Spiele im Sommer

15. August 2003, 20:58
posten
Fast könnte man es im kulturhauptstädtisch mur-insularen Überschwang übersehen: In Salzburg fangen heute die Festspiele an. Und in Bayreuth haben sie schon gestern begonnen. So ein Sommer hat es eben in sich.

Und auch in Graz hatte er es in sich. Allerdings nur bis zum Jahr 1967. Bis dahin gab es nämlich die Grazer Sommerspiele. Und weil alles mit allem zusammenhängt, gab es diese Sommerspiele nur, weil es die Festspiele in Salzburg gab.

Letztere haben die amerikanischen Besatzer nämlich schon zwei Monate nach Ende des Zweiten Weltkriegs wieder angekurbelt. Da wollten die Engländer, die sich in Graz niedergelassen hatten, natürlich nicht zurückstehen. So kam es, dass Albert Moser - später, weil alles mit allem zusammenhängt, Herbert von Karajans Salzburger Statthalter - 1947 mit der Organisation der Grazer Sommerspiele betraut wurde.

Der Mann, der im Hintergrund die Fäden zog, hieß allerdings Howard Hartog, den die englischen Besatzer als Programmchef von Radio Steiermark eingesetzt hatten. Er residierte auf höchst eigenwillige Weise in der alten Rundfunkvilla in der Zusertalgasse.

Zum Schock der weiblichen Belegschaft rannte er, wenn man ihn zum Telefon rief - schließlich gab es damals noch kein Handy -, häufig splitternackt, das Notwendigste mit einem Handtuch verhüllend, aus seinem Badezimmer durchs elegante Foyer in sein Büro.

Und Emil Breisach, der damals als Sprecher tätig war, weiß zu berichten, dass sich der exzentrische Herr während der Programmsitzungen mit Vorliebe auf den Tisch setzte, seine Schuhe auszog und versonnen mit den Fingern zwischen den Zehen zu reiben begann.

In die Annalen der Grazer Kulturgeschichte ist er allerdings nicht durch diese etwas eigenwillige Form, einer Sitzung zu präsidieren, eingegangen, sondern als kräftiger Förderer des Grazer Musiklebens der Nachkriegszeit, der letztlich auch ein Rundfunkorchester gründete und durch zahlreiche Konzertübertragungen den Sommerspielen starke Impulse verlieh.

Nicht nur finanzielle. Schließlich ist dieser Howard Hartog, von dem hier die Rede ist, nicht nur in die steirische Musikgeschichte, sondern auch in die internationale eingegangen. In den 50er-Jahren hatte er es in London zum Repräsentanten des Schott-Verlages gebracht. Später wurde er einer der mächtigsten Musikagenten. Er hat Pierre Boulez groß gemacht ebenso wie - um nur die Wichtigsten zu nennen - Joan Sutherland und Richard Bonynge.

Und als Pierre Boulez in Bayreuth - nicht ohne Hartogs kräftiges Zutun - erstmals den Parsifal und den Ring dirigierte, zählte der massige Brite zweifellos zu den pittoreskesten Gestalten am Grünen Hügel. Und dies sogar im konventionellen Smoking und nicht nur mit einem Handtuch verhüllt wie einst in Graz. (DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.7.2003)

Share if you care.