"Ich frage Sisi: Wo ist meine Stimme"

10. Juli 2013, 19:43
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Tausende Morsi-Anhänger protestieren jeden Tag vor der Kairoer Universität. Abgeriegelt von der Armee, verschanzt hinter eigenen Barrikaden, sind sie trotz Ramadan fest entschlossen zu bleiben, bis der entmachtete Präsident wieder im Amt ist

Armee und Polizei haben alle Zufahrtsstraßen zur Kairoer Universität weiträumig mit Stacheldraht und ihren eigenen Fahrzeugen abgesperrt, den Verkehr auf einer wichtigen Durchgangsader umgeleitet. Die Metro-Station bleibt geschlossen. In einem großen Umkreis sind die Tore von Geschäften mit Gittern und Metallplatten verrammelt, nur ein paar Kioske und Greißler bleiben offen. Wer sich der Universität nähert, muss jungen Soldaten Tasche und Ausweis zeigen. Die Sicherheitskräfte stünden im Dienst des ganzen Volkes, steht auf speziellen Plakaten, die auf den Mannschaftswagen der Polizei angebracht sind.

Diesem Versprechen trauen die Demonstranten nicht. Seit sie vor einigen Tagen zum ersten Mal angegriffen und 16 von ihnen getötet wurden, haben sie eigene Barrikaden aus schweren Steinblöcken, Müllcontainern und Eisentoren aufgeschichtet. Dahinter liegen Haufen von Steinen, die sich als Wurfgeschoße eignen. "Das ist nur zu unserer Verteidigung", rechtfertigt sich Mohsen. Ausgerüstet mit einem leuchtend gelben Schutzhelm, versieht der Englischlehrer seinen Wachdienst. Fast jede Nacht würden sie überfallen, die Schläger kämen unter dem Schutz von Polizei und Armee, berichtet er. Wie zum Beweis humpelt Mohammed auf Krücken daher. Er sei von einem Geschoß getroffen worden, sagt der Student.

Tahrir der Morsi-Anhänger

Der Platz vor der mächtigen Kuppel der prestigeträchtigsten ägyptischen Universität ist seit dem Ultimatum der Generäle am 1. Juli so etwas wie der Tahrir der Morsi-Anhänger. Dort bleiben die Islamisten jetzt ausgesperrt, dafür sorgen Rebellen der Tamarod-Bewegung. Ihren Tahrir nennen sie al-Nahda - Renaissance - nach dem Programm der Muslimbrüder. Er liegt in Fußdistanz vom Tahrir. Auch hier gibt es Straßenhändler mit kühlen Getränken und Verpflegung. Aber hier fehlen die Verkäufer von Revolutions­insignien. Die schwarz-weiß-rote Landesfahne ist zu einem Symbol der Morsi-Gegner geworden.

Dafür sind zwischen den Zelten jetzt Stoffbanderolen mit den Bildern ihrer Märtyrer gespannt. Ein anderes Spruchband verkündet, dass sich das Volk seinen Präsidenten nicht von den Feloul - den Mubarak-Loyalisten - wegnehmen lasse. Während sich im Laufe des Tages nur einige Hundert Frauen und Männer auf dem großen Platz aufhalten und viele von ihnen im angrenzenden Zoo schlafen, schwillt die Menge in den kühlen Abendstunden jeweils an. Millionen seien sie dann, meint einer von ihnen. Ihre Wut richtet sich vor allem gegen eine Person, Armeechef General Abdel-Fattah al-Sisi. Sobhi versteht die Welt nicht mehr, er ist ganz niedergeschlagen. Warum dieser Hass, die Muslimbrüder hätten doch über Jahre so viel Gutes für so viele Ägypter getan.

"Hexenjagd" auf die Brüder

Seit dem Putschabend sei eine Hexenjagd gegen die Islamisten ausgebrochen, ihre Führer würden verhaftet, ihre Medien geschlossen, Morsi festgehalten, stellt Hazem fest. Sisi und die Generäle hätten geputscht. Das sei nicht der Wille des Volkes gewesen, das müsste man doch vor allem im Westen verstehen, wo die demokratischen Spielregeln bekannt seien, meint er an die Adresse der Ausländerin.

"Ich frage Sisi: 'Wo ist meine Stimme?'", mischt sich Karim ein: "Seit der Revolution waren wir fünfmal an der Urne, immer waren wir die Mehrheit. Das ist Betrug." In der Diskussion wird auch deutlich, dass sie befürchten, Säkularisten könnten in Zukunft den Ton angeben und der islamische Charakter Ägyptens könnte gefährdet sein. Über Fehler der Morsi-Regierung wollen sie nicht reden.

Am Ausgang des Platzes kon­trollieren drei in schwarze Tschadors gehüllte Aktivistinnen die Taschen und Ausweise der De­monstrantinnen. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Dies sei für sie eine Pflicht, der sie gerne nachkommen würden, lächelt Rida, eine Lehrerin. Die Frauen bleiben auch während der Nacht. Hier müssten sich Frauen nicht fürchten. Hier gebe es keine sexuelle Belästigung wie auf dem Tahrir. (Astrid Frefel, DER STANDARD, 11.7.2013)

  • Demonstrantinnen fordern die Wieder­einsetzung des gestürzten Präsidenten Mohammed Morsi und wollen ihre Proteste weiterführen, bis er wiedereingesetzt ist. Sie bleiben dabei, dass er der durch Wahlen legitimierte Präsident ist.
    foto: epa/yahya arhab

    Demonstrantinnen fordern die Wieder­einsetzung des gestürzten Präsidenten Mohammed Morsi und wollen ihre Proteste weiterführen, bis er wiedereingesetzt ist. Sie bleiben dabei, dass er der durch Wahlen legitimierte Präsident ist.

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