Rückkehr zur Regionalität

12. August 2003, 19:45
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Graz-2003-Finanzchef Manfred Gaulhofer sorgt sich um die Zukunft der Kulturhauptstadt

Graz - Ende 1999 hatte Wolfgang Lorenz, damals frisch bestallter Intendant der Kulturhauptstadt, eine banale Weisheit parat, die den Politikern Feuer unterm Hintern machen sollte: "2003 lässt sich nicht verschieben!" Damit hatte er Erfolg: Das Kunsthaus, die Stadthalle, das Literaturhaus und so weiter wurden realisiert. Von Beginn an erklärte er zudem immer wieder, worum es ihm geht: um Nachhaltigkeit, auch wenn dieses Wort ein eher grausliches sei. Aber er formulierte es vielleicht zu wenig drastisch. In dem Sinne: "2003 ist nicht das Ende!"

Denn trotz aller Warnungen der Graz-2003-Mannschaft trafen die Stadtpolitiker keine Vorkehrungen für die Zeit danach. Vielleicht weil sie wussten, dass mit der Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres der letzte Höhepunkt ihrer Laufbahn erreicht worden sein würde: Alfred Stingl gab das Bürgermeisteramt ab, Helmut Strobl, viele Jahre Kulturstadtrat, zog sich aus gesundheitlichen Gründen zurück.

Manfred Gaulhofer, kaufmännischer Direktor von Graz 2003, ist nun ziemlich enttäuscht. Denn es sei gelungen, die eher unbekannte Stadt ins Blickfeld zu rücken: "Heuer werden 150.000 Kulturtouristen mehr nach Graz gekommen sein. Und jeder gibt, wie Untersuchungen beweisen, 140 Euro aus. Das bedeutet einen zusätzlichen Umsatz von 21 Millionen Euro!" Es seien aber keine konzeptuellen oder finanziellen Anstrengungen unternommen worden, die Besucher auch 2004 mit einem respektablen Kulturangebot anzulocken. Obwohl Bürgermeister Siegfried Nagl vom "harten Standortfaktor Kultur" gesprochen habe: "Statt einer nahtlosen Fortsetzung der Kulturaktivitäten wird es ein Absacken geben. Was erwartet den Besucher, wenn er kommenden Februar anreist?"

Christian Buchmann, der neue Kulturstadtrat, hat das Manko zumindest erkannt: "Wenn wir einfach zur Tagesordnung übergehen, wird man uns zurecht vorwerfen, dass alles nur ein Strohfeuer war." Er will daher einen Schwerpunkt setzten - und stellt zwei Millionen Euro für das Literaturprojekt "Graz in Worten" zur Verfügung. Er begründete dieses dahingehend, dass "die heimischen Autoren im 2003-Programm eher eine Randerscheinung" gewesen seien. Womit er sich den Groll der Kulturhauptstadtmacher zuzog, die auf Uraufführungen (Anselm Glück, Gert Jonke), Ausstellungen (Thomas Bernhard, Werner Schwab) und Publikationen (Wolf Haas, Graz von außen) hinweisen.

Enttäuscht reagierte auch Gerhard Melzer, der als Leiter des Literaturhauses für die herausragenden Literaturveranstaltungen bei Graz 2003 verantwortlich zeichnet. Denn Buchmann kann sich "eine Reihe innovativer Projekte" - darunter Lesungen von Grazer Autoren, eine regionale Buchmesse, einen Pflichtschulwettbewerb "Kinder dichten" und eine Belebung des Hörspiels - vorstellen, die wohl kaum international wahrgenommen würden, und fand es vor seiner Pressekonferenz im Juni, bei der das "Jahr der Literatur" präsentiert wurde, nicht nötig, das Literaturhaus einzubinden.

Zudem macht sich Melzer Gedanken über die Nachhaltigkeit. Denn die Subventionen sichern zwar ein Basisprogramm, ermöglichen aber keine Highlights wie dieses Jahr. "Nachhaltigkeit entsteht nur durch Kontinuität", sagt Melzer. Das Schwerpunktjahr löse das Problem nicht, sondern zöge es nur um ein Jahr hinaus. Weil es 2005 einen anderen Schwerpunkt gibt.

Buchmanns Schwerpunktsetzungen betrüben auch Manfred Gaulhofer: "Wir haben Graz damit bekannt gemacht, dass es hier eine enorme Vielfalt gibt. Diese Vielfalt muss auch in Zukunft ermöglicht werden! Hinzu kommt, dass wir eine Ganzjahres-Choreografie entwickelt haben. Eine solche scheint mir nach wie vor zielführend: Um selbst in strukturschwachen Monaten mit einem guten Programm aufwarten zu können."

Das Kulturamt könne eine solche Choreografie aber wohl kaum entwickeln, auch wenn Buchmann propagiert: "Amt managt selbst!" Denn Kulturverwaltung und Kulturbetrieb seien zwei verschiedene paar Schuhe. Das Know-how, das sich die Kulturhauptstadtmacher erwarben, nicht zu nutzen, sei kontraproduktiv: "Buchmann hat uns bis dato nicht eingeladen, am Kulturentwicklungskonzept mitzuarbeiten. Das ist schade." (DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.7.2003)

Von Thomas Trenkler
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