Europas Geldpolitiker als Getriebene

10. Juli 2013, 17:43
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Die EZB ringt um eine gemeinsame Linie in ihrer Geldpolitik. Ökonom Hofrichter erwartet noch niedrigere Zinsen in Europa

Wien - Wie lange ist lange? Diese Frage treibt aktuell die Europäische Zentralbank um. Vergangene Woche haben die Frankfurter Währungshüter erstmals versprochen, dass sie "für längere Zeit" die Zinsen nicht anheben werden. Jörg Asmussen, seines Zeichens Direktoriumsmitglied der EZB, kündigte diese Woche an, dass mehr als zwölf Monate verstreichen werden, ehe die Zinsen in der Eurozone steigen. Die Pressesprecher der EZB mussten ihren Direktor später korrigieren. Der EZB-Rat würde nichts zum genauen Zeitplan sagen.

Allerdings haben Analysten aus dem Lapsus klare Schlüsse gezogen. Citigroup-Ökonom Guillaume Menuet etwa erwartet, dass die EZB zumindest 18 bis 24 Monate die Zinsen nicht anheben wird. Stefan Hofrichter, Chefvolkswirt bei Allianz Global Investors, der deutschen Vermögensverwaltung mit mehr als 300 Milliarden Euro an Kundengeldern, betont zudem, dass die Zinsen in der Eurozone noch einmal fallen könnten: "Es war sehr ungewöhnlich, dass die EZB sowohl erstmals mit der Tradition gebrochen hat, sich nicht im Vorfeld auf ihre künftige Geldpolitik festzulegen, als auch einen Zinsschritt in Aussicht gestellt hat." Bei der Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag hatte EZB-Präsident Mario Draghi mehrmals von der Möglichkeit einer Zinssenkung und sogar von negativen Einlagenzinsen gesprochen.

Im Bann der US-Fed

Auslöser für die expansive Stellungnahme der EZB war für Hofrichter "der deutliche Zinsanstieg an den Anleihenmärkten". Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen etwa sind um einen ganzen Prozentpunkt auf über 2,6 Prozent gestiegen. Die US-Notenbank Fed hatte angekündigt, dass sie innerhalb der kommenden Monate ihre Staatsanleihenkäufe deutlich drosseln könnte, ehe sie 2014 ganz auslaufen. Doch auch in Europa war die Ankündigung spürbar, denn die Renditen für Staaten und Unternehmen schnellten nach oben. "Darauf musste die EZB reagieren", so der Allianz-Volkswirt. Damit habe die Fed auch die EZB auch vor sich hergetrieben: "Die Bondmärkte sind aktuell sehr abhängig von der Geldpolitik", sagt Hofrichter.

Dass die Fed das Wirtschaftswachstum in den USA mit höheren Zinsen abwürgen könnte, glaubt der Wirtschaftsexperte nicht. "Die Fed wird die nächsten zwölf Monate ja immer noch ihre Bilanz ausweiten." (sulu, DER STANDARD, 11.7.2013)

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    Sehr ungewöhnlich." Der jüngste Politikschwenk der Europäischen Zentralbank hat auch transatlantische Gründe.

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