Aufreger und Abenteurer

1. August 2003, 11:19
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Ein klitzekleiner Skandal im öffentlichen Raum und eine Dubuffet-Personale bringen rund um die Festspieleröffnung Zündstoff nach Salzburg

Mit einer Skulptur der Kunstgruppe Gelatin wurde Salzburg noch vor Festspieleröffnung zum Schauplatz eines klitzekleinen Skandals im "öffentlichen Raum". Doch auch die Jean-Dubuffet-Personale im Rupertinum bürgt für - gesicherten - Zündstoff.

Salzburg - Spur eines Abenteuers, von wegen! Die rohen Papiermaché-Skulpturen oder die aus Styropor gefertigten plastischen Arbeiten von Jean Dubuffet verdienen diesen Titel nicht. Vergleicht man sie, welche im geschützten Raum des Rupertinum/Museum der Moderne Salzburg unter diesem Subtitel stehen, mit dem Stehvermögen vor den Toren des Museumsbaus, am Max-Reinhardt-Platz.

Die Abenteuerspur legt - manche sagen: aufgelegt - die ewig pubertierende, listige und etwas ältere Boygroup Gelatin, Österreichs Biennale-Venedig-Teilnehmer 2001. Eine Aufregung, im doppelten Wortsinn, brachte von den Bürgermeistern an abwärts die Menge auf und verschaffte Rupertinum-Chefin Agnes Husslein beste Publicity. Das wahre Theater spielt sich auf der Straße ab. "Hat denn niemand noch Anzeige erstattet?", erzürnt sich am Vormittag hinter der polizeilichen Absperrung eine Dame, deren Hals durchgehend mit Klunkern abgedeckt ist.

"Da muss man eine Decke draufgeben!" Dieses "Da" meint einen stattlich erigierten, ins Pink gehenden Penis, der zu einer sehr modernen Interpretation eines Symboles männlicher Macht, des Triumphbogens gehört.

Gelatins Arc de Triomphe formt ein mindestens vier Meter langer Mann aus Plastilin. Dessen hölzerner Sockel dient als Wasserreservoir und macht den Bogen zum Brunnen. Und es sprüht aus dem Pi`ece de résistance. Shocking! Aufgefangen wird das Eau des Salzburger Manneken Pis im Munde des ungelenken Triumphators. Salzburg lässt sich genau so provozieren, und deshalb gerät die Sache etwas ins Öde auf beiden Seiten - trotzdem lustig.

Auf der Skizze für die Behörden war das gute Stück noch nicht oben gewesen. Marktstände: ja, vor dem Festspielhaus! Marktständer? Nein. Sichtlich peinlich berührte Feuerwehrmannen bedecken das Ganze vom Hubkran aus mit einer Planke, dazwischen fotografieren sich Schaulustige und Gelatin gegenseitig. Ende offen.

Der gute alte Dubuffet (1901-1985) hätte hier wahrscheinlich nur mit den Achseln gezuckt, er suchte Paralleluniversen jenseits von Provokation. Konservativ, weil er von klassischer Malerei und Skulptur ausging, modern und antitraditionell in der Umsetzung. Die 120 Leihgaben seiner Rupertinum-Personale stammen nicht nur, wie 1995 in einer ausgezeichneten Schau im Kunsthaus Wien, von der Pariser Fondation Dubuffet, sondern auch vom New Yorker Guggenheim Museum, in dessen Dependance Bilbao die Ausstellung im Herbst weiterwandert.

Chronologisch geht die Schau den Weg des Spätberufenen nach - erst mit 41 entschloss sich der aus Le Havre Gebürtige zum Künstlertum, orientierte sich anfangs an kubistischer Formgebung, an André Masson, Léger. Abseits des angesagten Formenkanons entwickelte er eine heiter-anarchistische Gegenwelt, die der Kunst von Geisteskranken, Kinderzeichnungen und außereuropäischer Kunst Tribut zollte.

Flächiger Bildaufbau

Dubuffet, der ab 1945 auch diese Kunst sammelte und ausstellte, verdankt man auch den Terminus "Art brut" sowie deren Wertschätzung. Stilistisch meint das den eher flächigen, aus großen Farbformen zusammengesetzten Bildaufbau, das gleichwertige Nebeneinander isolierter Einzelformen, das Überzeichnen von Details. Der Künstler selbst sprach von "räumlichen Partituren".

Wüsten- und Arabien-Fan Dubuffet, der in Paris und New York arbeitete, experimentierte mit Materialien, wollte Natur realistischer als die Natur nachbilden. Das Arbeitsmaterial, manchmal auch in dadaistischer Manier etwa Schmetterlingsflügel, sollte psychische Prozesse unmittelbar übertragen.

In den Bildern der Serie Paris Circus und den Arbeiten der zwölf Jahre währenden Serie Hourloupe aus den 60er-Jahren verschwinden die angedeuteten Personen in einem Geflecht aus Linien. Bemalte Skulpturen aus Styropor, deren Über-Utopie in Frankreich in der Cloiserie Falbala (Perigny-sur-Yerres) verwirklicht wurde, weisen in ihrer Abstraktion auf das in einem eigenen Stockwerk präsentierte, kraftvolle und im besten Sinne eigenwillige Spätwerk des Künstlers.

Allen voran die Serie Mires, was einerseits Blickpunkt bedeutet, andererseits, philosophisch, die Gestalt der Gegenstände, die in einem Spiegel reflektiert werden. Also auch hier, auf den zweiten Blick, kunsthistorisch natürlich schon Jahre verdaut, genügend Spuren für Abenteuer. (DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.7.2003)

Von Doris Krumpl

Zum Gelatin-Skandälchen siehe auch:

Gelatin-Skulptur in Salzburg verhüllt Abtransport scheiterte am Widerstand der Künstler
Bürgermeister Schaden: "Man tut der Kunst nichts Gutes, wenn man für jede Unsinnigkeit die Freiheit der Kunst beansprucht"

Dubuffet-Personale

  • im Rupertinum bis 19. 10.

  • Guggenheim Bilbao
    11.11.03-14.4.04
  • Links

    Gelatin

    Museum der Moderne

    • Jean Dubuffet im Rupertinum als posthumer Festspielgast - hier "Avantgarde aux cravates".
      foto: rupertinum

      Jean Dubuffet im Rupertinum als posthumer Festspielgast - hier "Avantgarde aux cravates".

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