"The Call": Ein Notanruf aus dem Kofferraum

11. Juli 2013, 17:55
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Brad Andersons spannender US-Thriller "The Call" mit Halle Berry in der Hauptrolle

Wien - 9-1-1: Wer in den USA diese Nummer wählt, kommt zur Notrufzentrale, von der die Polizeieinsätze koordiniert werden. Um dort zu arbeiten, verlangt es starke Nerven und viel Entschlusskraft. Manch ein Anrufer hat nur ein Problem mit Schädlingen, beim nächsten kann es aber schon um Leben und Tod gehen. Die psychische Belastung ist für die Person am Telefon nicht zuletzt deshalb hoch, weil der Ausgang der Fälle ungewiss bleibt.

In Brad Andersons Thriller The Call geht aus dieser im Prinzip unerschöpflichen Situation, in bester B-Movie-Tradition, ein individueller Konflikt hervor. Jordan Turner (Halle Berry), LAPD-Mitarbeiterin in der Notrufzentrale, wird zu Beginn mit einer jungen Anruferin konfrontiert, zu deren Haus sich ein Mann gewaltsam Zutritt verschafft. Sie gibt ihr Anweisungen von außen, um den Einbrecher in die Irre zu führen. Doch das Manöver misslingt, am Ende hat sie den Täter in der Leitung, der sich mit der knappen Ansage "It's already done" als unbelehrbarer Spinner erweist.

Damit sind in The Call schon jene beiden Elemente etabliert, aus denen der Film ein äußerst effizient umgesetztes Spannungsszenario baut. Das ist zum einen der irgendwo im unübersichtlichen Umfeld von L. A. situierte Entführungsfall eines weiteren weiblichen Teenagers, von Casey (Abigail Breslin), die aus dem Kofferraum per Handy mit Turner die Verbindung hält. Zum anderen der Fokus auf den Arbeitsalltag eines weiblichen Cops, der nicht aus der abgedroschenen Reihe gewieft-heroischer Kollegen von der Straße stammt, aber die Auseinandersetzung mit einem psychotischen Täter (Michael Eklund) als persönliche Sache begreift.

Der Clou der Konstellation besteht nun darin, dass sich Caseys billiges Wegwerfhandy nicht per GPS orten lässt - eine dramaturgisch freilich ungleich ertragreichere Situation, bei der smarte Technologien kaum helfen, Erfahrung und Einfallsreichtum dafür aber umso mehr zählen. Anderson, der auch den Paranoia-Thriller The Machinist und The Wire- sowie Treme-Folgen verantwortet hat, fertigt daraus eine packende Verfolgungsjagd, deren Suspense nicht zuletzt davon zehrt, dass sie wiederholt von äußeren Hindernissen und falsch interpretierten Zeichen torpediert wird.

Nebenbei hinterlässt der Film auch den Eindruck eines Kammerspiels zweier Frauen, die in einer Stresssituation näher aneinanderrücken - dem Telefon bleibt selbst in Notlagen eine besondere Intimität zu eigen. Allein dass das zwiespältige Finale von diesem Prinzip abrückt, ist ein wenig schade. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 12.7.2013)

  • Wenn sie abhebt, wiegt man sich in Sicherheit: Halle Berry als Polizistin der Notrufzentrale im Thriller "The Call". 

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