Bei der Bohème wird heuer gestrampelt

11. Juli 2013, 05:30
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Bei den Opernfestspielen im Steinbruch von St. Margarethen werden die Kulissen mit Fahrrädern bewegt

St. Margarethen - Als sie im Vorjahr im Steinbruch von St. Margarethen "Carmen" gaben, lief zunächst einmal alles wie am Schnürchen. Mehr oder weniger - wie es eben in einem Bühnenbetrieb so läuft. Aber eher mehr. So lange, bis eines Abends dunkle Wolken am Himmel aufzogen, ein Gewitter über Bühne und Zuschauerarena hinwegfegte und ein Blitz einschlug.

Elektromotoren außer Gefecht

Und dann lief auf einmal gar nichts mehr. Bei den Kulissen nämlich. Die Elektromotoren und deren Steuerung waren im wahrsten Sinn des Wortes blitzartig außer Gefecht gesetzt. Nicht einen Meter war das Bühnenbild zu bewegen, Neues zu zeigen. Und so stand die Carmen mitten in der Kulissenarena und musste der Rolle gemäß verzweifelt an die Tür klopfen und Einlass in die Arena begehren, in der sie ohnehin schon stand.

Solch eine Panne sollte für den heurigen Opernbetrieb im Steinbruch tunlichst vermieden werden. "Es wurde daher ein System entwickelt, bei dem das Risiko einer Panne möglichst gering sein sollte", berichtet Christopher Winter, dessen Firma Winter Artservice auch heuer wieder die gewaltigen Kulissen für die "Bohème" unter der Regie von Robert Dornhelm gefertigt hatte. Und das für "das bisher größte und spektakulärste Bühnenbild, das ich je in St. Margarethen geschaffen habe", betont Manfred Waba, der die Kulissen für den Intendanten Wolfgang Werner entworfen hatte.

Schwitzende Statisten

So groß und spektakulär das Bühnenbild auch ist: "Wieder einmal zeigte sich, dass manchmal die einfachsten Lösungen die besten sind", berichtet Christopher Winter. Als nun Mittwochabend bei der Premiere die immerhin bis zu 18 Tonnen schweren Kulissenteile hin und her bewegt wurden, surrten keine Motoren - vielmehr schwitzten hinter dem Bühnenbild ein paar Statisten, die auf Fahrrädern die Teile nur mit Muskelkraft hin und wieder retour bewegten.

Dazu benötigten sie nicht einmal ein besonderes Training - die Darsteller von Soldaten und Volk setzen sich einfach vor und nach jedem Bild auf Spezialräder der Schlosserei Pinterich und strampeln munter los.

Ressourcensparendes System

"Welche Last bewegt werden kann, ist letztlich nur eine Frage von Lager und Übersetzung", erläutert Winter das nicht nur nervenschonende, sondern auch ressourcensparende System. Sprich: Ist der Reibungswiderstand durch ein gutes Rollensystem minimiert und wird die Muskelkraft optimal übersetzt, ist es überhaupt kein Problem, die tonnenschweren, bis zu 14 Meter hohen Lasten in Bewegung zu setzen.

"Im Grunde hätte pro Kulissenteil ein Fahrrad gereicht - aus Sicherheitsgründen sind es pro Kulissenteil nun zwei", ergänzt Winter. Also zwölf Strampler für sechs Teile. Die Schienen, auf denen die Fassaden rollen, sind Doppel-T-Träger, bei denen auch unterhalb Rollen mitlaufen, damit die Teile bei starkem Wind nicht kippen.

Ein Vorteil: "Bei elektrischem Antrieb ist die Drehzahl begrenzt", erläutert Winter. "Wenn die Teile manuell bewegt werden, fällt diese Begrenzung weg - und die Kulissen können genauso schnell fahren, wie die Regie es wünscht." Und wie es für das Publikum am besten aussieht - ohne dass es mitbekommt, was sich hinter der Kulisse eigentlich abspielt. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, 11.7.2013)

  • Paris in St. Margarethen: Die gewaltigen Kulissenteile sind bis zu 18 Tonnen schwer und 14 Meter hoch, ...
    foto: apa/georg hochmuth

    Paris in St. Margarethen: Die gewaltigen Kulissenteile sind bis zu 18 Tonnen schwer und 14 Meter hoch, ...

  • ... bewegt werden sie zwischen den einzelnen Bildern allerdings einzig und allein mit Muskelkraft. Pro Kulissenteil strampeln jeweils nur zwei Statisten.
    foto: david

    ... bewegt werden sie zwischen den einzelnen Bildern allerdings einzig und allein mit Muskelkraft. Pro Kulissenteil strampeln jeweils nur zwei Statisten.

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