Italien: Herabstufung soll Reformen ankurbeln

10. Juli 2013, 13:13
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Italien steckt in der Rezession fest, hohe Arbeitslosenzahlen setzen dem Land zu, Reformen stocken

Die griechische Krise hält pünktlich zum Beginn des Sommerlochs wieder Einzug in die Berichterstattung. Nun richtet die Ratingagentur S&P ihr Scheinwerferlicht auch wieder auf Italien. Am Dienstag wurde die Bonitätsnote des Landes abgestuft.

Eva Bauer, Analystin für Italien bei Raiffeisen Research, sieht in der Herabstufung vor allem ein Weckruf an die Regierung in Rom. "Die wesentlichen Punkte für das Rating sind die italienische Wachstumsschwäche und die Unzufriedenheit mit den stockenden Reformen der Regierung", fasst Bauer im Gespräch mit derStandard.at zusammen.

Das italienische Finanzministerium zeigte sich ob der Herabstufung jedenfalls irritiert. S&P habe beim Vergeben der neuen Bonitätsnote nicht die jüngst beschlossenen Maßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft berücksichtigt. Daher kann die Regierung das Downgrade nicht nachvollziehen. Premier Enrico Letta sprach gar von "engherzigen Bewertungen".

Für viele Marktbeobachter ist das S&P-Urteil überholt. "Die Herunterstufung kommt ein wenig spät, die Aspekte, die als Begründung aufgeführt werden, sind alt", sagte ein Händler gegenüber Reuters. 

Derzeit bewertet S&P Italien mit der Note BBB, zwei Stufen über Ramschniveau. Die Rating-Konkurrenten Fitch und Moody’s stuften Italien bereits im Frühjahr ab.

Politische Unsicherheit

Die hohe politische Unsicherheit und die relativ schlechte Wettbewerbsfähigkeit des Landes sind zwei Faktoren, die S&P zur Abstufung bewogen haben. Italien habe außerdem einige Probleme aus der Vergangenheit mitgenommen, sagt Bauer. Zum Beispiel einen Schuldenberg, der 130 Prozent des BIP ausmacht.

Rom könne durchaus mit wenigen effektiven Maßnahmen relativ viel bewegen, ist Bauer überzeugt. Nur das Neuwahlrisiko sei in Italien nach wie vor nicht auszuschließen.

Geringe Auswirkungen auf Anleihen

Am Anleihenmarkt zeigt die Abstufung Italiens nur geringe Auswirkungen. Die Rendite für eine am Mittwoch ausgegebene Anleihe bis Juli 2014 stieg um 0,116 Prozentpunkte auf 1,078 Prozent an. Das ist zwar der höchste Stand seit März 2013, mit der Anleihe sammelte Italien aber insgesamt sieben Milliarden Euro bei Investoren ein.

Ende Juni hatte die Regierung ein umfangreiches Paket für mehr Beschäftigung verabschiedet. Das Kabinett will 1,5 Milliarden Euro in die Hand nehmen, um die steigende Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Die Arbeitslosigkeit setzt das Land unter Druck. Im Mai lag die Arbeitslosenquote bei 12,2 Prozent, dem höchsten Stand seit 1977, wie das nationale Statistikamt Istat verlautbarte. Besonders problematisch ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit: knapp 40 Prozent der jungen Italiener sind ohne Arbeitsplatz.

Lange Rezession

Italien steckt in der längsten Rezession seit Jahrzehnten fest. Von Jänner bis März dieses Jahres schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt zum siebenten Mal in Folge. Nach Prognosen der EU-Kommission wird die italienische Wirtschaft 2013 ein weiteres Minus von 1,3 Prozent verzeichnen.

Im laufenden Jahr dürfte das Budgetdefizit auf 2,9 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes sinken. Damit werden die europäischen Haushaltsgrenzen zwar eingehalten, für zusätzliche Ausgaben bleibt Ministerpräsidenten Letta aber nur wenig Spielraum. (rom, derStandard.at, 10.7.2013)

  • Bild: Proteste gegen die Arbeitsmarktpolitik in Italien im Juni.
    foto: epa/angelo carconi

    Bild: Proteste gegen die Arbeitsmarktpolitik in Italien im Juni.

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