Der Tourist ist immer der andere

12. Juli 2013, 18:45
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Schon wieder ein Reiseführer, nur weil gerade Sommer ist? Die eigentliche Frage ist, ob wir uns die Reisen überhaupt antun sollen

2007 hat Pierre Bayard ein Buch darüber geschrieben, wie man über Bücher sprechen kann, ohne sie gelesen zu haben. (Ich schrieb eine Rezension, ohne es gelesen zu haben.) Nun rückt der französische Literaturprofessor und Psychoanalytiker mit einem auf den ersten Blick vergleichbaren Projekt nach, nämlich wie über Orte zu sprechen ist, an denen man nicht gewesen ist.

Auf vielfältige Weise argumentiert Bayard, dass Reisen weder nötig noch unbedingt nützlich ist, will man zu einem tieferen Wissen über weit entfernte Gegenden gelangen. Der Mensch sei nicht dafür geschaffen, seine vertraute Umgebung zu verlassen, stellt er eingangs klar. Zwar gebe es Unterschiedlichstes in der weiten Welt kennenzulernen. Die Klage, dass eh überall alles gleich sei, weist er zurück. Aber man müsse nicht dort gewesen sein. Ihn interessieren "sesshafte Reisende": vor allem Schriftsteller, aber auch Anthropologen, Journalisten, Sportler, die aus verschiedenen Gründen, anschaulich und überzeugend, über Orte geschrieben haben, ohne sie zu kennen.

Diese Unwissenheit müsse kein Handicap sein. Denn vielleicht, so behauptet Bayard, gibt es neben der wissenschaftlichen eine andere Wahrheit, eine intellektuelle Bereicherung, zu der man dank solch fiktiver Reisegeschichten gelangen kann. Als ersten Kronzeugen für seine These führt er Marco Polo an, der landläufig als der große Reisende schlechthin bekannt ist. Bayard bestärkt den Leser noch in dieser Meinung und fasst anerkennend die vielen detaillierten Schilderungen des Venezianers in China zusammen.

Nach dem gegenwärtigen Stand zumindest eines Teils der Forschung jedoch, so Bayard weiter, dürfte Marco Polo möglicherweise gar nicht über Konstantinopel hinausgekommen sein. Seine Abhandlungen über bestimmte Stämme und Gebräuche gelten als abstrus, erfunden oder von den Berichten anderer angestachelt.

Hier nimmt der Autor sein tiefenpsychologisches Instrumentarium erstmals in die Hand und seziert Polos Berichte. Er stößt auf narrative Euphorie als Mittel gegen die Alltagsrealität, auf Träume, auf kollektiv Imaginäres, auf das sich der Schreiber und die Leser - zum beiderseitigen Gewinn - einigen können. Er geht noch einen Schritt weiter und fantasiert nun seinerseits, dass Marco Polo nicht einmal bis zum Bosporus gereist ist, sondern die ganze Asien-Saga irgendwo in Italien einer geliebten Frau als Abenteuer-Romanze erzählt haben könnte.

Ob realitätsgerecht oder nicht, diese Frage stellt sich bei Jules Vernes In 80 Tagen um die Welt gar nicht erst. Für Bayard ist Phileas Fogg der fantasierte, dafür umso reinere Fall eines Reisenden, der die Fremde gar nicht kennenlernen will, weil er nur ein Ziel hat: ankommen, zur rechten Zeit. Seine Werte sind Pünktlichkeit, Korrektheit und eine Portion Mitgefühl - wie es sich für den Gentleman im Club gehört und, wenn's sein muss, auch im fernen Indien.

Bayard interpretiert Foggs Unterfangen als eine Art Nichtreise, als ein Drehen im Kreis, bei dem die tatsächlichen, womöglich sehr interessanten Besonderheiten der durchquerten Länder nur hinderlich sind - so hat er ja tatsächlich seinen mathematisch kalkulierten Plan nicht erfüllen und nur dank des addierten 81. Tags seine Wette gewinnen können.

Dabei entwickelt er andererseits eine Art des "Überfliegens" der Orte in jedem außer dem wörtlichen Sinn (geflogen ist er nicht). Das heißt, er folgt nicht den Empfehlungen der damals schon existierenden Reisebücher, er vermeidet die "Sehenswürdigkeiten" und entgeht dadurch den Stereotypen, die sich unweigerlich bei Fernreisen, auch den heutigen "alternativen", einstellen.

Eine vergleichbare Form der Nicht-Nähe findet Bayard bei einem Bibliothekar in Musils Mann ohne Eigenschaften. Der wahrt den Überblick, indem er kein einziges Buch liest, nur die Kataloge. Und weiters sieht der Autor Bezüge zu Freuds "schwebender Aufmerksamkeit", mit deren Hilfe Analytiker die "Kraftlinien des Unbewussten" wahrnehmen können.

So führt Bayard uns weiter quer durch Geschriebenes. Wie er zum Beispiel mit dem Mythos aufräumt, Margaret Mead habe die freizügigen Sitten der Samoaner akribisch selber erforscht (und nicht sich von bereitwilligen Samoanerinnen "Ammenmärchen" aufbinden lassen); oder wie er ausführt, dass Chateaubriands "Augenzeugenberichte" aus den Vereinigten Staaten und dem Mittleren Osten seiner Imagination und der Lektüre anderer entsprangen; wie er bei dem fantasiebegabten New York Times-Reporter Jayson Blair und vor allem bei Karl May den Drang diagnostiziert, sich eine spannendere oder gerechtere Welt zusammenzureimen: Bei allen diesen Beispielen stützt er sich gleichermaßen auf Erkenntnisse von Literaturforschern wie auf eigene Deutungen.

Spannend ist schließlich auch, wie Bayard in einer dialektischen Wende die begabten Schummler gegen puritanische Faktenhuberei in Schutz nimmt (nur bei dem Reporter stellt er, immerhin, fest, dass journalistische Grundregeln verletzt worden sind). Er würdigt die poetische Kraft, die die sesshaft Reisenden freisetzen. Wie er zu diesem Schluss kommt: Das ist eine Lektüre wert, egal ob im Lehnstuhl daheim oder, wenn's denn sein muss, auf dem Strand in Polynesien.

Lasst euch treiben!

Weit weniger radikal geht der britische Journalist Dan Kieran seine Kritik am Reisen an. Nicht dass wir uns überhaupt in ferne Länder aufmachen, sei das Problem, sondern wie wir es tun. Sein Slow Travel. Die Kunst des Reisens (im Original: The Idle Traveller) will aber keinem "behutsameren" oder sonst wie "anderen" Reisen das Wort reden - obwohl man dieser Falle schwer entkommen kann, nämlich dass man mit so einem Ansatz nur die Vorhut oder eine Variante des Massentourismus darstellt (wie H. M. Enzensberger bereits 1958 in seiner Theorie des Tourismus überzeugend argumentiert hat).

Slow Travel also. Analog zur von Italien ausgehenden Bewegung für langsame Ernährung plädiert Kieran für unorganisierte Fortbewegung, etwa Wandern in der näheren Umgebung oder auch einmal eine lange Zugfahrt statt eines kurzen Flugs. Am Ziel, wenn es überhaupt eines gibt, möge man sich eher treiben lassen als besternten Empfehlungen folgen. Zur Lektüre - die guten alten Baedeker, die er noch gelten lässt, gibt es ja nicht mehr - empfiehlt er Romane, die einen vor Ort in eine Parallelwelt versetzen: zum Beispiel den Schakal von Forsyth, während man gerade in einem Straßencafé in Paris sitzt und den Killer vorbeifahren sehen könnte.

Als frühen Verwandten im Geiste zitiert Kieran Stefan Zweig, dem schon in den Dreißigerjahren die straff organisierten Gruppenreisen und die entsprechenden neuen Bahnhöfe "ohne jede Atmosphäre" missfielen (dabei konnte er noch gar nicht ahnen, was etwa aus dem Wiener Westbahnhof einmal werden würde). Zweigs Welt von gestern und Schorskes Fin de Siècle Vienna dienen dem Briten als Hintergrundfolien, "als ich einige Tage später die Ringstraße in Wien entlanglief".

Was Reisen noch alles bedeuten und bewirken kann, schildert Kieran anhand eigener und fremder Erlebnisse: eine Fahrt zu der Welt der Schamanen, die in einem autistischen Kind bedeutsame Veränderungen bewirkt; die Erfahrung (ein Begriff, der im Übrigen ja mit "Fahren" zu tun hat) von Fortbewegung in einem schneckenlangsamen Milchwagen; Meditation als Reise ins Innere - solche und viele weitere Mosaiksteine fügt der Autor zu einem Panorama möglicher Touren.

Dass der Tourist immer der andere ist, wie Evelyn Waugh einmal (selbst)ironisch bemerkt hat, kann Kieran wenigstens teilweise nachvollziehen: Auch ihm ist die Haltung nicht fremd, zugleich gesteht er ein, dass er selbst einer ist. Allerdings - und das ist Kierans Resümee über viele Jahre unterwegs - hat man mehr davon, wenn man mit weniger unterwegs ist: weniger Tempo, weniger Geld, weniger Vorplanung, weniger Angst. Mehr Menschen, mehr Freundschaften, mehr Freiheit.

Träumt von der Ferne!

Auf noch eine Lektüre sei verwiesen, zwar zumindest auf Deutsch zu spät für diesen Sommer, aber kongenial zu den Obengenannten: In Italien kommt gerade Umberto Ecos Storia delle terre e dei luoghi immaginarii heraus. Der große Semiotiker und Erzähler hat die Länder und Orte gesammelt, also in Gedanken bereist, nach denen Menschen sich sehnen: das eingebildete Atlantis, Tolkiens Mittelerde, utopische Regionen in der Science-Fiction; oder, an der Grenze zwischen Fakten und Fiktion, Homers Troja bzw. Marco Polos China mitsamt dessen haarsträubenden Schilderungen von den Inseln Java und Angaman - hier schließt Eco an Bayards Skepsis an, allerdings unter einem anderen Blickwinkel. Ihn interessieren die Träume und Albträume, die wir mit solchen Orten assoziieren, "eine Geschichte des menschlichen Fernwehs", wie der Hanser-Verlag ankündigt. Dort wird das Buch im November erscheinen. Wir werden hinreisen. (Michael Freund, DER STANDARD, Album, 13.7.2013)

  • Phileas Fogg ist der fantasierte, dafür umso reinere Fall eines Reisenden, der die Fremde gar nicht kennenlernen will, weil er nur ein Ziel hat: in London ankommen, zur rechten Zeit.

    Phileas Fogg ist der fantasierte, dafür umso reinere Fall eines Reisenden, der die Fremde gar nicht kennenlernen will, weil er nur ein Ziel hat: in London ankommen, zur rechten Zeit.

  • Pierre Bayard, "Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist". € 19,50 / 216 Seiten. Kunstmann, München 2013
    foto: kunstmann

    Pierre Bayard, "Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist". € 19,50 / 216 Seiten. Kunstmann, München 2013

  • Dan Kieran, "Slow Travel. Die Kunst des Reisens". € 19,95 / 222 Seiten. Rogner & Bernhard, Berlin 2013
    foto: rogner & bernhard

    Dan Kieran, "Slow Travel. Die Kunst des Reisens". € 19,95 / 222 Seiten. Rogner & Bernhard, Berlin 2013

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