Schweiz: "Bund" und "Berner Zeitung" schließen sich zusammen

1. August 2003, 17:17
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"Bund" trug NZZ bisher Verluste ein - Gewerkschaften skeptisch: "Fusion auf Raten" - Zwei Dutzend Stellen fallen weg

Am Freitag wurde ein Zeitungszusammenschluss in der Schweiz besiegelt: Die Zukunft der traditionsreichen schweizerischen Zeitung "Bund", die seit 1848 erscheint, soll jetzt durch Zusammenarbeit mit dem Konkurrenten "Berner Zeitung" (BZ) gesichert werden. Die Redaktion des "Bund" bleibt unabhängig.

Darauf haben sich die Bund Verlag AG und die Espace Media Group, Herausgeberin der BZ, geeinigt. Der Deal ("Berner Modell") muss noch von der Wettbewerbskommission genehmigt werden.

Verluste reduzieren

Die Espace Media Group übernimmt von der NZZ-Gruppe 40 Prozent des Aktienkapitals der Bund Verlag AG. Danach halten BZ und NZZ je 40 Prozent; die restlichen 20 Prozent bleiben bei der PubliGroupe.

Aus unternehmerischer Sicht musste die NZZ einen Weg finden, um die Verluste zu reduzieren, die ihr der "Bund" eintrug (2002: 8 Mio. Franken/5,17 Mill. Euro), wie Beat Lauber, Leiter Regionalzeitungen, heuet auf Anfrage sagte. Dies wäre nach den Worten Laubers auch der Fall gewesen, wenn es dem Flaggschiff NZZ besser ginge als derzeit.

Weiterhin zwei unterschiedliche Marken

Es gebe, wie es in der Mitteilung heute hieß, im neuen "Berner Modell" weiterhin zwei unterschiedliche Marken auf dem Lesermarkt, jedoch ein einheitliches Angebot auf dem Werbemarkt. Das Modell wird per Anfang 2004 umgesetzt. Bis dahin werden 25 Stellen abgebaut. Die Gewerkschaften indes fürchten freilich einen größeren Stellenabbau.

Bis mindestens Mitte 2005 wird der Produktionsbetrieb des "Bund" in Bümpliz aufrecht erhalten. Danach wird die BZ auch für Produktion und Vertrieb des "Bund" zuständig. Der "Bund" wird ab dann im neu entstehenden Druckzentrum der Espace Media Group gedruckt.

Zwei Dutzend Stellen fallen weg

Die NZZ glaube unverändert an die Bedeutung des "Bund" als eigenständigen Titel und freue sich, dass er erhalten bleibe, auch im Interesse des Medienplatzes Bern. Zum Abbau von 25 Stellen auf Anfang 2004 sagte Lauber, es seien die Bereiche Verlag und Dienste betroffen, wo nun eine Zusammenführung stattfinde.

Für Albert P. Stäheli, Chef der Espace Media, ist die nun gefundene Lösung nur dank dem guten Willen aller Beteiligten zu Stande gekommen. "Publizistisch werden die beiden Zeitungen im Wettbewerb stehen und sich zugleich ergänzen", sagte Stäheli.

Die Zukunft des Internetportals eBund oder von Radio BE1 bleibe Sache des Bund Verlags. Die jetzige Vereinbarung betreffe einzig die beiden Zeitungstitel. Sobald der "Bund" im neuen Druckzentrum der BZ gedruckt werde, werde es in diesem Bereich nochmals einen Abbau von Arbeitsplätzen geben.

Neue Zusammensetzung des Verwaltungsrates

Der Verwaltungsratspräsident des "Bund", Ulrich Zimmerli, trägt die Lösung "im Interesse des Weiterbestands der Qualitätszeitung 'Bund' mit", scheidet aber aus. Die neue Zusammensetzung des Verwaltungsrates wird in der nächsten Generalversammlung bestimmt.

Die schweizerischen Mediengewerkschaften zeigen sich zwar erfreut darüber, dass die Zeitung "Der Bund" erhalten werden soll. Hinsichtlich der längerfristigen Konsequenzen des "Berner Modells" sind sie jedoch skeptisch. Es seien noch viele Fragen offen.

Das Modell sei verglichen mit anderen möglichen Szenarien nicht die schlechteste Lösung, sagte Daniel Waser vom Schweizer Verband der Journalistinnen und Journalisten (SVJ) am Freitag auf Anfrage. In Deutschland gebe es ähnliche Kooperationsmodelle. "Dies zeigt, dass es möglich ist."

"Fusion auf Raten"

Allerdings bestehe auch die Gefahr, dass es sich beim "Berner Modell" um eine Fusion auf Raten handle, räumte Waser ein. Dagegen würden sich die Gewerkschaften vehement zur Wehr setzen. Es gelte nun, die Einzelheiten sorgfältig abzuklären.

Es sei noch unklar, wie viele Stellen längerfristig abgebaut würden, sagte Waser. Es sei zu befürchten, dass es nicht bei 25 bleibe. Auch hätten sich die beiden Häuser nicht dazu geäußert, wie sie die Unabhängigkeit der Redaktionen grantieren wollten. Und über die Auswirkungen des einheitlichen Werbeauftritts müsse auch noch diskutiert werden. (APA/sda)

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