Die Inszenierung der Königskinder

11. Juli 2013, 17:11
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Kinder aus Königsfamilien sollen ganz normal aufwachsen, beteuern ihre Eltern. Dennoch sind sie Teil einer großen Inszenierung - seit Jahrhunderten

Bei der Hochzeit der schwedischen Prinzessin Madeleine hat ihr eine andere fast die Show gestohlen. Estelle, gerade einmal 15 Monate alt, saß in der Kirche nur kurz auf ihrem Ministuhl, dann kraxelte sie doch lieber auf den Schoß von Mama Victoria, der sie einst als Königin nachfolgen wird. Danach wollte sie wieder von Papa Daniel hochgehoben werden, auch Oma Silvia kümmerte sich um die Kleine - ganz wie in anderen Familien auch, blaues Blut hin oder her.

Überhaupt bemüht man sich in den Königshäusern, das eigene Familienleben als ganz normal darzustellen. Die Königskinder gehen auf öffentliche Schulen, meist ist ein Elternteil bürgerlicher Herkunft. Fitnesstrainer und TV-Journalistinnen haben ebenso royal eingeheiratet wie Marketing-Expertinnen oder Ex-Schwimmerinnen. Sogar Patchwork ist erlaubt: Die Frau des norwegischen Thronfolgers Haakon, Mette-Marit, hat einen Sohn aus einer früheren Beziehung in die Ehe mitgebracht - über den Haakon sagt, er sehe ihn wie seinen eigenen.

Die Inszenierung der Familien habe in den europäischen Königshäusern in den vergangenen Jahrzehnten fast noch zugenommen, sagt der Historiker Karl Vocelka. Früher sei das Familienleben in den Herrscherhäusern überhaupt nicht mit jenem der bürgerlichen Kreise vergleichbar gewesen. "Die Frauen waren am ehesten wie erfolgreiche Managerinnen, um deren Kinder sich die Nanny kümmert." Wie die Kinder präsentiert werden, sei jeweils eine Konzession an die Zeit.

Herrschaftsanspruch

Wer Sylvia Ferino in ihrem Büro besucht, der gerät praktisch mitten in eine habsburgische Familienszenerie. Kaiserin Maria Theresia, ihr Mann Franz Stephan und zehn ihrer insgesamt 16 (teilweise jung verstorbenen) Kinder sind auf dem riesigen Bild zu sehen, das im Büro der Direktorin der ­Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums (KHM) hängt. Eine fruchtbare Kaiserin, die mit ihrer Heiratspolitik versucht, ganz Europa den Habsburgern untertan zu machen - das sei eine zentrale Botschaft des Bildes, meint Frau Ferino: "Damit hat man natürlich einen Herrschaftsanspruch demonstriert."

Auf 16 Kinder wird es Herzogin Kate wohl nicht mehr bringen. Dennoch: Dieser Tage starrt alles gebannt auf die hochschwangere Frau des britischen Thronfolgers William. Gleich nach dem Durchschneiden der Nabelschnur beginnt der Kampf ums erste Bild. Auch William und Kate betonen übrigens, dass ihre Kinder ganz normal aufwachsen sollen - so normal es eben geht mit einem Hofstaat, einer ordentlichen Apanage aus Steuergeldern und dem Fußvolk, das bei jedem Familienereignis dabei sein möchte.

Kleine Erwachsene

Ein Rundgang im Kunsthistorischen Museum belegt, dass Königskinder nicht immer wie alle anderen sein sollten. Wie kleine Erwachsene werden da etwa die Habsburger-Sprösslinge vom spanischen Maler Diego Velázquez abgebildet. Der Blick übertrieben staatsmännisch, die Kleider pompös, die Haltung unnatürlich.

Viele Bilder von Kindern hatten noch eine andere, etwas kurios anmutende Funktion: Jahrhunderte vor der Erfindung der Fotografie oder gar Facebook schickten heiratswillige Männer ihre Maler aus, um junge Frauen porträtieren zu lassen – quasi als Entscheidungsgrundlage. Umgekehrt schickten die verheirateten Kinder Bilder von sich an ihre Eltern; ein solches Porträt von Maria Theresias Tochter Marie Antoinette, die an den französischen Hof verheiratet wurde und unter der Guillotine ­endete, hängt heute im KHM.

Selbst wenn heute nicht mehr Macht, sondern Liebe Heiratskriterium Nummer eins in europäischen Königsfamilien ist - Beziehungen scheitern, und zwar medienöffentlich. Unvergessen der Rosenkrieg inklusive Nebenbuhlerin, den sich das britische Thronfolgerpaar Charles und Diana geliefert hat. Die Princess of Wales ließ sich zuerst als kämpfende, dann als traurige und nach ihrer Scheidung als wiedererstarkte Prinzessin ablichten. Fast ikonenhaft haben sich manche Bilder ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.

Traurige Prinzessinnen

Derzeit spielt sich ein trauriges Prinzessinnenschicksal etwas außerhalb der europäischen ­Medienöffentlichkeit ab: Masako, Frau des japanischen Thronfolgers, klug, mehrsprachig, in Oxford und Harvard ausgebildet, gebar keinen Sohn - und zerbrach daran. Seit Jahren leidet sie unter Depressionen. Ihre elfjährige Tochter Aiko wird jedenfalls niemals den Kaiserthron besteigen.

Eine königliche Familienbiografie hat also all das zu bieten, was auch die Untertanen durchleben: Liebe und Leid, großes Glück und große Enttäuschungen. Dass sich der Pöbel an dem Leben seiner Herrscher delektiert, hat sich in all den Jahrhunderten nicht verändert; allerdings ist der Kreis der "royalen" Familien nicht mehr ganz so eng gefasst: Wenn etwa das Schauspieler-Paar Angelina Jolie und Brad Pitt mit seiner bunten Mischung aus adoptierten und eigenen Kindern um den Globus tourt, dann steht "Brangelina" einer Königsfamilie in Sachen Medienwirksamkeit um nichts nach. Auch bei den Obamas sind die Töchter Teil der politischen ­Inszenierung.

Sehnsucht nach Idolen

Der Philosoph Konrad Paul Liessmann beschreibt dieses Phänomen in seinem Buch "Das Universum der Dinge" folgendermaßen: "Idole sind der Stachel im Fleisch einer modernen, säkularen, traditionslosen Gesellschaft. Sie befriedigen die illegitim gewordene Sehnsucht nach dem Außergewöhnlichen, Übermenschlichen, Heiligen auf eine profane Weise."

Diese Sehnsucht scheint die Jahrhunderte überdauert zu haben. Heute gibt es in London an jeder Ecke William-und-Kate-Devotionalien, vom Häferl mit dem Konterfei der beiden bis zum nachgemachten Verlobungsring. Der Sisi-Kitsch gehört zum repu­blikanischen Österreich wie Mozartkugeln und Mannerschnitten. Lange bevor königliche Andenken massenweise industriell gefertigt wurden, blieb es den betuchteren Bürgern vorbehalten, sich ein wenig royalen Glanz ins eigene Haus zu holen, etwa mit einem gemalten oder gedruckten Porträt des Herrschers - deswegen seien in Österreich so viele Porträts des Kaisers erhalten, sagt Kunsthistorikerin Ferino.

Royale Geschlechterordnung

Auch über die Machtverhältnisse in der Beziehung lässt sich von den Familienbildern etwas ablesen:"„Typisch ist, dass Männer Frauen von sich aus gesehen immer zu ihrer Rechten haben. Die rechte Hand ist die wichtigere, damit wird geführt und entschieden. Das wird mit der Positionierung zum Ausdruck gebracht", sagt KHM-Kurator Guido Messling.

Und tatsächlich: Wer sich offizielle Porträts der Briten Kate und William ansieht, sieht den Thronfolger stets, wie er seine Braut mit dem rechten Arm festhält. Bald wird er so sein Kind inszenieren. Eben ganz normal royal. (Bettina Fernsebner-Kokert/Andrea Heigl, Family, DER STANDARD, 10.7.2013)

  • Prinzen und Prinzessinnen mit Pferd und Burg.

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  • Zwei "Prinzessinnen" im Botanischen Garten der Universität Wien.

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  • Antonio mit Zepter und Papierkrone vor dem Schloss Belvedere.

    Antonio mit Zepter und Papierkrone vor dem Schloss Belvedere.

  • "Ganz normale" Königskinder.

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  • Königlich lässiges Brüderpaar: bürgerliche Sprosse als William und Harry reloaded.

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