Ägyptens Medienszene wird umgedreht

11. Juli 2013, 18:36
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Die ägyptische staatliche Zeitung "Al-Ahram" bekommt einmal mehr eine neue Führung. Medien, die mit der Muslimbruderschaft sympathisierten, werden abgestraft. Das betrifft auch Al Jazeera

Kairo/Wien - Die wichtige mediale Dimension des Machtwechsels in Kairo wurde bereits in den ersten Stunden klar, als parallel zum Aufmarsch der Armee vorigen Mittwoch sieben islamistische TV-Kanäle geschlossen wurden. In seinem Statement hatte Armeechef Abdel-Fattah al-Sisi "neue Regeln" für die Medien angekündigt.

Seit einer Woche laufen nun die "Korrekturen": Am Mittwoch wurde die Spitze der staatlichen Medienorganisation Al-Ahram inklusive Chefredakteuren der Zeitung gefeuert, die "Redaktionspolitik" solle rebalanciert werden, damit sie wieder den Erwartungen des Volkes gerecht werde.

Auch wenn man den Hintergrund versteht - der Chef des Medienunternehmens, Mamduh al-Wali, und die Chefredakteure waren vom jetzt aufgelösten islamistisch dominierten Oberhaus ernannt worden -, so ist doch die Rhetorik, die die Säuberungen begleitet, nicht gerade vertrauenserweckend. Fast peinlich wird es, wenn Al-Ahram beteuert, "zur früheren Position als Symbol der Glaubwürdigkeit zurückkehren zu wollen". Da muss die Zeitung schon weit zurückgehen. In den letzten Jahrzehnten war sie immer Regimesprachrohr.

Das Medienhaus Al-Ahram druckt auch die Muslimbrüderzeitung "Freiheit und Gerechtigkeit". Ihre Auflage wurde diese Woche von Al-Ahram halbiert - angeblich, weil es finanzielle Engpässe gibt. NGOs, die sich mit Pressefreiheit befassen, reagieren jedenfalls alarmiert.

Allerdings haben die Muslimbrüder im vergangenen Jahr alles getan, um Journalisten gegen sich aufzubringen. Der von ihnen eingesetzte Informationsminister Salah Abdel Maksud musste am Tag des Umsturzes vergangene Woche aus der TV-Anstalt in Maspero durch die Hintertür fliehen, er hätte sonst Prügel ausgefasst. Schon zuvor hatten sich an jenem Abend Journalisten geweigert, die Anweisungen ihrer Muslimbrüderchefs zu befolgen, das Armee-Statement nicht zu bringen. Allerdings war dann prompt die Berichterstattung fast ausschließlich der Position der Putschisten gewidmet, Pro-Morsi-Stimmen waren unterbelichtet.

Die existierenden medialen Äußerungen der Muslimbrüder sind jedoch schlimm genug. Laut Al-Arabiya Online (das jedoch, entsprechend den saudi-arabischen Chefs des Medienunternehmens, einen Anti-Muslimbrüder-Trend hat) benützt die Facebook-Seite der Bruderschaft Bilder toter Kinder aus Syrien, um die Vorfälle von Montagfrüh in Kairo - als die Armee über 50 Morsi-Anhänger tötete - zu illustrieren. Den beliebten Fußballer Mohammed Abu Treka zeigt sie, wie er eine Anti-Armee-Demonstration anführt: Das Bild stammt jedoch aus dem Winter 2011/12. Und von Interimspräsident Adly Mansur wird behauptet, dass er heimlich Jude sei.

Die Wut der Gegner Morsis trifft auch Al Jazeera TV als Sprachrohr der katarischen Politik - die die Muslimbrüder unterstützte. Das Jazeera-Büro in Kairo wurde am Umsturzabend von der Armee gestürmt, der Chefredakteur erst Tage später auf Kaution freigelassen. Jazeera-Journalisten wurden am Montag von Kollegen aus einer Pressekonferenz geworfen. Am Jazeera-Sitz in Doha haben etliche Journalisten wegen der "Lügen" des Senders - der Verklärung der Muslimbrüder - gekündigt. Nun verkündet Al Jazeera, der Umsturz in Kairo wurde von den USA orchestriert - während ja andere arabische Medien Washington vorwerfen, die Muslimbrüder an die Macht gebracht zu haben. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 12.7.2013)

  • Bereits im November 2012 wurde das Büro von Al Jazeera in Kairo von Gegnern des Muslimbrüderpräsidenten Mohammed Morsi gestürmt und verwüstet.
    foto: reuters/mohamed abd el ghany

    Bereits im November 2012 wurde das Büro von Al Jazeera in Kairo von Gegnern des Muslimbrüderpräsidenten Mohammed Morsi gestürmt und verwüstet.

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