./14.7.2013)

Andrea Winkler, geboren 1972 in Freistadt (Oberösterreich), ist österrei­chische Autorin. Sie studierte Germanistik und Theaterwissenschaft an der Universität Wien. Zuletzt erschien von ihr das Buch "König, Hofnarr und Volk. Einbildungs­roman" (Zsolnay-Verlag, 2013).

  • Szene aus "Der Geschmack der Kirsche" des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami: Herr Badii hat aber mit seiner Suche nicht viel Glück. Niemand will sein Totengräber sein.
    foto: critic.de

    Szene aus "Der Geschmack der Kirsche" des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami: Herr Badii hat aber mit seiner Suche nicht viel Glück. Niemand will sein Totengräber sein.

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