"Anstoss": Der leichtfüßige Fußball-Manager im Rückblick

28. Juli 2013, 12:00
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Die 1993 gestartete Vereinssimulation von Ascaron begeistert Genre-Fans auch heute noch

1993 waren die Gegebenheiten im Fußball nicht wirklich anders als heute. In der österreichischen Bundesliga wurde der SV Austria Salzburg Meister, in Deutschland reüssierten wieder einmal die Bayern und in der englischen Premier League konnte sich Manchester United zum Sieger krönen.

In dieser Zeit veröffentlichte die deutsche Spieleschmiede Ascaron (damals noch unter "Ascon" firmierend) den Fußballmanager "Anstoss". Vielen Freunden der Serien sind vorallem "Anstoss 2 Gold" und "Anstoss 3" gut im Gedächtnis. Letzterer Titel findet sich auch heute noch auf vielen Rechnern wieder.

1993, das erste "Anstoss"

Bereits 1989 konnte mit dem "Bundesliga Manager" (Software 2000) auf dem Amiga, dem Atari ST und dem C64 ein deutsches Team aus der höchsten Spielklasse trainiert und gemanagt werden. Vier Jahre später der deutsche Spiele-Designer Gerald Köhler von Ascaron und schlug mit "Anstoss" einen neuen Weg im Genre ein. Das Spiel war zum damaligen Zeitpunkt ein großer Erfolg. Man schlüpfte in die Rolle eines aufstrebenden Trainers, dessen Ziel es war, den Schritt in die deutsche Bundesliga zu schaffen.

Als Coach stand einem ein virtuelles Büro zur Verfügung, von dem aus die Fäden gezogen wurden. Per Text- oder Szenenmodus konnte der Spieler verfolgen, wie sich das eigene Team mit der voreingestellten Besetzung, Formation und Taktik am Rasen schlug - wobei Änderungen dieser Einstellungen stets möglich waren. Zehn Saisonen lang hatte der Trainer Zeit, für spielerische Furore zu sorgen und von einem Bundesliga-Verein angeheuert zu werden.

"Anstoss World Cup"

Bereits ein Jahr später wurde "Anstoss World Cup" auf den Markt geworfen. Im Mittelpunkt dieses Ablegers stand stand analog zum echten Sport die Teilnahme an einer Weltmeisterschaft mit einem von zahlreichen Nationalteams. Der Weg führte in wöchentlichen Abschnitten über Freundschaftsspiele und Qualifikation bis zum Turnier, in welchem man sich von Tag zu Tag und Spiel zu Spiel arbeitete.

Ähnlich wie beim ersten Ableger der Anstoss-Reihe stand dem Trainer ein Büro zur Verfügung. Besonders positiv wurde die Simulation des Trainings aufgenommen, bei dem der World Cup-Coach die Fortschritte seiner Spieler beobachten konnte. Das Spiel zeichnete sich hauptsächlich durch seine Komplexität aus, da der Trainer während der Finalrunde mittels Tagesplaner stündlich neuen Terminen nachgehen konnte. Oberstes Ziel war freilich die Erringung des Weltmeistertitels, was sich mit einem Favoritenteam wie Brasilien deutlich einfacher gestaltete, als mit einem Fußballzwerg à la Malta.

"Anstoss 2"

Drei Jahre ließen sich die Ascaron-Enwickler Zeit, um den zweiten Teil der "Anstoss"-Reihe zu veröffentlichen. Der Coach musste den Bürostuhl räumen und auf eine neu organisierte Menüleiste zurückgreifen, um sein Team zu managen. So war es außerdem erstmals möglich, Vereine außerhalb der deutschen Ligen zu trainieren und länger als zehn Jahre am Fußballgeschäft teilzunehmen. Für mehr Herausforderung, wurde außerdem die Möglichkeit geschaffen, bei einem Regionalligaklub anzufangen und sich dann schrittweise nach oben zu trainieren. Anstelle von 2D-Animationen bot der Szenenmodus nun dreidimensionale Darstellung, die aber ebenfalls vorberechnet war.

"Anstoss 2: Verlängerung!" und "Anstoss 2 Gold" brachten zusätzliche Features, unter anderem feierte der Nationalcoach-Modus ein Comeback. Nun konnte man auch mehrere Karriere-Stationen in unterschiedlichen Ländern absolvieren. Die Presse war von dem umfangreichen und humorigen Manager-Spiel begeistert.

"Anstoss 3"

Im Jahr 2000 erschien der dritte Ableger der Serie. Am Anfang strotzte dieser noch vor Bugs, trotzdem waren Kritiker und Fans erneut begeistert. Die Macher von Ascaron kombinierten bei "Anstoss 3" einige Features der bisherigen Ausgaben, verpassten dem Game einen bedeutenden Mehranteil an Spielwitz und implementierten erstmals eine 3D-Spieldarstellung sowie die Möglichkeit, auch am Vereinsgelände zu werkeln. Genug Optionen für reichlich Tiefgang, wie sich im Retro-Spieldurchlauf zeigt.

Bevor man überhaupt in die Fußstapfen von Pep Guardiola & Co. treten kann, muss ausgewählt werden, ob man in den untersten internationalen Ligen mit dementsprechenden Budgets startet oder sich bewusst sein Lieblingsteam auswählt. Nach der Entscheidung wartet auf den Coach bereits die Saison-Vorbereitung, bei welcher einige Einstellungen vorgenommen werden können: Welchen Hauptsponsor wähle ich aus, fliege oder fahre ich zu den Spielen und welchen Co-Trainer stelle ich an meine Seite?

Komplexität machte das Spiel aus

Ist der Trainer mit seiner Vorbereitung zufrieden, startet auch bereits der Vereinsbetrieb. Mittels Menüleiste kann der Verein dann gemanagt werden. Hier fällt besonders die für damalige Verhältnisse große Komplexität des Spiels auf. Trainer können ihr Team mittels Transfers verstärken, starke Spieler aus der Amateur- oder Jugendmannschaft hochziehen oder auch einen Talentesucher losschicken, der sich zum Beispiel in Afrika, den USA oder Australien umsieht.

Finanziert werden diese Vorhaben durch Sponsoren, Tickets, Fanartikel-Verkäufen, Spekulationen oder Änderungen die man am Vereinsgelände vornimmt. So lässt sich dieses zum Beispiel mit Wohnungen, Hotels, Bierzelten und vielen anderen Gebäuden bestücken, die Geld in die Kasse bringen sollen. Ist das Budget abgesichert und der Kader aufpoliert, beginnt der eigentliche Spielbetrieb.

Spielwitz begleitete durch die Saison

Der Coach entscheidet, ob die Mannschaft in einem der vier deutschen Orte auf Trainingslager fährt oder in fernen Ländern die Vorbereitung vornimmt. Hat man das Spiel schon einige Zeit gespielt, lassen sich exotische Trainingsorte freischalten: Freistoß-Übungen in einer Raumstation - kein Problem, lockeres Auslaufen auf der Marsbasis 51 - kein Thema. Hier lässt sich bereits der Spielwitz erahnen, der durch das komplette Game begleitet.

Ist der Anfang durchgestanden, startet die Saison. Bevor das erste Liga-Spiel bestritten wird, muss natürlich auch die Taktik abgesprochen werden. Hier ermöglicht das Spiel eine Vielzahl von Einstellungsmöglichkeiten, die mehr oder wenig Einfluss haben und Sinn ergeben. Setze ich illegale Tricks ein, die ich vorher geübt habe oder agiere ich fair und stelle den Härtegrad meines Teams auf "Nonnenhockey"?

Attentate, Bestechungen und Ansprachen

Sollte man sich als Trainer bei seiner eigenen Elf weiterhin unsicher sein, gibt es auch "alternative" Möglichkeiten, um den Gegner zu schwächen. So lässt sich unter anderem der Schiedsrichter bestechen oder ein starker Kicker der anderen Mannschaft mittels Attentat aus dem Spiel nehmen. Kurz bevor die eigene Elf dann das Spielfeld betritt, kann eine Kabinenansprache vorgenommen werden. Dutzende Reden stehen dem Trainer zur Verfügung, die einiges an Witz und Skurrilität mitbringen.

Sie haben einen positiven oder negativen Einfluss auf den Ausgang des Spiels, wenngleich ihre tatsächliche Relevanz auf den weiteren Verlauf nach wie vor debattiert wird.

Video: Übersicht der Halbzeitansprachen von Anstoss 3

Die eigentliche Partie lässt sich dann entweder in 3D oder im Text-Modus verfolgen. Bis heute ist umstritten, ob die Art der Darstellung zu unterschiedlichen Spielausgängen führt, zumal sich bei Experimenten mehrerer"Anstoss"-Junkies trotz identer Einstellungen tatsächlich auffällige Unterschiede zeigten.

Während des Spiels kann der Trainer ebenso eingreifen, indem er seine Mannschaft umstellt oder Formation beziehungsweise Taktik ändert. Wie auch vor der Partie stehen in der Pause erneut witzige Ansprachen zur Verfügung, die einen Sieg nach Hause oder eine Aufholjagd initiieren sollen. Außerdem kann dadurch die Motivation der elf Mannen in die Höhe getrieben werden, was schlussendlich Auswirkungen auf ihre Performance am virtuellen Rasen hat.

Hotseat-Freuden

Doch ist es nicht der Spielmodus, der einen schlussendlich etliche Stunden vor dem Bildschirm fesselt, sondern die scheinbar unendlichen Einstellungsmöglichkeiten oder die Situationen, die einen in den Weg gelegt werden. Denn auch an oft skurrilen Zufallsereignissen mangelt es dem Titel nicht.

Besonderes Gewicht erlangt jede Entscheidung im Hotseat-Modus. Mit einem Freund an der Seite entstehen bis heute besondere Herausforderungen und jede direkte Begegnung wird zu einem Derby der besonderen Art.

Mädchen für alles

Als "Anstoss 3"-Trainer agiert man als "Mädchen für alles". Man kümmert sich um die Finanzen des Vereins,  um Spieler,  Fans und sollte auch den Vereinspräsidenten bei Laune halten. Man verantwortet die Jugendarbeit, testet neue Taktiken und gibt der Presse (launige) Interviews. Schließlich gilt es dann auch noch, das eigene Privatleben und Vermögen auf Vordermann zu bringen.

Alles freilich immer garniert mit einer Prise Witz und Ironie, wie etwa die virtuelle Sportzeitung beweist, die aktuelle Ergebnisse und Ereignisse begleitete. Wer eine bierernste Simulation suchte, war bei "Anstoss" definitiv falsch.

Der Untergang

Nach dem großen Erfolg von "Anstoss 3" wollten die Entwickler von Ascaron weiter auf ihren Fußballmanager setzen und veröffentlichten nach nur zwei Jahren Entwicklung "Anstoss 4".Der bisherige Mastermind Gerald Köhler hatte sich zwischenzeitlich allerdings in Richtung Electronic Arts verabschiedet, wo er bis heute an der "Fußball Manager"-Serie mitarbeitet.

Der neueste Ableger wurde im Gegensatz zu den drei Vorgängerversionen komplett neu überarbeitet. Das Spiel präsentierte sich nach dem Launch mit zahlreichen Mängeln und Fehlern. Der Spielwitz, der die Serie ausmachte, ging mit der jüngsten Version ebenso verloren wie ein großer Teil der Anhängerschaft. In der Retrospektive sagt der damalige Manager Holger Flöttmann, dass man mit einem lediglich 20 Kopf starken und unerfahrenen Team viel zu naiv an die Entwicklung des Titels herangegangen war.

Electronic Arts ging zudem als Inhaber der DFL-Lizenz gegen Ascaron wegen zu großer Namensähnlichkeiten zu realen Vereinen und Spielern der deutschen Ligen in "Anstoss 4" vor Gericht und gewann, sodass sämtliche Spielernamen geändert und die Produktion der Spiele-CDs neugestartet werden mussten. Dies bedeutete zusätzliche Kosten für das schon damals finanziell chronisch angeschlagene Unternehmen.

Die darauffolgenden Ausgaben hatten den Esprit der Serie gänzlich verloren. Die Fans waren enttäuscht und die Verkaufszahlen passten sich dem Negativ-Trend an. Zwischenzeitig war Ascaron zum ersten Mal Pleite gegangen, wodurch sich der Hersteller nach einer Neugründung notgedrungen auf andere Projekte konzentrierte. "Anstoss" wurde indessen auf Eis gelegt und nicht mehr überarbeitet. Im Jahr 2009 beantragte Ascaron zum zweiten Mal Insolvenz und wurde, nachdem keine Mittel mehr lukriert werden konnten, dicht gemacht.

Heute

Heute bieten sich den PC-Fußballtrainern Alternativen. Bereits erwähnt wurde EAs "Fußball Manager", an dem zumindest Anstoss-Vater Gerald Köhler beteiligt ist. Der neueste Ableger erschien bereits im vergangenen Oktober für den PC, der für Electronic Arts typische Veröffentlichungszyklus wird wohl noch einige weitere Titel schaffen. Um die Gunst der virtuellen Fußball-Coaches buhlt auch Sports Interactive mit dem hochkomplexen "Football Manager", der vor allem im angloamerikanischen Raum hohe Anerkennung genießt. Diesen gibt es mittlerweile auch in einer Fassung für Mac OS, iOS und Android.

Bei den genannten handelt es sich um durchaus potente Produkte, wenngleich keines davon die humorige Leichtigkeit der "Anstoss"-Reihe bieten kann, die viele bis heute vermissen. "Anstoss 3" hat auch dreizehn Jahre nach Erscheinen eine kleine, aber aktive Fanbasis.

Weil "Ascaron" nie über die Lizenzen für Originalnamen von Klubs und Spielern besaß, musste sich die Community seit je her mit Fanpatches selbst behelfen - der integrierte Editor machte es möglich. Auch für die laufende Saison 2013/14 gibt es bereits ein entsprechendes Projekt. (Daniel Koller, derStandard.at, 28.07.2013)

  • “Anstoss 3“ (Ascaron)
Erschienen: 2000
Genre: Sport/Manager
Plattform: PC
    foto: ascaron

    “Anstoss 3“ (Ascaron)

    Erschienen: 2000

    Genre: Sport/Manager

    Plattform: PC

  • Die Länderauswahl im Überblick.
    foto: derstandard.at/koller

    Die Länderauswahl im Überblick.

  • Verhandlungen mit dem Start-Verein.
    foto: derstandard.at/koller

    Verhandlungen mit dem Start-Verein.

  • Die Vorab-Kalkulation. Bereits hier werden Entscheidungen getroffen, die Einfluss auf die weitere Saison haben.
    foto: derstandard.at/koller

    Die Vorab-Kalkulation. Bereits hier werden Entscheidungen getroffen, die Einfluss auf die weitere Saison haben.

  • Etliche Länder stehen für ein Trainings-Camp zur Auswahl.
    foto: derstandard.at/koller

    Etliche Länder stehen für ein Trainings-Camp zur Auswahl.

  • Nicht nur auf der Erde können Saison-Vorbereitungen vorgenommen werden.
    foto: derstandard.at/koller

    Nicht nur auf der Erde können Saison-Vorbereitungen vorgenommen werden.

  • Der Termin-Kalender in dem jeder Tag durchgeplant wird.
    foto: derstandard.at/koller

    Der Termin-Kalender in dem jeder Tag durchgeplant wird.

  • Das Training hat einen großen Anteil daran, wie sich die trainierte Elf entwickelt.
    foto: derstandard.at/koller

    Das Training hat einen großen Anteil daran, wie sich die trainierte Elf entwickelt.

  • Das Vereinsgelände sowie das Stadion können individuell gestaltet werden und sich zu einer lukrativen Einnahmequelle entwickeln.
    foto: derstandard.at/koller

    Das Vereinsgelände sowie das Stadion können individuell gestaltet werden und sich zu einer lukrativen Einnahmequelle entwickeln.

  • Wie sich die trainierte Mannschaft am Feld schlägt, kann in der 3D-Ansicht
    foto: derstandard.at/koller

    Wie sich die trainierte Mannschaft am Feld schlägt, kann in der 3D-Ansicht

  • oder im Textmodus verfolgt werden.
    foto: derstandard.at/koller

    oder im Textmodus verfolgt werden.

  • In der Halbzeit können Taktik und Personal umgestellt werden.
    foto: derstandard.at/koller

    In der Halbzeit können Taktik und Personal umgestellt werden.

  • Die Spieler können durch verschiedene Aktivitäten bei Laune gehalten werden.
    foto: derstandard.at/koller

    Die Spieler können durch verschiedene Aktivitäten bei Laune gehalten werden.

  • Manche kommen bei der Presse dann doch nicht so gut an.
    foto: derstandard.at/koller

    Manche kommen bei der Presse dann doch nicht so gut an.

  • Wenn es ums Geld geht, wird dann auch schon mal zu einem raueren Umgangston gegriffen.
    foto: derstandard.at/koller

    Wenn es ums Geld geht, wird dann auch schon mal zu einem raueren Umgangston gegriffen.

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