Die Krisenperiode der Freude

12. August 2003, 14:10
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Der rumänische Denker Andrei Plesu lotete Gegensätze zwischen Ost und West aus - Die Eröffnungsrede in Auszügen

"Freude – Ost und West": Die in diesem Spannungsfeld einhergehenden Gegensätze lotet der rumänische Denker Andrei Plesu als Eröffnungsredner der Salzburger Festspiele aus: Auszüge aus einem Plädoyer – auch für mehr Humor.


Sie erinnern sich vielleicht an die Bilder der rumänischen Revolution vom Dezember 1989, so wie sie über die Bildschirme in aller Welt liefen: Ein Diktator flüchtete in einem Hubschrauber, auf den Straßen Panzer, verunsicherte Soldaten und exaltierte Zivilisten, von überall wurde geschossen. Noch gab es keine Trenn- linie zwischen Euphorie und Terror, Hoffnung und Trauer gingen Hand in Hand.

Rumänien schien ein Riesenbetrug gelungen zu sein: Es hatte etwas organisiert, was nach Revolution aussah, in Wirklichkeit jedoch blieben die Strukturen der Diktatur unangetastet. Rumänien war also das große Fiasko, die Ausnahme, das schwarze Schaf des europäischen Ostens. Inzwischen hat das Misstrauen nachgelassen. Das Schaf ist tragbar und salonfähig geworden, es wurde eingeladen, der Nato beizutreten, und ihm wurden auch die großen europäischen Weidegründe versprochen. Und den "Ereignissen" vom Dezember 1989 wurde der Titel "Revolution" wieder zuerkannt.

Doch nicht über diese grandiosen historischen Entwicklungen möchte ich hier sprechen. Meine Erinnerung an die Revolution in Bukarest sind weitaus bescheidener. Sie haben mit dem Alltäglichen zu tun, mit konkreten Ängsten, mit mehr oder minder wichtigen Details. Der erste Siegesschrei, den ich überhaupt hörte, die erste artikulierte Freude, die als Zeugnis für den radikalen Wandel der Zeiten stand, kam von einer netten Nachbarin ohne jegliche revolutionären Absichten.

Sie stürmte heldenhaft durch den Kugelhagel von der Straße in unseren Hof und verkündete zum Wohle der gesamten Nachbarschaft: "Im Laden an der Ecke gibt es Oliven! Ohne Schlange!" Schlagartig schmeckte ich das Aroma der Zukunft. Ich spürte, dass wir an der Schwelle einer entscheidenden Veränderung standen: Von nun an werden wir Oliven haben. Und wir werden sie in jedwelcher Menge und ohne Schlange kaufen können. Aus meiner Sicht reichte das aus, um eine Revolution zu rechtfertigen ...

Die Freude meiner glücklichen Nachbarin war gleichzeitig ein Echo der Vergangenheit und eine Prophezeiung. Es war eine Art von Freude, die nur durch die wirtschaftliche Not einer Diktatur erklärt werden konnte und die in kürzester Zeit verschwinden sollte.

Damit kommen wir zu einer ersten Stufe der Unterscheidung zwischen dem kommunistischen Osten und dem freien Westen in Sachen Freude: Der Osteuropäer empfand den Kauf von Oliven als eine Freude, während ein Oliven kaufender Westeuropäer gar nichts verspürt. Was für den einen ein banaler Umstand, eine Selbstverständlichkeit ist, war für den anderen ein Ereignis, eine elektrisierende Chance, ein Fest. Für den Osteuropäer war die "Selbstverständlichkeit" des Westeuropäers eine Utopie – und ist es immer noch.

"Normalitäten"

Diese Feststellung verdient unsere Aufmerksamkeit, denn ein Grund, weshalb sich Osten und Westen manchmal nicht verstehen, lässt sich unserer Meinung nach daraus ableiten, dass sie unterschiedliche Erfahrungen mit der Selbstverständlichkeit im Alltag haben, dass ihnen die Selbstverständlichkeit des anderen fremd ist. Die "Normalität" des Westeuropäers besteht aus einer langen Liste von "Selbstverständlichkeiten": Es ist selbstverständlich, dass es Essen gibt, dass die Heizung funktioniert, wenn es draußen kalt ist, dass man Tag und Nacht Strom hat, dass der Bus pünktlich kommt, dass man einen Reisepass besitzt, dass man treffen darf, wen man will, und dass man glauben und schreiben und veröffentlichen kann, was man will.

Nichts von alldem war für den Bürger eines kommunistischen Landes selbstverständlich. Wenn zufällig oder als Ausnahme oder durch willkürliche Großzügigkeit der Machthaber der eine oder andere Punkt auf der obigen Liste von der Wirklichkeit Lügen gestraft wurde, wenn du Wärme oder Licht oder einen Reisepass hattest – oder Oliven – oder wenn eines deiner Bücher veröffentlicht wurde, dann hattest du alle Gründe der Welt, dich zu freuen. Das Unwahrscheinliche war möglich geworden. Das Minimale erreichte feierliche Ausmaße. Aus vollen Zügen minimale Freude genießen – das ist eine der irreduktiblen Erfahrungen der Freude im europäischen Osten vor 1989.

Mein alter Philosophieprofessor in Rumänien hatte also Recht gehabt. "Du wirst sehen", sagte er zu mir, "das Ende der zivilisierten Welt wird nicht als Folge einer großen Katastrophe eintreten. Das Ende der Welt wird mit einer Kleinigkeit beginnen, mit einer Bequemlichkeit, die plötzlich wegfällt. Es wird drei Tage lang kein Mineralwasser geben oder kein Toilettenpapier oder kein bleifreies Benzin. Und alle jene Menschen, für die solche Dinge eine lebensnotwendige Selbstverständlichkeit sind, werden die Entwöhnung nicht verkraften und in einem körperlichen und geistigen Marasmus enden. Nicht die große Apokalypse wird uns das Ende bescheren, sondern eine leicht lächerliche, aber verhängnisvolle kleine Apokalypse ..."

Am Vorabend einer eventuellen "großen" Apokalypse wird der Westen mit der wunderbaren Technologie, die ihm zur Verfügung steht, mit seinen hervorragenden Spezialisten und seinen finanziellen Mitteln die Menschheit retten können. Wenn es sich aber bei der Bedrohung um eine "kleine" Apokalypse handelt, so setzen Sie getrost auf Mittel- und Osteuropa! Wir werden Sie schnell mit der Technik vertraut machen, wie man mit wenig leben kann, wie man mit dem "Ersatz" umgeht und wie man Nichtigkeiten genießt.

"Negative" Freuden

Außer an minimalen Freuden hatte der Bürger des Ostens teil an einer Vielzahl von "negativen" Freuden. Die minimalen Freuden sind eine Euphorie des strikt Notwendigen. Die negativen Freuden kommen nicht aus der Genugtuung einer angenehmen Erfahrung, sondern aus der Genugtuung, keine schlechten Erfahrungen zu haben. Die negativen Freuden können wunderbar mit dem Syntagma: "Es hätte auch schlechter kommen können" ausgedrückt werden. Sie entstehen vor dem Hintergrund einer düsteren Erwartung und dadurch, dass diese Erwartung sich nicht erfüllt.

Es gibt noch eine dritte Kategorie von Freude, die in den beiden europäischen Welten unterschiedlich empfunden wird: die verbotene Freude. Kurz gesagt, im Westen ist das Verbot als Ausdruck einer allgemein akzeptierten Moralität legitim, was seine Überschreitung zu einer Missetat macht.

Im Osten war das Verbot nicht legitim, sodass die Überschreitung des Verbots eine moralische Mutprobe, eine reine Form geistigen Jubilierens war. Im Verborgenen einen verbotenen Autor lesen, ein religiöses Leben führen, den Sender "Freies Europa" hören, verbotenerweise ausländische Freunde bei sich zu Hause unterbringen, Witze über die totalitäre Regierung machen oder seine Schreibmaschine bei der Polizei nicht anmelden – das alles waren Siege, das waren gewonnene Punkte gegen den diktatorischen Missbrauch. Verbotene Freuden sind gefährliche Freuden. Das Vergnügen wird von der kribbeligen Erregung des Risikos potenziert.

Selbst manche Freuden, die – unter normalen Umständen – nicht legitim sind, zum Beispiel die Freude, den Staat zu betrügen, bis hin zum Diebstahl aus dem Staatseigentum, bekamen im kommunistischen Kontext eine seltsame Legitimität. Sie waren ein Sabotageakt, eine Modalität, sich das zurückzuholen, was das Regime einem willkürlich konfisziert hatte, kaum dass es an der Macht war. Der "Staat" war im Grunde genommen die Kommunistische Partei, der Feind also. Manchmal glaube ich, dass die unverantwortliche Explosion der Korruption in manchen Ländern des heutigen Osteuropa nichts anderes ist als diese aus Inertie überlebende Mentalität.

Wir haben unsere paradoxen, vom diktatorischen Universum bewirkten Freuden nicht mehr, die quälend und gleichzeitig erhebend waren, und wir haben Ihre Freuden noch nicht. Was als "Tran^sitionsperiode" bezeichnet wird, ist unter anderem auch eine Krisenperiode der Freude. Wir sind anfällig für sterile Nostalgien wie für unbegründete Hoffnungen.

Ernst und Humor

Es ist nicht nur so, dass wir Ihre Freuden noch nicht haben können. Wir sind auch nicht immer vorbereitet, Ihre Freuden zu verstehen. Es scheint so zu sein, dass wir manchmal nicht ernst nehmen, was Sie ernst nehmen, dafür jedoch ernst nehmen, was Sie nicht ernst nehmen. Um zu einem gemeinsamen Nenner zu kommen, müssten sowohl Sie als auch wir mehr Humor haben.

Die europäische Vereinigung wird unter anderem auch eine Vereinigung unserer Freuden bedeuten. Wir werden lernen, uns über dieselben Dinge zu freuen, aber vor allem werden wir lernen, Osten wie Westen, uns aneinander zu freuen. Sie müssen wissen, dass wir den westlichen Lebensstil vor 1989 neidlos bewundert haben. "Das Glück anderer", sagt Balzac, "kann eine Quelle des Glücks für jene sein, die nicht glücklich sein können." (DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.7.2003)

Zur Person

Andrei Plesu, 1948 geboren, ist Religionsphilosoph und Rektor des New Europe College in Bukarest. 1989 bis 1991 war er rumänischer Kulturminister, 1997 bis 1999 Außenminister.

Ausführliches Portrait
von Josef Kirchengast
Heiterer Blick zurück und nach vorn
Andrei Plesu, einst "kein guter Kulturminister", nun Eröffnungsredner der Festspiele

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    Plesu: "[...]Der Osteuropäer empfand den Kauf von Oliven als eine Freude, während ein Oliven kaufender Westeuropäer gar nichts verspürt. Was für den einen ein banaler Umstand, eine Selbstverständlichkeit ist, war für den anderen ein Ereignis, eine elektrisierende Chance, ein Fest. [...]"

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