"Sie sind unsere Brüder, aber es ist genug"

11. Juli 2013, 18:49
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Täglich strömen Flüchtlinge und Verletzte aus Syrien in den Libanon. Bis zu 1,5 Millionen Menschen könnten es sein, schätzt die Uno. Das bedeutet nicht nur Versorgungsknappheit, sondern auch einen Import des Konflikts

Zwischen den zeltartigen Behausungen schlängelt sich ein schmaler Betonweg den Hügel hinauf. Von der Hauptstraße einer der zahlreichen Vororte von Beirut ist das Camp nicht zu entdecken. Erst als der kleine Lkw vom Roten Kreuz in eine schmale Seitenstraße einbiegt und sich durch das unwegsame Gelände kämpft, blitzen einige Minuten später die ersten blauen Planen zwischen dem Gebüsch hervor.

Die libanesische Regierung hat es syrischen Flüchtlingen und Hilfsorganisationen eigentlich untersagt, fixe Camps zu errichten. Zu groß ist die Angst, dass sie sich längerfristig niederlassen - wie schon etwa 400.000 Palästinenser, die den Libanon nicht mehr verlassen. Trotzdem gibt es rund 400 dieser Lager, in dem syrische Flüchtlinge ausharren. Etwa 60 Prozent der 580.000 registrierten Flüchtlinge aus Syrien leben in privaten Unterkünften. Sie mieten Zimmer, Garagen, Abstellkammern.

Lager auf Privatgrundstück

In dem oben genannten Fall hat der Verwalter der Vorstadt sein privates Land zur Verfügung gestellt. Von ihm erhalten die 161 Menschen auf seinem Grundstück Wasser und Strom, das Rote Kreuz bringt Hygiene- und Essenspakete. Es ist die vierte Verteilungsaktion an diesem Tag in Beirut. Die Pakete sind akribisch abgezählt. Wer seine Passkopie mit einer Anspruchskarte vorlegt, trägt eines der Pakete fort. Anspruch hat nur, wer nicht von einer anderen Organisation versorgt wird. Ohne diese strengen Kontrollen wäre das Chaos unvermeidbar: Die Uno schätzt, dass bis zu 1,5 Millionen Syrer vor dem Krieg in ihrer Heimat in den Libanon geflohen sind.

"Sehen Sie, wir sind etwas mehr als vier Millionen", sagt Georges Kettaneh, Generalsekretär des libanesischen Roten Kreuzes. "Die Syrer sind unsere Brüder und Schwestern, aber es ist genug." Nicht nur die humanitäre Versorgung der im Land verstreuten Flüchtlinge wird zunehmend komplexer. Auch die Gefahr, den Konflikt geografisch in den Libanon zu verlagern, steigt mit jedem Tag. Das syrische Rettungswesen ist fest in Regierungshand, Verwundete der Syrian Free Army werden nicht versorgt.

Das libanesische Rote Kreuz evakuiert daher täglich kranke und verletzte Syrer von der Grenze im Norden und Osten in Krankenhäuser nach Tripoli. Die meisten von ihnen sind Kämpfer. "Derzeit holen wir zwei bis vier Verletzte im Norden, an anderen Tagen sind es 35, die uns in einem Truck übergeben werden", schildert Einsatzleiter Abdalla Zgheib. Allein im zweiten Quartal wurden 1490 Verletzte evakuiert.

Auch Assads Soldaten sind unter den Verwundeten. Das Rote Kreuz versorgt alle. Eine gefährliche Mischung: In Tripoli, einer Stadt mit 200.000 Einwohnern befinden sich mehr Syrer als Libanesen. In den vergangenen Wochen kam es mehrmals zu blutigen Auseinandersetzungen.

Der Konflikt ist im Libanon angekommen. Weil einige junge Männer des 20.000 Mitglieder starken libanesischen Clans al-Jaafer in Syrien gefallen sind, muss das Rote Kreuz einen Umweg von drei Stunden in Kauf nehmen, um Verwundete nach Tripoli zu bringen. Der Clan droht damit, verwundete Oppositionskämpfer umzubringen, die mit der Ambulanz durch ihr Gebiet im Norden gebracht werden. Zweimal sei das auch geschehen, räumt Zghein ein. "Früher sind wir nach Syrien reingefahren, das mussten wir stoppen."

Die Hisbollah, die weite Teile des Südens und Ostens kontrolliert, gewährt Durchfahrt. Dafür haben Clans Checkpoints errichtet, autonome Milizen sind aufgetaucht. Helikopter kommen nicht infrage - die gehören dem libanesischen Militär, das sich vor jeglicher Einmischung hütet.

20 Helfer in Syrien getötet

Mit dem syrischen Halbmond in Homs gab es bis vor kurzem regelmäßigen Kontakt. Seit einigen Wochen sei keiner mehr erreichbar. "Ich glaube, sie existieren nicht mehr, es ist alles zerstört", vermutet Zgheib. Nach offiziellen Berichten sind mindestens 20 Helfer getötet worden.

Amir, seine Frau und zwei Söhne sind zu Fuß in den Libanon gekommen. Seit Februar leben sie in einem Verschlag, zusammengehalten von Planen und Brettern. "Sofort" würden sie zurückgehen, platzt es aus ihm heraus. Dass der Krieg bald endet, glaube aber niemand in dem Camp am Hügel. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 12.7.2013)

  • Nicht immer legal, aber geduldet: Viele Hunderttausend Syrer harren im Libanon auf das Ende des Krieges in ihrer Heimat.
    foto: : julia herrnböck

    Nicht immer legal, aber geduldet: Viele Hunderttausend Syrer harren im Libanon auf das Ende des Krieges in ihrer Heimat.

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