APL-Blutkrebs ohne Chemotherapie heilen

11. Juli 2013, 17:02
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Eine neue Wirkstoffkombination gegen die seltene Blutkrebs-Unterform Akute Promyelozytäre Leukämie könnte die bisherige Standardtherapie ablösen

Freiburg - Im Rahmen einer groß angelegten Studie gelang es deutschen und italienischen Wissenschaftlern, Akute Promyelozytäre Leukämie (APL), eine seltene Unterform von Blutkrebs bei fast 100 Prozent der Patienten erfolgreich zu behandeln - und das ganz ohne Chemotherapie.

Bisher 91 Prozent Überlebensrate...

Jährlich erkranken etwa 300 Menschen in Deutschland an Akuter Promyelozytärer Leukämie (APL). Der Erkrankung liegt ein fehlerhaftes Gen zugrunde, wodurch das krebsverursachende Fusionsprotein PML-RARα entsteht. Dieses Protein behindert die Weiterentwicklung der weißen Blutkörperchen, die das Knochenmark überschwemmen und die normale Blutbildung verdrängen.  Die Folge sind Gerinnungsstörungen mit lebensgefährlichen Blutungen oder Blutgerinnseln.

Bisher wird die APL mit einer Kombination aus Chemotherapie und dem Vitamin-A-Derivat All-trans Retinsäure (ATRA) behandelt, welches einen Teil des krebsverursachenden Gens gezielt abbaut. Auf diese Weise können bisher 91 Prozent der APL-Patienten geheilt werden.

... mit neuer Therapie 98 Prozent

In einer an 40 italienischen und 27 deutschen Zentren durchgeführten Studie verglichen Forscher über mehrere Jahre die Standardtherapie mit einer neuen Kombination aus ATRA und Arsentrioxid bei über 160 Patienten. Die neue Therapie setzt an zwei Stellen des defekten Gens an: Während ATRA den RARα -Teil abbaut, inaktiviert Arsentrioxid den PML-Anteil. Auf diese Weise erreichten die Wissenschaftler Zwei-Jahres-Überlebensraten von 98 Prozent, verglichen mit 91 Prozent bei der Standardtherapie.

Insgesamt träten bei der neuen Therapie zwar etwas häufiger Nebenwirkungen auf, diese seien aber selten lebensbedrohlich, so Michael Lübbert, Hämatologe und Onkologe am Universitätsklinikum Freiburg. "Eine reversible Leberschädigung sowie gewisse EKG-Veränderungen waren durch vorübergehendes Absetzen der Arsen-Therapie immer gut beherrschbar", sagt Lübbert. Bei der Standardtherapie kam es hingegen gehäuft zu einer Knochenmarksuppression mit Blutbildveränderungen, die zu einem geschwächten Immunsystem und damit lebensbedrohlichen Infekten führte. 

Heilung ohne Chemotherapie

Die neue Therapie sei aber nicht nur besser verträglich, sie dauere auch statt zwei Jahren nur sechs Monate und könne zu einem großen Teil ambulant durchgeführt werden. "Das alles bedeutet einen Zugewinn an Lebensqualität für die Patienten", sagt Lübbert. "Mit Hilfe der neuen Kombinationstherapie aus ATRA und Arsentrioxid konnten wir eine Leukämie ganz ohne Chemotherapie heilen. Sie ist ein exzellentes Beispiel für eine genotyp-gesteuerte und molekular zielgerichtete Therapie." Er und seine Kollegen sind sich einig, dass die neue Kombinationstherapie die bisherige Standardtherapie bald ablösen wird können. (red, derStandard.at, 11.7.2013)

Originalveröffentlichung: Retinoic Acid and Arsenic Trioxide for Acute Promyelocytic Leukemia
doi: 10.1056/NEJMoa1300874

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