Dissident Roca: "90 Prozent in der Regierung sind für Reformen"

4. August 2003, 19:55
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Der kubanische Dissident Vladimiro Roca fordert die totale Demontage des totalitären Systems in seinem Land - Er hofft im STANDARD-Interview, dass die Regierung von sich aus einen Kurswechsel einleitet und mehr Demokratie zulässt

STANDARD: Was bedeutet für Sie der Sturm auf die Moncada-Kaserne?

Roca: Ursprünglich einen Fortschritt. Es war ein Versuch, Kuba von der Batista-Diktatur zu befreien. Das ganze Moncada-Programm ist aber verschwunden. Jetzt haben wir ein totalitäres Regime, das ineffizient ist, die Kubaner in Bedürftigkeit und mit Problemen zurücklässt, die wir nur meistern können, wenn wir dieses Regime beseitigen.

STANDARD: Wie wollen Sie das erreichen?

Roca: Der einzige Weg ist die Mobilisierung des Volkes, aber in Frieden. Und die Rechte zu verlangen, die die Regierung beseitigt hat. Die Regierung hat jede Menge Spezialisten für gewalttätige oder militärische Aktionen. Deshalb hat das keinen Sinn. Der einzige Kampf, der ihnen Kopfschmerzen verursacht, ist der friedliche Kampf.

STANDARD: Streben Sie einen völligen Umbruch oder eine Verbesserung des Systems an?

Roca: Wir fordern die totale Demontage des totalitären Systems. Aber der Wechsel kann durch verschiedene Wege erfolgen. Persönlich glaube ich, dass es für Kuba besser wäre, wenn die Regierung die Änderungen selbst einleitet. Wenn nicht, dann bleibt nichts anderes als die Mobilisierung des Volkes. Das bedeutet die totale Demontage in schnellstmöglicher Zeit.

STANDARD: Gibt es innerhalb der kubanischen Regierung Kräfte, die dazu in der Lage wären?

Roca: Ja, es gibt genug Kräfte, die das machen können. Ich kann versichern, dass 90 Prozent der Mitglieder der Regierung dafür sind, sofortige Reformen einzuleiten und eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage zu erreichen.

STANDARD: Der real existierende Sozialismus brach in Osteuropa fast über Nacht zusammen. Kann das Gleiche in Kuba passieren nach dem Tod Castros?

Roca: Das ist eine Möglichkeit, die ich nicht ausschließe. Damit der Wechsel ordentlich und friedlich abläuft, sollte die Regierung diesen Wechsel einleiten. Das wäre besser.

STANDARD: Die Regierung sagt, die Dissidenten ließen sich von den USA instrumentalisieren und bekämen von dort Geld.

Roca: Die kubanische Regierung sagt all das, ohne Beweise zu liefern. Ich mache alles zum Wohl meines Landes und nicht wegen Interessen anderer. Wir akzeptieren keine Hilfe von anderen Regierungen.

STANDARD: Die EU hat die Beziehungen zu Kuba nach der jüngsten Verhaftungswelle eingefroren. Hilft das Dissidenten?

Roca: Ich glaube schon. Die Kubaner wissen jetzt, dass nicht nur die USA, sondern auch die EU gegen die Politik der kubanischen Regierung steht. Mit Worten und Taten.

STANDARD: Wie stark ist die Dissidentenbewegung?

Roca: Wir sind stark, nur schwach bei der Medienarbeit. Unsere Arbeit ist eine von Person zu Person. Wir sprechen höchstens vor zehn bis 15 Personen. Wir verhalten uns sehr vorsichtig, denn wir werden von der politischen Polizei verfolgt, die ganz hart gegen uns vorgeht. (DER STANDARD Printausgabe, 28.7.2003)

  • Der 60-jährige Vladimiro 
Roca ist einer der bekanntesten Dissidenten Kubas - Der verheiratete zweifache Familienvater hat eine fünfjährige Haftstrafe wegen Anstiftung zum Aufruhr abgesessen - Sein Engagement setzt der studierte Wirtschaftswissenschafter und frühere Luftwaffenpilot dennoch fort - Der Sohn des kubanischen KP-Gründers Blas Roca leitet die illegale Sozialdemokratische Partei
    foto: standard/afs

    Der 60-jährige Vladimiro Roca ist einer der bekanntesten Dissidenten Kubas - Der verheiratete zweifache Familienvater hat eine fünfjährige Haftstrafe wegen Anstiftung zum Aufruhr abgesessen - Sein Engagement setzt der studierte Wirtschaftswissenschafter und frühere Luftwaffenpilot dennoch fort - Der Sohn des kubanischen KP-Gründers Blas Roca leitet die illegale Sozialdemokratische Partei

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