Von analog nach digital - Blindenbüchereien stehen im Umbruch

6. August 2003, 11:28
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Bücher in Brailleschrift sorgen für Platzprobleme - "Daisy" soll Verbesserungen bringen

Ein spezielles Format für Blinden-Hörbücher - namens "Daisy" (Digital Audio-based Information System) - soll wesentliche Verbesserungen für Sehbehinderte bieten und auch einen großen Nutzen für Blindenbüchereien haben. Nicht nur das vergleichsweise wenig Neuerscheinungen für Blinde (80.000 Titeln erscheinen jährlich bei der Frankfurter Buchmesse - aber nur 2000 Titel für Blinde) auf den Markt kommen, die Werke in Brailleschrift erscheinen meist mit VErspätung und nehmen dann noch viel Platz in den Bibliotheken ein.

Kostspieliges Unterfangen

Das aufwendige Übertragen von Büchern in Blindenschrift und das kostspielige Aufnehmen als Hörbuch setzten der Produktion enge Grenzen, erklärt die Geschäftsführerin der Norddeutschen Blindenhörbücherei, Elke Dittmer. In Deutschland stellten etwa sechs große Bibliotheken Hörbücher in Eigenregie her.

Dabei haben Büchereien für die rund 655.000 Sehbehinderten und Blinden in Deutschland einen wesentlich höheren Stellenwert als für Menschen mit normaler Sehkraft, wie Bibliothekar Rainer Witte von der Marburger Blindenstudienanstalt sagt. "Bücher in Blindenschrift kann man nirgends kaufen - und wenn man sie extra herstellen lässt, kostet das ein Vermögen." Für ein Taschenbuch, das im Normaldruck 8 Euro koste, müssten Blinde dann 150 Euro und mehr auf den Tisch legen.

"Herr der Ringe" in 15 Ordnern

Literatur in der so genannten Brailleschrift - benannt nach dem System des französischen Blindenlehrers Louis Braille - verschlinge zudem sehr viel Platz, erzählt Kahlisch. Aus den drei Bänden von Tolkiens "Herr der Ringe" etwa werden in Blindenschrift 15 große Ordner. "Wenn sich Blinde eine Bibliothek zulegen wollen, brauchen sie eine sehr große Wohnung", betont der Bibliotheksleiter. Und mit mehreren Dutzend Kassetten oder CDs pro Titel belegen auch die Hörbücher etliche Meter im Regal.

"Daisy soll helfen

Hier soll "Daisy" Abhilfe schaffen. Das Kürzel umschreibt ein spezielles Format für Blinden-Hörbücher, mit dem bis zu 40 Stunden lange Werke auf eine einzige CD-ROM passen. Mit Hilfe des neuen Standards können sich Hörer zudem problemlos von Kapitel zu Kapitel hangeln und auch nach Seitenzahlen oder Überschriften suchen. "Das ist ein Quantensprung im Vergleich zur Tonkassette - das Zeit raubende Hin- und Herspulen bei der Suche nach einer bestimmten Stelle fällt einfach weg", schwärmt Geschäftsführerin Dittmer.

Besonders bei der blindengerechten Aufbereitung von Zeitschriften und Nachschlagewerken sei "Daisy" unschlagbar: "Was hilft mir ein Kochbuch auf Kassette, wenn ich erst nach drei Stunden bei den Hauptgerichten ankomme?" Während oder nach der Aufnahme von "Daisy"- Hörbüchern werden etwa die Kapitelnummern mit dem Text verknüpft, damit der Benutzer sie gezielt ansteuern kann, erklärt Kahlisch - ähnlich wie beim Navigieren im Internet. Die aufwendige Umstellung der Archive komme bei manchen Bibliotheken aber nur im Schneckentempo voran. "Wir haben unseren Bestand in den letzten vier Jahren mühsam aufbereitet, andere müssen da ihre Hausaufgaben noch machen."(red/dpa)

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