"La Bohème": Großes Kino mit Nahaufnahmen

11. Juli 2013, 17:48
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Puccinis Oper wird von Starregisseur Robert Dornhelm in St. Margarethen inszeniert. Hat man sich auf das Cinemascope-Format eingestimmt, lässt es sich mit diesem Sängerfest vortrefflich leben

St. Margarethen - Wenn Mörbisch das Mekka der Operette ist, dann ist St. Margarethen das Disneyland der Oper. Oder muss man ab nun sagen: das Hollywood der Oper? Robert Dornhelm inszenierte La Bohème im Römersteinbruch, was Kulturministerin Claudia Schmied, Grünen-Chefin Eva Glawischnig - "eine ganz Liebe!" - und den "Xandi Wrabetz" ins Burgenland lockte, wie Intendant Wolfgang Werner in seiner Begrüßungsansprache stolz verkündete. Sie machten es den 1,5 Millionen Besuchern nach, die in den letzten 17 Jahren lemmingsgleich zum Freiluftoperngenuss ins Weltkulturerbe pilgerten.

Was befähigt den stets freundlichen Filmregisseur für diese Aufgabe? Einiges. Im rumänischen Temeswar geboren, in den frühen 1960ern als Teenager nach Österreich emigriert und seit Jahrzehnten in Los Angeles wohnhaft, kann Dornhelm nicht nur auf eine Verfilmung des süchtig machenden Opernstoffs verweisen (2008 mit Anna Netrebko und Rolando Villázon), sondern auch auf eine brieflich beglaubigte Geschäftspartnerschaft seines Großvaters mit dem Komponisten des Werks. Nicht zu vergessen: der (beinahe) ewige Staatsoperndirektor im nahen Verwandtschaftskreis, Cousin Ioan Holender.

Der renommierte Filmregisseur bespielt die fast endlosen Weiten der 70 Meter breiten Bühne mit reichlich malerischem, Mary-Poppins-nahem Kulissenmaterial (Gewicht: 18 Tonnen), wie immer in St. Margarethen von Manfred Waba geplant. Dornhelms Novum sind aber Nahaufnahmen der Protagonisten - welche mal auf ein großes Mansardenfenster, mal auf den Fels projiziert werden.

Opulentes Künstlerleiden

Das schafft Intimität, das bringt auch den Opernbesucher in Reihe 59 noch nah ran an das Lieben und Leiden der klammen Künstlerklasse. Eine Sinn machende Neuerung, die beibehalten werden sollte. In den Binnenteilen beschenkt Dornhelm den Zuschauer mit großem Kino, speziell im zweiten Bild mit einer opulenten Darstellung des Treibens rund um das Café Momus (Kostüme: Barbara Langbein) und mit einem fantastischen Feuerwerk, welches synchroner zur Musik geschaltet ist als die immer einen Hauch dem Ton hinterherhinkenden Projektionen.

Die akustische Verstärkung bietet leichten Badezimmersound - etwas zu seifig, etwas zu hallig. Daran gewöhnt man sich, und die Solisten können dank der Verstärkung wundervoll zart singen. Siphiwe McKenzie ist als sympathisch grenzschrille Musetta der Farbtupfer im homogenen Ensemble (Josef Wagner als Marcello, Gabriele Nani als Schaunard, Günes Gürle als Colline). Marianne Fiset spielt und singt die Mimì mit einer anrührenden Natürlichkeit, und einen wundervolleren Rodolfo als den von Merunas Vitulskis kann man sich kaum vorstellen: Schmelz, Strahlkraft und Subtilität einen sich in der Stimme des Litauers (er wird 2014 in Graz den Kalaf singen). Ein Geschenk, eine Entdeckung. In einem abseitigen Kammerl koordiniert Volksoperngröße Alfred Eschwé die Solisten und den sauber singenden Festspielchor souverän und zelebriert mit dem Festspielorchester Puccinis balsamische Klänge mit Innigkeit und größter Hingabe. Wie immer siegen Jubel und Begeisterung über den Bühnentod. (Stefan Ender, DER STANDARD, 12.7.2013)

  • Im Weltkulturerbe darbt und frohlockt die Künstlerklasse: Siphiwe McKanzie (als Musetta) und Andrea Martin (als Alcindoro) bescheren Opern-Freiluftgenuss in St. Margarethen.
    foto: apa/georg hochmuth

    Im Weltkulturerbe darbt und frohlockt die Künstlerklasse: Siphiwe McKanzie (als Musetta) und Andrea Martin (als Alcindoro) bescheren Opern-Freiluftgenuss in St. Margarethen.

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