Was leistet ein Requiem für den Humor?

12. August 2003, 14:09
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Berlioz mit den Wiener Philharmonikern unter Valery Gergiev zum Salzburger Auftakt

Salzburg - In den Nachrichten des ORF - so viel Sekundenraum ist für Kultur immerhin noch pässlich - konnte man am Sonntagvormittag vernehmen, die Salzburger Festspiele seien am Vorabend mit dem Jedermann eröffnet worden.

Das ist schlichtweg falsch, denn eröffnet wurden sie (man kann darüber denken, wie man will) von Wolfgang Schüssel und vom Bundespräsidenten. Er- oder besser gesagt: geöffnet wurde das Festspiel in Wirklichkeit auf den Straßen und Plätzen der besonnten Altstadt. Nämlich am Freitag des späten Nachmittags und des Abends von zahlreichen Vorführungen zum Nulltarif. Ein schöner, fast schon mediterraner Abend mit viel Musik, mit einigen Lautstärken und manchen humoristischen Einlagen wie etwa jener der schweizerischen Gelegenheitsclowns am Ende der Linzergasse.

Und was den eröffnenden Jedermann anbelangt, so gastierte ein paar Samstagsstunden zuvor die sakrale Kleinigkeit der Grande Messe des morts (op. 5) von Hector Berlioz im Großen Festspielhaus - nicht wenig an Musik, an personalem Aufwand und gestalterischer Aufopferung, womit sehr wohl der Anspruch verbunden sein sollte, am mehrspurigen Eröffnungsritual der Festspiele beteiligt, zumindest genannt gewesen zu sein.

Nun stellt sich aber eine viel grundsätzlichere Frage im Umfeld eines von Valery Gergiev im Dunklen wie im Strahlenden in großer, ja vibrierender Erregung aufgezogenen "Requiems": Hatten die Festspiele, als sie das Konzertleben 2003 im Zeichen von Vergänglichkeit und Tod auf Touren bringen wollten, an die Festrede des rumänischen Politgelehrten Andrei Plesu und deren gegen Ende hin pointierten Inhalte gedacht? Plesus bedenkenswerte Überlegungen gipfelten ja in einem Appell, im wachsenden, im bürokratisierten Europa keinesfalls den Humor zu vernachlässigen - eine Fürbitte nicht nur an den Durchschnittzustand der bald 200 Millionen Bürger, sondern auch an die Exponenten dieser Riesenregion, seien sie nun gewählt oder beamtet, selbst ernannt oder auserwählt.

In diesem Zusammenhang mochte die monumentale Totenmesse Berlioz' nun doch ein wenig kontraproduktiv erscheinen, sozusagen als grandioser Misston im Umfeld einer Stimmung in Nähe von Auf- und Anbruch. Nun gut: Gergiev, die Wiener Philharmoniker und der Wiener Singverein ließen dem Tod das ihm gebührende Spielfeld, schafften es aber auch, dieser konzertanten Friedhofsoper eine Menge an Diesseitigkeit, an Vitalglanz abzugewinnen, sodass der Hörer guten Gewissens bewundernd schmunzeln durfte. Im Auditorium, das sollte nicht verheimlicht bleiben: Prince Charles und Camilla Parker-Bowles. (Peter Cossé, DER STANDARD, Printausgabe vom 28.7.2003)

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    Prominenter Gast in Salzburg: Prinz Charles wird begrüßt von Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler. Im Hintergrund Mäzen Donald Kahn.

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