Diagnoseriesen und Therapiezwerge

12. August 2003, 19:12
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Wie man die Gesundheitskosten in den Griff kriegt - und was passieren würde, wenn nichts geschieht - Ein Kommentar der anderen von Karlheinz Kopf

In der Problemdiagnose sind sich alle Experten einig: Wenn wir am gesamten Gesundheits- und Finanzierungssystem nichts ändern, dann sind wir spätestens im Jahr 2006 bei einem Abgang der Krankenkassen in der Höhe von 868 Millionen Euro - mit rasant steigender Tendenz. Bei gleich bleibendem Kostenwachstum würde das Gesundheitssystem in 20 Jahren 25 Prozent des Bruttoinlandsproduktes verschlingen.

Über die Zielsetzung der Gesundheitspolitik sind sich die Politiker aller Couleurs einig: Wir wollen weiterhin die beste medizinische Versorgung in Österreich. Der Weg, den andere Länder beschreiten, die Rationierung von Gesundheitsleistungen, kommt für Österreich nicht infrage. Auch in Zukunft sollen bei uns Patienten über 70 ein neues Hüftgelenk bekommen.

Bei den Empfehlungen zu einer Therapie für das an chronischem Geldmangel leidende Gesundheitssystem beginnen aber die gegenseitigen Schuldzuweisungen der Systembeteiligten: Die Krankenkassen bemängeln die Verschreibungspraktiken von Medikamenten durch die Ärzte. Die Apotheker klagen über die geringen Handelsspannen und fürchten die Konkurrenz durch das Internet. Die Pharmaindustrie beschwert sich über zu geringe Preise in Relation zu ihren Forschungs- und Entwicklungskosten. Die Ärzte fürchten um ihren Umsatz und die Patienten stöhnen unter der zunehmenden Beitragslast. Und die Opposition kritisiert die Regierung, obwohl die größte Oppositionspartei, die SPÖ, 30 Jahre Zeit gehabt hätte, der Kostenentwicklung gegenzusteuern.

Zudem macht man es sich dabei wieder einmal sehr einfach und ortet das höchste Einsparungspotenzial bei den Arzneimitteln. Schuld an der Kostenexplosion im Gesundheitswesen seien die bösen, geldgierigen Pharmakonzerne (wahrscheinlich in Kombination mit dem Neoliberalismus). Tatsächlich liegt der Anteil der Medikamente an den Gesamtkosten der gesetzlichen Krankenversicherungsträger bei maximal 20 Prozent. Mit rund 2,2 Milliarden Euro sicher kein zu vernachlässigender Faktor; hier könnte beispielsweise eine Erhöhung des Anteils an Generika (billigere Kopien von Originalpräparaten mit gleichen Wirkstoffen) die Krankenkassen um mehrere Millionen Euro jährlich entlasten.

Vorreiter Vorarlberg

Das große Einsparungspotenzial liegt aber ganz woanders: Ein Drittel der Gesundheitskosten entsteht im niedergelassenen Bereich und fast zwei Drittel in den Spitälern. Sehr viel Geld versickert an der Schnittstelle zwischen beiden Bereichen.

Der Vorarlberger Gesundheitslandesrat Hans-Peter Bischof hat das Schnittstellenproblem an der Wurzel gepackt und mit der Entwicklung des Vorarlberger Landesgesundheitsfonds Pionierarbeit geleistet. Der Hintergrund: Die beiden Sektoren Spitalversorgung und niedergelassene Versorgung haben sich vor allem in den letzten Jahren völlig getrennt voneinander entwickelt. Es gibt keine gemeinsame Planung und keine gemeinsame Zielsetzung.

Hoffnung Prävention?

Das zweite Hauptproblem ist das so genannte duale Finanzierungssystem. Einerseits werden Leistungen aus Beiträgen der Sozialversicherung, der Rest aus Steuermitteln finanziert. Es kommt deshalb zu gewaltigen Ineffizienzen an dieser Schnittstelle (aufwändige Doppeluntersuchungen, unnötige Infrastrukturinvestitionen . . .).

Die Vernetzung des gesamten Gesundheitswesens auf Landesebene und die Finanzierung aus einem Topf werden der wesentlichste Schritt einer umfassenden Gesundheitsreform sein. Laut Expertenschätzungen liegt hier ein Einsparungspotenzial von ca. 20 Prozent.

Über Sinn und Unsinn von Selbstbehalten wurde in den vergangenen Monaten viel diskutiert. Während der Finanzierungseffekt von Selbstbehalten unwidersprochen bleibt, zweifeln viele am geplanten Lenkungseffekt. Selbstbehalte sind aber ein wichtiges Instrument, um den Patienten einzubinden und sein Kostenbewusstsein zu schärfen. Was nichts kostet, ist nichts wert. Wenn Sie um 3,63 Euro pro Quartal bei ihrem Lebensmittelhändler ums Eck alles einkaufen könnten, was sie wollen - würden Sie sich auf das Notwendige beschränken? Allerdings sollte man aus den Fehlern der Vergangenheit (Stichwort: Ambulanzgebühr) lernen.

Viele hegen die Hoffnung, dass verstärkte Prävention zu weniger Kosten führt. Allen nationalen und internationalen Studien zufolge ist diese Hoffnung aber nicht berechtigt. Statistisch betrachtet fallen nämlich die meisten Kosten erst am Ende des Lebens an; dass heißt, auch wenn man immer gesund gelebt hat, zum Beispiel durch richtige Ernährung, Bewegung und regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen, kommt für die meisten von uns der Zeitpunkt, an dem wir alt und krank im Spital landen. Keine besonders schöne Vorstellung - weder individuell noch volkswirtschaftlich. Nichtsdestotrotz sind Vorsorgeprogramme aber für eine hohe Lebensqualität sehr wichtig und deshalb zu forcieren. Ihr Beitrag zur Kostenreduktion wird aber vernachlässigbar sein.

Die Gesundheitsdiskussion wird vor allem unter dem Kosten- bzw. Finanzierungsaspekt geführt. Dadurch übersieht man sehr leicht, dass Gesundheit ein riesiger Markt ist. Die Wellness-, Fitness-, und Anti-Aging-Angebote erleben zurzeit ein exponentielles Wachstum. Experten schätzen den österreichischen Wellnessmarkt bereits jetzt auf mehr als fünf Milliarden Euro im Jahr. Es scheint, als ob die Menschen zunehmend bereit sind, Geld für ihre Gesundheit auszugeben.

Die Gesundheitsberufe, vor allem auch die freien Gesundheitsberufe wie Arzt oder Apotheker, sind hier besonders gefordert. Deren wichtigste Finanzierungsquellen, die Krankenkassen, richten ihre Honorarpolitik zunehmend restriktiv aus. Daneben entsteht aber zugleich ein riesiger privater Markt. Sich hier rechtzeitig zu positionieren und mit Marketing-Know-how und Kundenorientierung zu punkten ist eine enorme Chance - nicht zuletzt für den Kunden, den Patienten. (DER STANDARD Printausgabe, 28.7.2003)

Karlheinz Kopf ist Generalsekretär des Österreichischen Wirtschaftsbundes.
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