Schauspielmacher mit befristetem Auftrag

12. August 2003, 14:09
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Jürgen Flimm im STANDARD-Interview - Er verantwortet heuer zum zweiten und schon wieder vorletzten Mal das Schauspielprogramm in Salzburg

Zum zweiten und schon wieder vorletzten Mal verantwortet Jürgen Flimm heuer das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele. Im Gespräch mit Ronald Pohl skizziert er die Grenzen der Theaterherrlichkeit - und weiß sich fernab von jeder Bitterkeit.

STANDARD: Eine vorletzte Schauspielsaison bei den Salzburger Festspielen mag ein etwas verfrühter Anlass sein, um Rückschau zu halten . . .

Jürgen Flimm: Sie sagen es. Es ist die zweite Saison, nicht die vorletzte.

STANDARD: Gleichwohl scheiden Sie überstürzt von Salzburg. Zum einen behindert Herr Ruzickas kühnes Vorhaben, 2006 alle Mozart-Opern aufzuführen, die Möglichkeiten des Schauspiels doch empfindlich. Zum anderen werden Sie nunmehr Gerard Mortier als Leiter der Ruhrtriennale beerben. Inwieweit bedingen einander diese Vorhaben? Wären Sie nicht noch gerne länger in Salzburg geblieben?

Flimm: Peter Stein leitete sechs Jahre das Schauspiel. Ivan Nagel blieb eine Saison, dann kam Frank Baumbauer - und der wäre auch länger geblieben, wenn Mortier seinen Vertrag verlängert hätte. Ich finde das nicht so atemlos.

Bei mir ist es tatsächlich so - weil jetzt gesagt wird, der Flimm wollte immer an die Ruhr: Die Ruhr ist die Folge, nicht der Grund! Sie wissen ja, dass die Musik in Salzburg eine überragende Rolle spielt. Das Schauspiel hatte immer zu kämpfen - gerade Stein hat sich mit Mortier riesige Gefechte geliefert. Bei mir gab es einen konkreten Anlass, den möchte ich Ihnen nicht schildern, und der lag im Dezember. Darauf habe ich mich mit Gerard Mortier im Jänner dieses Jahres getroffen. Und nicht anders ist es gewesen.

STANDARD: Herr Ruzicka hat eine in Nuancen andere Darstellung gewählt.

Flimm: Peter insinuiert da gerne, zur eigenen Entlastung. Einer der Punkte war das Mozart-Jahr 2006, in dem das Schauspiel tatsächlich nicht mehr vorkam. Später habe ich Martin Kusej gesagt - er führte zu diesem Zeitpunkt schon Gespräche über die Schauspielleitung -, nur jetzt habe er die Chance, sich durchzusetzen. Das hat er wohl auch gemacht.

STANDARD: Das Schauspiel übertrifft den Musiktheaterbereich doch bereits in der Zahl der Vorstellungen. Das rechtfertigt doch keine Aschenputtel-Haltung?

Flimm: Der Konflikt zwischen Mortier und Stein lag wahrscheinlich auch darin, dass Stein so stark wurde. Dieser Konflikt ist nicht neu und wiederholt sich halt. In der Vor- Mortier-Zeit habe ich drei Inszenierungen hier gemacht: Da war das noch ganz easy. Wir spielten im Landestheater - von Perner-Insel und Stadtkino damals keine Rede -, und alle waren glücklich. Manchmal muss man die Oper und auch Ruzicka daran erinnern, dass der Gründer der Festspiele Max Reinhardt hieß und dass der nicht der Librettist von Hugo von Hofmannsthal gewesen ist.

STANDARD: Lässt sich dieser Zustand ändern? Es stellt sich die Frage nach sinnvoller Kontinuität im Schauspiel. Martin Kusej beteuert öffentlich, dass er mit der Beschränkung auf zwei Jahre - 2005, 2006 - ganz gut leben könne.

Flimm: Das hat wiederum mit Ruzicka zu tun. Dessen Vertrag läuft bis 2006 . . .

STANDARD: Kusej hätte ja auch sagen können: Warten wir’s ab.

Flimm: Wissen Sie, wie oft ich schon als Intendant in Köln oder Hamburg gesagt habe: Dann werde ich und dann muss ich? Ich bin aber überzeugt, Kusej wird das Amt sehr gut ausfüllen.

STANDARD: Nun könnte es also passieren: Sie verlassen die Salzburger Festspiele und haben noch nicht einmal selbst eine Inszenierung abgeliefert.

Flimm: Muss ich doch auch nicht. Es wird Sie nicht verwundern, wenn ich sage: Ich habe in meinem Leben an die 120 Schauspielinszenierungen gemacht. Wenn Sie dann sehen, wie viele tolle Leute hier herumarbeiten, da muss ich mich doch nicht auf den Hintern setzen und auch noch den Regiestab schwingen.

Entgegen dem, was man über mich erzählt, bin ich ein Förderer des Nachwuchses. Alles andere ist völliger Quatsch. Ich bin der einzige Intendant, der mit 57 Jahren aus seinem Vertrag herausspaziert ist - und ich hätte ja am Hamburger Thalia Theater bleiben können, bis ich 74 bin. Mein Nachfolger Ulrich Khuon leistet wunderbare Arbeit.

Was ich aber nächstes Jahr hier in Salzburg mit Nikolaus Harnoncourt inszeniere: Henry Purcells King Arthur, mit Schauspielern und Sängern in der Felsenreitschule. Ich hatte im Geheimen, im Hinterkopf, die Idee, Schnitzlers Das weite Land zu inszenieren. Dann führte ich mit Andrea Breth das Gespräch - und heraus kam eine wunderbare Breth- Aufführung von Das weite Land. Da hält sich mein Schmerz in überschaubaren Grenzen. Ansonsten wälze ich Opernpläne. Und es gibt die Überlegung, etwas bei Khuon am Thalia zu machen. Das würde ich gerne machen: an dem Theater noch einmal arbeiten.

STANDARD: Das Schauspielprogramm spiegelt auch ein neues Vertrauen in eine junge Regiegeneration wider: Monika Gintersdorfer und Michael Thalheimer arbeiten neben gesetzteren Regisseuren. In ihren Arbeiten wird eine Ernsthaftigkeit spürbar, die sich nicht mehr zwanghaft von den Altvorderen abgrenzen muss . . .

Flimm: Sie meinen von den "alten Säcken"?

STANDARD: Hatte man nicht immer eine Revolution erwartet?

Flimm: Die Abgrenzung zu den "Alten" habe ich weder erlebt - noch empfunden. Auf unserem Regie-Institut in Hamburg habe ich mit eigenen Augen gesehen, welche Granaten da herausgekommen sind - Falk Richter, Nicolas Steman und viele andere. Ich war permanent mit denen zusammen. Da guckst du als alter Hase: Ah, so denken die! Sehr intelligent. Das Problem hatte ich freilich nie, dass ich Angst vor denen hätte.

STANDARD: Verlieren nicht Begriffe wie der vom verantwortungslosen "Spaßtheater" zusehends an Relevanz?

Flimm: Weil wir alle immer den Zwang haben, etwas unter einen Begriff zu drücken: dummes Zeug. Die Beschreibung der "Krise" auf dem Theater ist zunächst interessant: weil sich das Theater permanent umwälzt. Wenn wir sagen, wir haben keine Krise oder Neuorientierung - wenn die Zuschauer nicht mehr neugierig sind, was der Zeitstrom vor sich herschiebt, hat sich die Sache von selbst erledigt. (DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.7.2003)

Zur Person

Jürgen Flimm, geboren 1941, verband in seiner Karriere als Regisseur und Intendant (in Köln und Hamburg) stets rheinländische Verbindlichkeit mit dem untrüglichen Gespür für sichere Theaterwirkung. Er leitet seit 2002 das Schauspiel der Salzburger Festspiele. Flimm stand dem Deutschen Bühnenverein vor und inszenierte in Bayreuth den bis dato letzten "Ring des Nibelungen".

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    Jrgen Flimm: "In der Vor- Mortier-Zeit habe ich drei Inszenierungen hier gemacht: Da war das noch ganz easy"

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