Die Europäer als neues Feindbild Castros

4. August 2003, 19:55
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Vor 50 Jahren begann in Kuba die Ära Fidel Castros mit dem Sturm auf die Moncada-Kaserne - Was von den Idealen geblieben ist: Eine STANDARD-Reportage aus Havanna

Kubas Staats- und Parteichef Fidel Castro hat ein neues Feindbild: die Europäische Union. Bei den Feiern zum 50. Jahrestags des Überfalls auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba attackierte Castro die Europäer heftig: "Kuba braucht die Europäische Union nicht, um zu überleben und sich zu entwickeln." Die Europäische Union täte "gut daran, weniger über Menschenrechte zu reden und mehr für die wahrhaften Menschenrechte der immensen Mehrheit der Völker der Welt zu tun", sagte Castro vor 10.000 ausgewählten Zuhörern. Der Überfall auf die Kaserne am 26. Juli 1953 war zwar gescheitert und Castro kam erst 1959 an die Macht, dieses Datum markiert aber dennoch den Beginn der kubanischen Revolution.

Trojanische Pferde

Den Europäern warf Castro vor, sie seien als ehemalige Kolonialmächte für das Elend in der Dritten Welt verantwortlich. Die ehemaligen sozialistischen Länder, die im nächsten Jahr der EU beitreten werden, beschimpfte Castro als "trojanische Pferde der imperialistischen Macht", denn sie stünden den USA näher als den anderen Europäern.

Mit seinen Angriffen reagierte Castro auf die diplomatischen Maßnahmen, die die EU wegen der Verletzungen der Menschenrechte in Kuba Anfang Juni beschlossen hatte. Nach der Verurteilung von 75 Dissidenten zu drakonischen Haftstrafen und der Hinrichtung von drei Bootsentführern im Schnellverfahren waren die Europäer darin übereingekommen, die politischen Besuche auf Kuba stark einzuschränken und nur noch Dissidenten zu allen offiziellen Anlässen in ihre Vertretungen in Havanna einzuladen. Castro hat die Ministerpräsidenten von Italien und Spanien, Silvio Berlusconi und José María Aznar, daraufhin "Faschisten" genannt.

In der Vertretung der EU-Kommission auf Kuba, die erst im März feierlich eröffnet worden ist, gibt man sich gelassen. "Wir versuchen, mit der kubanischen Regierung Wege zu finden", sagt der EU-Vertreter Sven Kühn von Burgsdorff. "Aber unsere Politik in der Frage der Menschenrechte kann davon nicht betroffen sein. Wir haben Prinzipien, die wir nicht auf dem Altar der guten Beziehungen opfern." Er hoffe, dass sich die Spirale nicht weiterdrehe und die Eiszeit bald beendet sein werde.

Am Tropf der EU

Die Europäer hoffen, dass sich die Reformkräfte in der Regierung durchsetzen. Der Karibikstaat wiederum hängt de facto am Tropf der EU, die allein seit 1993 rund 150 Millionen Euro Entwicklungsgelder in das Land gepumpt hat. Der Lebensstandard vieler Kubaner, die im Schnitt zwölf Euro im Monat verdienen, hängt wesentlich davon ab, ob ihre Regierung diese Hilfen weiter ins Land lassen wird. Ein Satz in Castros Rede in Santiago de Cuba ließ viele aufhorchen: Die humanitäre Hilfe, die sie Kuba anböten, sei an so viele Bedingungen geknüpft, dass sie seinem Land keinen Nutzen bringe.

Die Empfänge der europäischen Botschaften auf Kuba waren bisher auch die Kulisse für vorsichtige Gespräche zwischen Angehörigen der Opposition und Castros Regierungsvertretern. Durch Castros harten Kurs, der sich nach Einschätzung von Beobachtern immer mehr isoliert, droht das Ende der so genannten Mojito-Diplomatie mit ihrem Motto "Wandel durch Annäherung".

USA unterstützen offen die Opposition

Die USA unterstützen, seit US-Präsident George Bush im September 2002 James Cason zum US-Gesandten (einen Botschafter gibt es nicht) auf der Insel gemacht hat, ganz offen die Opposition: Cason hat sogar sein Haus zur Gründung einer Anti-Castro-Jugendorganisation zur Verfügung gestellt - dies fasst nicht nur Castro als Provokation auf.

Das Land befindet sich im Wartezustand. Keiner weiß, wie es weitergehen und ob die kubanische Revolution den 77-jährigen Castro überleben wird. In unsicheren Zeiten wie diesen haben die Kirchen ungeheuren Zulauf. Hunderte drängen sich rund um die Kirche der Virgen del Carmen im Viertel Cayohueso im Zentrum Havannas. Immer wieder sind "Viva, viva!"-Rufe und Beifall zu hören: Sie gelten nicht Fidel Castro, sondern der Muttergottes, die durch die Straßen getragen wird. (DER STANDARD Printausgabe, 28.7.2003)

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    Fidel Castro blickt Hilfe suchend nach oben - Just als Kubas Staatschef zum Rednerpult ging, fing es zu regnen an - In seiner mehrstündigen Ansprache griff Castro vor allem die Europäer an

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