Einsatz für eine visionäre Schule gefragt

Kommentar der anderen10. Juli 2013, 18:41
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Nachspielzeit zur Debatte zum Lehrerdienstrecht im ORF-"Report": Ein AHS-Lehrer, dem dort die Redezeit zu knapp wurde, wünscht sich mutigere Bildungspolitik und entsprechende Gewerkschafter

Dienstagabend im ORF-Report hat es auch mich selber erwischt - man tanzt im Rhythmus der letzten Jahrzehnte mit, im Kreis.

Eine Live-Diskussion zum Dienstrecht der Lehrer, geführt mit Paul Kimberger, Chef der Mehrheitsfraktion (FCG) und damit oberster Gewerkschafter.

Ich war gefangen im Dilemma zwischen Höflichkeit, der Realität von neun Minuten Sendezeit und dem Redefluss eines Gewerkschafters ...

In der Nacht darauf wollte ich deshalb aufschreiben, was noch zu sagen wäre:

Wir verlieren im Bildungssystem Jahr für Jahr etwa 10.000 Kinder und Jugendliche. Abertausende mehr können nicht sinnerfassend lesen oder haben in anderen grundlegenden Bereichen schwere Defizite. Hochtalentierte werden oft ebenso wenig gut weiter unterstützt.

Das sind Dramen, und es war und ist für mich schwierig, ruhig zu bleiben, wenn davon gesprochen wird, dass man die Bildung jetzt nicht schlechtreden möge. Wie seit Jahrzehnten.

Sie alle meinten und meinen vielleicht das Richtige? Denn ich stimme Ihnen, Herr Kimberger, zu, unsere LehrerInnen sind in überwiegender Mehrheit großartig. Unser Bildungssystem jedoch oftmals nicht.

Verschränkte Schulformen

Sie sprachen im Report von Chancengerechtigkeit, für die Sie sich einsetzen. Ich fordere dafür ganztägige, verschränkte Schulformen - als Angebot einer flächendeckenden Regelschule. Denn weitgehend unbestritten haben diejenigen Länder mit einem längeren gemeinsamen Unterricht, also späterer Trennung und längerem Zusammensein, Tag für Tag, weniger Probleme mit vererbter Bildung.

Noch etwas dazu: Ihre Mehrheitsfraktion wiederholt routiniert den Mythos der Wahlfreiheit. Sie argumentieren damit an einem erheblichen Anteil der Bevölkerung vorbei. Mehr noch, dieses Märchen, erzählt auch von manchem Märchenonkel in der ÖVP, wurde in den letzten Jahren von einer beinharten Realität widerlegt. Österreich ist mittlerweile an letzter Stelle. Nur mehr bei uns wird Bildung in einem so hohen Ausmaß vererbt.

Wahre Wahlfreiheit, die ich als hohes Gut erachte, müsste wohl anders aussehen. Jede einzelne Bildungsinstitution müsste dann bestausgestattet sein und individuell auf jedes Kind eingehen wollen und können.

Anders gesagt: Solange Kinder unsere Schule nur mit Unterstützung ihrer Eltern (durch deren eigene Zeit, ihr Wissen oder "Zukauf" von Nachhilfe) absolvieren können, bleibt Chancengerechtigkeit reine Utopie.

Zum Abschluss eine ausführlichere Antwort auf die Frage von Susanne Schnabl, ob sich LehrerInnen denn noch gut von der (Mehrheitsfraktion, der FCG) Gewerkschaft vertreten fühlen?

Viele wünschen sich die schwarze Lehrergewerkschaft an der Seite von Visionären. Visionäre, wie sie die Unabhängige Bildungsgewerkschaft (UBG) z. B. in der Person einer Margret Rasfeld bereits mehrfach eingeladen hat. Die SchülerInnen, mit denen sie arbeitet, erzählen vieles gleich mit leuchtenden Augen selbst - z. B. von den beiden Fächern "Ermutigung" und "Verantwortung".

Auch wenn Martin Schenk von der Armutskonferenz schreibt, wie man durch den Einsatz eines Sozialindex auf die realen Bedürfnisse von SchülerInnen reagieren könnte, wünscht man sich Gehör durch die LehrervertreterInnen.

KollegInnen erwarten einen Einsatz dafür, dass die Lernwerkstatt in Brigittenau auch woanders Realität werden kann. Mit ihren jahrgangsübergreifenden Klassen, dem Überwinden der problematischen Nahtstelle zwischen der Elementarpädagogik (dem Kindergarten), der Volksschule und der weiterführenden Schule - eine wahrgewordene Vision mit evaluierten, großartigen Leistungsnachweisen.

Diese visionären Schulmodelle - und es gibt deren noch mehr - haben Gemeinsamkeiten.

  • Kinder werden gefordert und gefördert. Sie werden nicht abgeschoben.
  • Die traditionellen "Stunden" und "Fächer" werden neu gruppiert und zeitlich anders verteilt.
  • LehrerInnen erhalten Unterstützung im Team.
  •  Raum sowie Arbeitsplätze für alle sind wichtig bzw. selbstverständlich
  • und, wohl das wichtigste, alle Kinder haben überdurchschnittliche Motivation und Lern- bzw. Erfahrungszuwächse.

Herr Kimberger, kommen Sie mit Ihrer Gewerkschaft auf die Seite der Visionäre!

Modell Vorarlberg

PS: Das "Vorarlberger" Beispiel, welches ich im ORF aus Zeitgründen nicht mehr bringen konnte, meinte Folgendes:

In Vorarlberg wurde in letzter Zeit im Bildungsbereich vieles diskutiert und geplant. Es gibt bereits erste Ergebnisse. Ab nächstem Schuljahr werden Volksschulen in Vorarlberg, als erstem Bundesland, mit pädagogischer sowie administrativer Unterstützung ausgestattet; schulautonom abrufbar. Eine reale Maßnahme gegen unsere Zweiklassenpädagogik, wo elementarpädagogischen Einrichtungen und Pflichtschulen noch immer weniger "Wert" beigemessen wird als den Höheren Schulen. Wie das gelang? Initiiert von einer visionären Lehrergewerkschaft wurden Kräfte über alle Partei- und ideologischen Grenzen hinweg gemeinsam mobilisiert. Die Vorarlberger Regierung wurde tätig.

In Vorarlberg, als wiederum einzigem Bundesland, trifft eine schwarze Regierung auf eine rote Mehrheitsfraktion in der Lehrergewerkschaft. Macht diese Kombination mobiler? (Daniel Landau, DER STANDARD, 11.7.2013)

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