Brač: Marmorstein und Meer in Sicht

11. Juli 2013, 16:59
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Mit einem Bračer Exportschlager ist Kroatien längst in Europa und der Welt angekommen. Der blütenweiße Stein der Insel steckt in vielen bekannten Monumenten

An den Qualitäten der Konoba Kopačina wird kaum jemand zweifeln: Eine lauschige Terrasse kuschelt sich da unter Weinreben. Weiter draußen unterstreicht olivgrünes Schimmern die fruchtbaren Stellen der kroatischen Insel Brač. Das Lammlebergulasch mit Gnocchi verrät indessen die italienische Handschrift von Frau Jadrankas Großmutter, die es vor Ewigkeiten nach Dalmatien verschlagen hatte. Hinterher wandern der Reihe nach die scharfen Schnäpse des benachbarten Winzers Senjkovic über den Tisch - und die meisten Gäste dann weiter.

Die kurze Wegbeschreibung zur Kopačina-Höhle, wo Archäologen einst ein Stück kroatischer Jungsteinzeit ausgebuddelt haben, serviert Patron Ivo Jugovic gerne gratis dazu: immer am Mauerpfeffer und an den alten Maulbeerbäumen vor der mittelalterlichen Sveti-Lucija-Kapelle mit dem berühmten Schiffsfresko vorbei. Dann weiter den Hang hinauf, der den Ort Donji Humac vom Meer trennt. Nach kurzem Spaziergang ist die Kopacina-Höhle erreicht: 30.000 Jahre alte Relikte fanden sich da. Steinwerkzeuge und Pfeile, die zu den ältesten der zentralen Adria gehören. Das macht dem urigen Donji Humac auch in Brac so schnell kein anderer Ort nach.

Aber so richtig lokalpatriotisch wird Ivo Jugović im Moment dennoch wegen anderer Dinge. Wir zupfen marmorweiße Speckränder vom Pršut, schieben sie als fettige Röllchen Richtung Tellerrand, wo sie wie eingestürzte Säulen liegen bleiben. Zur Einstimmung auf den kleinen Vortrag des Wirts taugt das allemal. Herr Jugović kneift dazu die Augen zusammen, in etwa so, wie wenn man gegen das Licht in die warme Adriasonne schaut, oder ganz weit aufs Meer hinaus. Denn jetzt kommt die Geschichte mit den berühmten Steinen, und sie braucht mehr Nachdruck als sonst. Denn wir halten die Sache mit Washington für ein Gerücht.

Der Bau mit der neoklassizistischen Säulenfront an der Pennsylvania Avenue 1600 - ist er wirklich eine Art Außenposten der Adriainsel Brač? Hatte sich James Hoban, der Architekt des Weißen Hauses, der sich bei der offiziellen Ausschreibung auch gegen den - anonym eingereichten - Entwurf von Thomas Jefferson durchsetzen konnte, nicht an oberster Stelle über den wilden Materialmix beschwert: Billige Ziegel und Naturklebstoffe, Sandstein verschiedenster Provenienz kämen aufgrund steter Materialknappheit zum Einsatz, schrieb er da. Dass die Engländer den jungen Regierungssitz 1814 niederbrannten - fast ein Gnadenakt. Seit dem Wiederaufbau wird der Sandstein regelmäßig mit weißer Farbe überpinselt - und zwar bis heute. Marmor aus Brac hatte so etwas noch nie nötig. Die vier Säulen, die zehn Jahre nach dem Brand angeblich von der Insel nach Washington geliefert wurden, strahlen auch so in blendendem Weiß.

Die gemütliche Terrasse der Konoba Kopacina ist kein schlechter Platz, um Details zu diesem Exportartikel zu erfahren - und noch ein wenig mehr über die identitätsstiftende Rolle, die der berühmte marmorähnliche Kalkstein der vielbesuchten kroatischen Urlaubsinsel bis heute beschert. Gleich vier Steinbrüche liegen unmittelbar neben dem 200 Seelen zählenden Dorf. Doch so weit muss man gar nicht gehen. Die Familie Jakšić, die hier Ateliers unterhält, und die regelmäßig Steinmetzsymposien abhält, hat nur wenige Meter von Herrn Jugovićs Konoba entfernt längst eine Art Skulpturenpark zusammengetragen. Es sind vielleicht keine Meisterwerke moderner Kunst, ja nicht einmal Rodin-Plagiate. Schließlich ist Drazen Jakšić ja Besitzer einer kleinen Steinplattenfabrik. Aber man findet hier auch keine kitschigen Marmorlöwen und Skulpturen in ungewolltem Friedhofslook. Dafür sorgt schon Neffe Pero, der Bildhauer des Jakšić-Clans.

Dass sich Brač wie eine Schichttorte aufbaut, mit Adria Grigio Venato alias Adriamarmor als wichtigster Zutat, verrät freilich auch der kurze Spaziergang, der von Donji Humac hinunterführt zu einem kurzen Stichweg, der sich hier tief in die Hügelflanke gräbt. Es ist ein Hügel für Schatzsucher, so viel verraten andere "Schichten" auf den ersten Blick: Meeresblauer Adriahimmel ist ganz oben zu sehen, darunter sorgen duftende Pinien für würzige Luft. Aber weil die Bagger für den Hohlweg allzu radikal in den Boden griffen, taucht auch der schmale Humusstreifen im Querschnitt auf - eine dünne Erddecke, unter der sich schließlich der wahre Schatz verbirgt. Es sind weiß schimmernde Marmorwände, die mehrere Meter tief nach unten reichen.

Spaziert man noch ein paar Schritte weiter, dann taucht auch der dazugehörige Steinbruch auf. Und mit ihm: Zuckerwürfel fürs Auge, große weiße Quader, die die Landschaft rahmen - so grell wie ein Gletscher im April. Es sind Brocken des verborgenen, weißen Marmorsockels, auf den sich die drittgrößte Adriainsel von jeher selbst stellt.

Weiße Prestigeobjekte

Ähnliche Entdeckungen könnte man freilich an vielen Stellen der mitteldalmatinischen Insel machen. Da wäre etwa Veselje, der Steinbruch der kleinen Küstensiedlung Pučišća, im Norden von Brač, wo die großen Blöcke seit fast sechshundert Jahren auf Schiffe verladen und in alle Himmelsrichtungen versendet werden. Denn das Weiße Haus war da bloß ein Prestigeobjekt neben anderen auch. Bračs beste Stücke waren längst in Europa angekommen, als über das Entstehen der EU beraten wurde. Brač ist als Marmorinsel der Adria die schneeweiße Unterlage der Mächtigen jeder Ära. Das war bereits bei den Römern amtlich, die den kostbaren Stein auf die andere Seite der vierzig Kilometer langen Meerenge schaffen ließen, die die Insel vom Festland trennt. Genauer: nach Split, wo gegen Ende des dritten Jahrhunderts der marmorweiße Diokletianpalast entstand - übrigens in rekordverdächtigem Tempo von nur zehn Jahren Bauzeit.

Um eine Einzelaktion handelte es sich dabei nicht. Etliche venezianische Paläste wurden später mit Bračer Marmor erbaut; der Wiener Ringstraßenklassiker der Neuen Hofburg, das Reichstagsgebäude in Berlin, das Budapester Parlament, der Statthalterpalast in Triest. Alles "powered by Brač". Für die nähere Umgebung gilt das sowieso: Die Glockentürmchen und Kathedralen der kroatischen Küstenorte Šibenik und Trogir leuchten im Bračer Marmorkleid um die Wette.

Starkes Steinmetznetzwerk

In Selca, dem ganz im Osten von Brač gelegenen Städtchen, haben Bildhauer ein museales Freilichtensemble aus Marmorwaschbecken, -treppchen und -portalen geschaffen. Das dafür nötige Rüstzeug erhielten viele von ihnen im Steinbruch von Pučišća. Doch bei einer Quelle allein ließ es das Zentrum der Bračer Marmorindustrie keineswegs bewenden. Bereits 1902 gründeten kroatische Steinmetze hier die Erste Dalmatinische Steinmetz-Genossenschaft. Und seit 2005 sorgt Europas einzige Steinmetzschule dafür, dass manuelle, nach altrömischer Tradition ausgerichtete Bearbeitungstechniken gepflogen werden.

Wer wissen will, warum viele Bračer Dächer so weiß schimmern, schaut sich einfach den Marmorstaub etwas genauer an, mit dem sie einst inselweit gekalkt wurden. Besonders schön gelingt das bis heute in Škrip, dem ältesten Dorf der Insel. Am Abend, wenn sich die Tagesgäste längst verzogen haben, scheint der Trubel der Touristenorte Supetar oder Bol meilenweit entfernt. Dann haben die Zikaden das Sagen und die paar alten Frauen, die in den Gemüsegärten noch schnell nach dem Rechten sehen. Vor den Steinhäusern leuchten gelbe Punkte aus weichem Laternenlicht, und die Dächer schimmern so weiß wie Schnee. Sanfte Weinhänge fallen zu beiden Seiten ab. Feigen krallen sich neben Oleanderstauden in Mauerritzen.

In den Feldern haben Generationen von Bauern Gomela aufgeschichtet, wie man die Steinhaufen hier nennt. Schließlich wachsen auf Brac vor allem Steine, und in Škrip wurden sie ganz besonders alt: Blickt man in den Garten der alteingesessenen Familie Čerinić, tauchen hinter Mangold und Dille römische Sarkophage und ein Mausoleum auf - fast neuwertig, bedenkt man, dass das darunterliegende Fundament der "Zyklopenmauer" fast siebentausend Jahre alt ist. (Robert Haidinger, DER STANDARD, Rondo, 12.7.2013)

  • Bol, die älteste Stadt auf der kroatischen Insel Brac, ist ein Jungspund im Vergleich zu den steinzeitlichen Funden in der Kopacina-Höhle.

    Bol, die älteste Stadt auf der kroatischen Insel Brac, ist ein Jungspund im Vergleich zu den steinzeitlichen Funden in der Kopacina-Höhle.

  • Egal, ob und wie viel Bracer Naturstein nun im Weißen Haus steckt: So manche weiße Hauswand auf der kroatischen Insel hat etwas Monumentales.

    Egal, ob und wie viel Bracer Naturstein nun im Weißen Haus steckt: So manche weiße Hauswand auf der kroatischen Insel hat etwas Monumentales.

  • Anreise & Unterkunft
Nächster Flughafen ist Split. Direktflüge zum Beispiel mit Croatia Airlines. Weiterreise mit Fähren der kroatischen Linie Jadrolinja Split-Supetar und Makarska-Sumartin, 14-mal täglich.
Info: www.jadrolinija.hr, www.gv-line.hr
    foto: ham/derstandard.at

    Anreise & Unterkunft

    Nächster Flughafen ist Split. Direktflüge zum Beispiel mit Croatia Airlines. Weiterreise mit Fähren der kroatischen Linie Jadrolinja Split-Supetar und Makarska-Sumartin, 14-mal täglich.

    Info: www.jadrolinija.hr, www.gv-line.hr

  • Unterkunft in Bol: zum Beispiel Hotel Elaphusa
Touristische Infos bei der Kroatischen Zentrale für Tourismus: Tel. 01/585 38 84
    grafik: der standard

    Unterkunft in Bol: zum Beispiel Hotel Elaphusa

    Touristische Infos bei der Kroatischen Zentrale für Tourismus: Tel. 01/585 38 84

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