Rabenhof-Verein wird liquidiert

1. August 2003, 14:12
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Die Grünen befürchten "eine Prolongierung des kulturpolitischen Desasters"

Wien - Das Rabenhof-Theater hat bereits im Mai seinen Betrieb eingestellt. Nun wird der Verein "Freunde und Förderer des Rabenhof", der als Betreiber der Wiener Mittelbühne fungiert und vom städtischen Kulturamt eine Jahresförderung von 581.383 Euro erhielt, liquidiert. Dies geht aus der Beantwortung einer Anfrage, die von den Grünen eingebracht worden war, durch Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SP) hervor.

Bei den 101 Vorstellungen des laufenden Jahres wurden laut Mailath insgesamt 3369 Besucher gezählt. Das sind, wie Marie Ringler, die Kultursprecherin der Grünen, vorrechnet, 33 Besucher pro Vorstellung, was angesichts von 300 Sitzplätzen eine Auslastung von vielleicht elf Prozent bedeutet. Und obwohl das Theater geschlossen ist, fallen weiterhin monatliche Kosten von 18.727 Euro (davon allein 11.530 Euro für drei Angestellte) an. Diese Summe empfindet Ringler als extrem hoch - im Vergleich zu den Projektzuschüssen für die Freie Szene, die sich in 60 Prozent aller Fälle bloß zwischen 1450 und 7300 Euro bewegen würden.

SP-Kultursprecher Ernst Woller gesteht denn auch ein, dass es nicht tragbar sei, wenn Gernot Lechner, der Geschäftsführer, rund doppelt so viel verdiene wie Susanne Moser, die kaufmännische Leiterin des Schauspielhauses. Und im Kulturamt spricht man von einer "Notbremse", die gezogen werden musste: Karl Welunschek schied "auf eigenen Wunsch" als Direktor aus. Im Herbst soll neu gestartet werden: Laut Woller ist daran gedacht, das Theater an eine stadtnahe Struktur anzudocken. Eine Entscheidung sei aber noch nicht gefallen.

Als neuer Direktor wird, wie berichtet, Thomas Gratzer fungieren. Stadtrat Peter Marboe (VP) spricht von einem "Debakel": Seiner Meinung nach hätte der Posten ausgeschrieben werden müssen.

Und Ringler befürchtet, dass das "kulturpolitische Desaster" seit dem Jahr 2001 bloß prolongiert werde: Sie hält einen Betrieb ab Herbst für nicht realistisch. Denn laut Mailath werde derzeit kein Cent für die Entwicklung neuer Produktionen aufgewendet. Auf Nachfrage des STANDARD gab das Kulturamt bekannt, dass Gratzer lediglich beauftragt sei, ein Konzept zu entwickeln. Andererseits wird auf der Rabenhof-Homepage für den Herbst die "neueste Produktion" von Gratzer angekündigt. (DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.7.2003)

Von Thomas Trenkler
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