Zwölf Stunden Leben retten

5. August 2003, 11:08
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Die Unsicherheit der Retter ist gewachsen, wie der STANDARD bei einem Lokalaugenschein beim Roten Kreuz erlebte

Wien - Gegen vier Uhr gibt es den dritten Alarm der Schicht. Die Deckenbeleuchtung springt an, der kleine Ruheraum ist plötzlich hell erleuchtet. Kurz darauf braust der Notarztwagen mit seiner vierköpfigen Besatzung aus der Garage des Roten Kreuzes im dritten Wiener Gemeindebezirk. Ein Bewusstloser in einem Seniorenwohnheim, lautet die Kurzinformation auf dem Display neben dem Fahrer. Eine vage Angabe, der Adrenalinspiegel der Teammitglieder steigt.

Zehn Stunden sind die Retter schon im Dienst, Samstag 18 Uhr haben sie ihn begonnen. Zwei Stunden stehen sie noch für die Versorgung Verunglückter und Kranker im Südosten Wiens mit ihrer fahrbaren Intensivstation bereit, ehe ihre Kollegen übernehmen. 600 Rotkreuz-Mitarbeiter sind es in der Bundeshauptstadt, die ohne Bezahlung ihre Freizeit opfern.

Nach dem Tod des Mauretaniers Cheibani W. stehen die verschiedenen Rettungsorganisationen im Brennpunkt der Aufmerksamkeit. Besonders seitdem im Fernsehen das Video ausgestrahlt wurde, auf dem Sanitäter der Wiener Rettung zu sehen sind, die auf dem liegenden Patienten stehen. Die Unsicherheit ist gewachsen.

Spürbar wird sie am Samstagabend bei einem Einsatz in einem Favoritner Park. Das Team um Notarzt Dan Petrea wird um 20.38 Uhr von der Wiener Rettung zu Hilfe gerufen. Ein offensichtlich alkoholisierter Verletzter soll aggressiv geworden sein. Als Petrea und die Sanitäter Florian Schadauer und Barbara Schubert eintreffen, liegt der blutüberströmte Mann regungslos auf der Bahre.

"Was soll man tun?"

Den Medizinern gelingt es, ihn wieder zu Bewusstsein zu bringen, währenddessen unterhalten sich die Retter der Stadt Wien. "Man weiß nicht mehr, was man tun soll. Der hat ausgehaut - wenn ich wegtrete, fragen alle, warum ich nicht helfe, wenn ich ihn niederdrücke, regen sich auch alle auf", sinniert einer.

Der Umgang mit Tobenden ist heikel, gesteht auch Rotkreuz-Fahrer Peter Teichmann nach der Rückkehr zum Stützpunkt ein. "Ich hatte selber schon Fälle, wo Patienten hinten plötzlich zum Herumfuchteln angefangen haben. Es geht zwar meistens mit Zureden, aber im Notfall würde ich ihn schon niederdrücken, um ein Beruhigungsmittel verabreichen zu können", meint der 36-Jährige. Dass die beim Einsatz vor dem Afrika-Dorf involvierten Retter suspendiert worden sind, kritisiert er. "Dass ist eine Vorverurteilung, man hätte das Ergebnis der Ermittlungen abwarten müssen."

Doktor Petrea verwehrt sich ebenfalls gegen Pauschalverurteilungen. "Man muss immer von Fall zu Fall entscheiden, wie man sich verhält. Dass man auf einem Patienten steht, ist nicht in Ordnung, aber es ist auch sicher nicht so, dass alle Einsatzkräfte Rassisten sind", meint er zum aktuellen Fall. Seit zwei Jahren ist er beim Roten Kreuz, "und ich bin nach wie vor begeistert von diesen Leuten, die ohne Bezahlung hier zusammenarbeiten", zollt er Lob.

Fünf bis sechs Einsätze seien pro Nachtschicht üblich, es kommt aber auch vor, dass man gar nicht ins Bett kommt. An diesem Wochenende war es eher ruhig. Der Bewusstlose aus dem Seniorenheim wird als letzter Fall am frühen Sonntagmorgen versorgt und ins Krankenhaus gebracht. Um 5.15 Uhr parkt das Team wieder in der Garage und wartet auf der Terrasse Zigaretten rauchend und Kaffee trinkend auf die Ablöse. (Michael Möseneder,  DER STANDARD Printausgabe, 28.7.2003)

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