Migration nach Europa stagniert wegen der Finanzkrise

11. Juli 2013, 18:19
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Der globale Arbeitsmarkt ändere auch für Migranten viel, sagt Stephen Castles - Sein Ausblick für Europa ist wenig positiv

Wien – Die globale Wirtschaftskrise habe nicht nur Millionen Jobs gekostet sowie Banken und Staaten in horrende Schulden gestürzt. Auch die internationale Migration habe sich von 2008 bis heute verändert - rascher, als es in Zeiten guter Konjunktur der Fall gewesen wäre, sagt der australische Soziologe Stephen Castles.

Insgesamt zeichne sich das Entstehen eines "globalen Arbeitsmarkts" ab, auf dem nicht allein die Qualifikation über die Chancen Einzelner entscheide - wie es einer neoliberalen Sichtweise entspreche. Sondern auch andere Eigenschaften und Umstände, etwa die ethnische Zugehörigkeit oder der Aufenthaltsstatus. Oder auch Genderfragen.

Krise bei Männern, Chancen für Frauen

"Männliche Migranten in Europa und anderswo haben, wie es zu erwarten war, im Zuge der Krise vielfach ihre Jobs verloren. Infolge von Industrie- und Bauwirtschaftseinbußen wurden sie arbeitslos", erläuterte der Experte, der als einer der weltweit bekanntesten Migrationsforscher Uno sowie EU berät, bei einem Vortrag an der Universität Wien.

Gleichzeitig jedoch seien die Beschäftigungschancen für Migrantinnen gestiegen - "ein scheinbares Paradoxon". Wobei die neue Arbeit für Frauen in Einwanderungsländern aber "vielfach prekär" sei: unabgesicherte Jobs in der Pflege oder im Haushalt, die für die Ausübenden mit hohem Armutsrisiko einhergingen.

Auf diese Art ersetzten Migrantinnen in reichen Staaten mit niedrigen Geburtenraten und vielen Alten die angestammte Arbeit der Frauen in den Familien. Die einheimischen Frauen übten inzwischen reguläre Jobs aus: ein weltweiter Trend, der nicht auf die bisher als reich geltenden Teile der Welt beschränkt sei.

Drei Prozent Migranten

Denn die internationalen Migrationsströme veränderten sich derzeit tiefgreifend, betonte Castles in seiner in Kooperation mit dem STANDARD gehaltenen Key­note-Speech in der Marie Jahoda Summer School des Instituts für Soziologe der Uni Wien: "Die Karte der Migration muss neu gezeichnet werden" – für jene drei Prozent der Weltbevölkerung, die international, also grenzüberschreitend, migrieren.

Ein Grund dafür: Aus der Krise seien die Ökonomien bisheriger Schwellenländer im Vergleich gestärkt hervorgegangen - Länder, in die infolgedessen auch zunehmend Migranten kämen. Etwa nach Brasilien, das innerhalb Lateinamerikas zu einem Hauptanziehungspunkt geworden sei.

Abwanderung in Schwellenländer

Aber nicht nur: "Auch aus Europa, wo die Wirtschaftskrise noch nicht ausgestanden ist, wandern in Schwellenländer zunehmend Menschen ein." Für Europa, so Castles, sei das ein Verlust an qualifizierten Arbeitskräften, der durch Einwanderer aus anderen Teilen der Welt nur zum Teil ausgeglichen werde: "Die Migration nach Europa stagniert: In den Süden nimmt sie sogar stark ab.

Das jedoch habe auch mit politischen Entscheidungen zu tun. Etwa mit unzureichenden Angeboten: Gut Ausgebildete kämen nur ins Land, "wenn sie eine sichere, langfristige Bleibeperspektive haben, für sich selbst und für ihre Familien". Andernfalls stünden Staaten wie Österreich im Wettstreit um die "besten Migranten" als Verlierer da. (Irene Brickner, DER STANDARD, 12.7.2013)

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    "Migrieren ist kein Verbrechen" steht auf dem Schild, das ein zentralamerikanischer Auswanderer nahe der US-Grenze den Fotografen entgegenhält. 

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