Und wir brennen im Konfetti-Tanz

11. Juli 2013, 17:20
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Die meisterhafte dänische Choreografin Mette Ingvartsen bei der Sommerszene Salzburg

Salzburg - Da blitzt etwas auf in einer vollkommen abgedunkelten Bühne. Ein Stern huscht durch den leeren Raum. Er bleibt nicht allein. Immer mehr Lichtpunkte blinken, bis es aussieht, als würde Schnee wirbeln und als entstünde aus dem Flockengestöber ein geräuschloses weißes Rauschen wie auf einem Bildschirm. Nur das Klopfen eines Spechts stört die Stille.

In The Artificial Nature Project, ihrer aktuellsten Arbeit, braucht die dänische Choreografin Mette Ingvartsen (33) nur wenige Minuten, um ein Bild vom Kosmos in ein Symbol der elektronischen Informationsübertragung zu verwandeln. Und das ganz live, wie gerade beim Festival Sommerszene Salzburg im Republic zu sehen war. Dafür braucht es nur Licht und - Konfetti. Diese viereckigen, schillernden Folienstückchen, die in Fernsehshows oder bei Parteifeiern in die Luft geblasen werden und als tanzende Pixelmassen in bunten Lichterorgien emotionalisierend wirken.

Bei der verführerischen Kraft dieses Glitzereffekts setzt Ingvartsen an. Das blinkende Konfetti wird zu Pixel-Atomen einer künstlichen Wirklichkeit, die aus der virtuellen Geisterwelt geborgt zu sein scheint. Diese Zauberei entspricht der Art, wie heute die "richtige" Natur uminterpretiert wird: zur schillernden, ökonomisch nutzbaren Umgebung aus Bodenschätzen, Nutzflächen und Erholungsräumen.

Das ist der Natur selbst zwar egal, aber, wie wir langsam lernen, gar nicht gut für die Zukunft des Menschen. Auf eine Illustration der einschlägigen Diskussionen über dieses Thema verzichtet Mette Ingvartsen. Stattdessen greift sie die scheinbare Unschuld des Konfetti an: Das anfängliche weiße Rauschen hinterlässt Häufchen auf der Bühne, in denen acht Gestalten in Schutzanzügen, -masken und -brillen spielen. Sie werfen die Teilchen in die Luft, bis sie in einer Fontäne verschwinden, die sich wie ein Schwarm quer über die Bühne bewegt.

Auf mitreißende Art macht The Artificial Nature Project die Auflösung des Menschen in seinen eigenen Spektakeln erfahrbar. Vor allem indem auf Tänzer verzichtet wird. Die Gestalten darin - verkörpert unter anderem von Christine De Smedt und Franziska Aigner - halten bloß das Konfetti in Bewegung, und sie ersetzen die Tänzer wie letzte Platzhalter des Humanen. Hier formuliert sich eine fundamentale Kritik: In seiner Übersetzung der Natur in eine Virtualität und von dieser wieder in eine analoge Künstlichkeit bringt sich der Mensch zum Verschwinden. Was von ihm bleibt, sind nur noch Stellvertreter, die das Werkl am Laufen halten.

Wenn sich im Stück das Konfetti auf dem Boden abgesetzt hat, verwandelt es sich in glühende Lava und graue Asche - aber nur, um dann mit Gebläsen wieder aufgewirbelt zu werden und sich in ein Feuer zu verwandeln, in dem die Platzhalter brennen. Und um sich mit Rescue-Decken aus dünner Folie zu verbinden, die wie Gespenster mitwirbeln, wenn das Stück seinem Höhepunkt zusteuert: einem wilden Tanz dieser Hüllen, die niemanden gerettet oder gewärmt haben.

Für Ingvartsen liegt die politische Aussage nicht im Erzählen einer Geschichte mit möglichst literarischen Mitteln, sondern im Verwenden künstlerischer Mittel, deren Form über direkte emotionale Übertragung schon alles sagt. Darin ist sie eine wahre Meisterin. Das Salzburger Publikum quittierte das mit begeistertem Applaus. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 12.7.2013)

Sommerszene-Festival bis 13.7.

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