Zoltán Balog: "Man hat Herrn Hartmann politisch hereingelegt"

Interview10. Juli 2013, 17:37
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Der Minister für Humanressourcen in Ungarn über die umstrittene Kulturpolitik seiner Regierung und die Kritik von Burgtheater-Intendant Hartmann

STANDARD: Vor einigen Wochen war wegen einer Reihe umstrittener kulturpolitischer Entscheidungen Ihrer Regierung Burgtheater-Intendant Matthias Hartmann auf Ihre Einladung bei Ihnen. Gestützt auf seine Sicht hat der STANDARD danach darüber berichtet.

Zoltán Balog: Ich schätze Herrn Hartmann als Künstler sehr, deshalb habe ich ihn eingeladen. Ich denke, dass man ihn politisch hereingelegt hat. Herr Hartmann hat einen Journalisten mitgebracht, auf meiner Seite war auch ein Journalist da, das war abgestimmt. Es war klar, jede Seite kann schreiben, was sie will.

STANDARD: Aber relativ schnell erschienen Artikel in der Regierungspresse, in "Magyar Nemzet" und "Heti Válasz".

Balog: Ich steuere nicht die Presse, weder "Heti Válasz" noch "Magyar Nemzet". Es herrscht Pressefreiheit, und natürlich entscheidet Herr Hartmann, was und wo er etwas über dieses Treffen sagt. Wir haben auch ein Protokoll gemacht darüber, ich könnte aus dem Gespräch zitieren. Was mich ein bisschen stört, war die Konklusion von Herrn Hartmann: "Der Balog hat keine Ahnung." Gerade das Gegenteil war der Fall gewesen: Wir waren im Bilde, meine Mitarbeiter waren im Bilde, und die andere Seite, dieser Journalist, der in zweifacher Funktion da war, meinte, er ist jetzt als unabhängiger Journalist dort, und stellte mir konkrete, kritische Fragen zur Unterstützung des unabhängigen Theaters. Unsere Zahlen waren korrekt, das unabhängige Theater wurde in letzter Zeit mehr gefördert als zuvor.

STANDARD: Seit kurzem hat das ungarische Nationaltheater mit Attila Vidnyánszky einen profiliert national-konservativen Intendanten. Auch an der Spitze anderer maßgeblicher Kulturinstitutionen wurden die Spitzen ausgewechselt. Warum dieser Änderungsdrang?

Balog: Das ist falsch. Jemand hat für fünf Jahre einen Auftrag erhalten. Der Auftrag läuft aus. Das Gesetz schreibt vor, die Stelle neu auszuschreiben. Entschieden hat ein Kuratorium. Róbert Alföldi, der bisherige Intendant, bekam eine, sein Gegenkandidat neun Stimmen. Ich habe aufgrund dieses Vorschlags entschieden. Viel anders ist es auch in Österreich nicht. Soweit ich weiß, entscheidet beim Burgtheater allein der Kulturminister, ohne jegliche Ausschreibung.

STANDARD: Aber es wäre undenkbar, dass das regierende Lager alles abräumt.

Balog: In Österreich besetzt die Regierung jede einzelne Stelle, das weiß jeder in Europa. Bei Ihnen gab es sogar politisch umstrittene Entscheidungen, die parlamentarische Anfragen nach sich zogen. In der Kulturpolitik gibt es immer Streit, und das ist auch gut so. Die Entscheidung um das ungarische Nationaltheater ist nicht demokratiegefährdend.

STANDARD: Was sind Ihre kulturpolitischen Ziele?

Balog: Die Qualität einer Leistung soll entscheiden. Und es sollen möglichst viele zu Wort kommen.

STANDARD: Die zuvor private Ungarische Kunstakademie ist eine öffentliche verfassungsmäßige Institution mit staatlichen Befugnissen. Was sagen Sie dazu, wenn deren Präsident György Fekete den Schriftsteller György Konrád als "unungarisch" abqualifiziert?

Balog: Das war keine glückliche Aussage, aber Herr Fekete hat die Freiheit, das zu sagen. Nicht ich, sondern Künstler der Akademie haben ihn gewählt. Die Akademie ist autonom. Unser Ziel war und ist, dass es analog zur Akademie der Wissenschaften auch eine Akademie der Künste geben soll.

STANDARD: Herr Fekete sagt allerdings, dass nur Menschen mit patriotischer Einstellung Mitglied werden können. Stimmen Sie zu?

Balog: Es gibt auch einige liberale Mitglieder. Für mich entscheidet nur die Qualität, nicht, ob jemand national oder liberal ist.

STANDARD: Sie vergaben im Frühjahr Preise an exponiert rechtsradikale Persönlichkeiten, darunter der TV-Moderator Ferenc Szaniszló, der mit wüsten antisemitischen und Antiromatiraden auffällt. Wie konnte es dazu kommen?

Balog: Was Szaniszló betrifft: Ich war falsch informiert. Er sagt Dinge, die ich wirklich nicht gutheißen kann. Ich habe ihn aufgefordert, die Ehrung zurückzugeben, was er am Ende auch tat.

STANDARD: Und die beiden anderen Rechtsradikalen, die Sie geehrt haben? János Petrás ist Leadsänger von Kárpátia, der Hausband der rechtsextremen Partei Jobbik; und der Archäologe Kornél Bakay wollte vor ein paar Jahren eine Ausstellung über den Pfeilkreuzler-Diktator Ferenc Szálasi organisieren, die behördlich unterbunden wurde.

Balog: Kárpátia ist keine Parteiband der Jobbik, obwohl sie einige radikale Texte haben. Dies waren Entscheidungen einer Regierungskommission, zu denen ich stehe.

STANDARD: Sie sind auch für die Integration der Roma zuständig. Was ist Ihr Ansatz, Ihre Strategie?

Balog: Wir stellen Bildung und Beschäftigung in den Vordergrund. Moralische Pflicht zu helfen, Gleichbehandlung, Menschenrechte: Das heiße ich alles gut, aber daraus entstehen keine Studien- oder Arbeitsplätze. Wir haben ein großes Förderprogramm für Kinder aus benachteiligten Gruppen aufgebaut, Roma und Nichtroma. Und wir verfolgen eine Beschäftigungspolitik, die Menschen aus dem passiven Status des Sozialhilfeempfängers in den aktiven Status des Arbeitenden bringen soll, indem der Staat Arbeit zur Verfügung stellt.

STANDARD: Sichtbar sind gemeinnützige Arbeitsprogramme, wo Sozialhilfeempfänger, fast immer Roma, zu kommunalen Alibiarbeiten herangezogen werden.

Balog: Ich finde es nicht schlecht, wenn die Gemeinde sieht, dass die auch arbeiten müssen. Das allein wäre natürlich nur Kosmetik. Das Gesetz sieht vor, dass diese Menschen sinnvolle und würdige Arbeit erhalten müssen. Das jüngste Donau-Hochwasser hätte zum Beispiel viel größeren Schaden angerichtet, wären nicht in vergangener Zeit verschiedene Kanäle und Ablaufrinnen durch die Arbeitsleistung dieser Arbeitsverpflichteten gereinigt und instand gehalten worden. (Gregor Mayer, DER STANDARD, 11.7.2013)

Zoltán Balog (55), calvinistischer Pastor, ist seit Mai 2012 unter Premier Viktor Orbán Minister für Humanressourcen mit Zuständigkeit für Gesundheit, Soziales, Jugend, Bildung, Kultur und Sport. 1989 war er Seelsorger für die DDR-Flüchtlinge in Ungarn.

  • Zoltán Balog: "Nur die Qualität entscheidet, nicht, ob jemand national oder liberal ist."
    foto: apa/schmidt

    Zoltán Balog: "Nur die Qualität entscheidet, nicht, ob jemand national oder liberal ist."

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