Steinschaden: "Für Facebook ist der Plafond erreicht"

Interview10. Juli 2013, 12:16
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Wie Facebook private Daten für politische und wirtschaftliche Zwecke missbraucht, erklärt der Technikexperte Jakob Steinschaden

STANDARD: Wie unterscheidet sich der Facebook-Konsum von 16-Jährigen und 36-Jährigen?

Steinschaden: Die Jugendlichen sind sehr stark mit Klassenkameraden vernetzt, die 36-Jährigen eher mit Arbeitskollegen. Außerdem wird man mit dem Alter auch restriktiver mit den Sachen, die man so postet. Ich halte ab und zu Vorträge an Schulen, und wenn ich den Schülern da über die Schulter schaue, bin ich manchmal ziemlich baff, was die so in ihrem Newsfeed drinnen haben.

STANDARD: Bei einem Ihrer Vorträge starteten Sie ein Experiment: Mit einem Fake-Account haben Sie an etliche Schüler Freundschaftsanfragen geschickt. 41 Prozent von ihnen nahmen diese ungefragt an. Hat Sie das überrascht?

Steinschaden: Eigentlich nicht, aber die Schüler selbst waren sehr verblüfft, als ich ihnen offengelegt habe, wer wirklich hinter dem Fake-Profil steckt. Den Versuch habe ich jedoch vor zwei Jahren gemacht, und da Facebook seitdem immer wieder in medialen Diskussionen auftaucht, sind junge Leute vielleicht vorsichtiger geworden. Viele Eltern und Lehrer raten, dass man irrsinnig aufpassen sollte, was man von sich gibt. Das hat aber auch ein bisschen den Beigeschmack von Selbstzensur. Man sollte unterscheiden zwischen Sachen, die die Intimsphäre betreffen, und jenen, die persönliche Anliegen betreffen.

STANDARD: Wenn Jugendliche ihre Daten nicht schützen, machen sie das eher aus Unwissen oder aus Bequemlichkeit?

Steinschaden: Teils, teils. Erstens ist es nicht so einfach, alles so einzustellen, dass es wirklich sicher ist. Wenn man 14 ist, klingen die Begriffe Datenschutz und Privatsphäre ziemlich sperrig. Auch für Erwachsene ist das nach wie vor sehr schwer zu definieren. Es findet derzeit jedoch ein Umdenken statt: dass es vielleicht nicht mehr so wichtig ist, einen Computerkurs in der Schule zu machen, wo man lernt, wie eine Powerpoint-Präsentation funktioniert, sondern dass es man sich lieber tiefgründigere Gedanken zu Privatsphäre und Datenschutz im Internet machen sollte.

STANDARD: Wieso haben Sie auf Ihrem Facebook-Profil für Außenstehende sichtbare Fotos, obwohl Sie sich mit den Privateinstellungen so gut auskennen?

Steinschaden: Ich weiß jetzt nicht genau, welche Fotos ihr da gesehen habt, aber ich nehm mal an, es waren keine dramatisch aufregenden, oder? Ich habe eigentlich alles auf "öffentlich" gestellt, weil ich als Journalist und Buchautor Facebook als Promotion-Tool verwende. Ich verlinke dort irrsinnig oft meine Blogartikel oder weise auf Geschichten hin, die mich interessieren. Wenn ich jedoch mit Freunden über heikle Sachen rede, benutze ich ganz andere Kommunikationswege.

STANDARD: Haben Sie jemals darüber nachgedacht, Ihr Facebook-Profil zu löschen?

Steinschaden: Ja, aber ich kann darauf schwer verzichten, weil Facebook für mich eben ein Promotion-Tool geworden ist. Was ich natürlich bemerke, ist, dass Facebook immer mehr Werbung schaltet. Ich glaube jedoch, für Facebook ist der Plafond erreicht, denn den Leuten wird das fad, und sie wechseln zu anderen Diensten. WhatsApp etwa ist der "Facebook-Killer", vor dem sie ganz große Angst haben.

STANDARD: Wie macht Facebook meine Daten zu Geld?

Steinschaden: Da wird oft viel hineininterpretiert, aber es ist eigentlich ziemlich banal: Im Grunde kann jeder in den Facebook-Werbeplaner hineingehen und eine "Spaßanzeige" anlegen. Ich hab das für mein Facebook-Buch probiert. Da konnte ich ziemlich genau bestimmen, wer diese Werbung sehen soll - vom Wohnort über das Geschlecht bis hin zur Altersgruppe. Die Werbung taucht dann in den Profilen ebenjener Facebook-User auf. Sobald die Leute das sehen oder draufklicken, zahle ich einen kleinen Betrag, der dann in die Taschen von Facebook fließt. Von Coca-Cola bis zu Red Bull und Starbucks werben alle bei Facebook.

STANDARD: Ist es realistisch, dass Facebook die Daten für politische Zwecke missbraucht?

Steinschaden: Das ist eine komplizierte Frage. Es gibt zumindest einen belegten Fall: Facebook erlaubte einem US-Magazin namens Politico, ganz tief in die Daten von US-Nutzern hineinzuschauen. Die haben dann tatsächlich die privaten Statusmeldungen von Nutzern durchgeschaut, ob da positiv oder negativ belegte Wörter im Zusammenhang mit Politikern vorkamen. So haben sie versucht, die nächste Vorwahl in den USA vorauszusagen.

STANDARD: Stimmt es, dass die Facebook-App das Handy ausspioniert?

Steinschaden: Das kommt immer wieder vor. Vor einer Woche ging ein Fall durch die Medien, dass die Android-App quasi ungefragt Telefonnummern verschickt hat. Facebook ist schon einige Male von verschiedenen Testern und Medien als eher heikle App bezeichnet worden, die sicher mit Vorsicht zu genießen ist.

STANDARD: Glauben Sie, dass es später egal ist, wie peinlich die hochgeladenen Fotos sind, weil das eh jeder macht?

Steinschaden: Als ich 16 war, gab's maximal MySpace, und da hat man das nicht in dem Umfang von heute gemacht. Aber ich würde wohl dazu stehen: Man ist jung und soll sich austoben. Wenn's dann wirklich einen Arbeitgeber gibt, der einem deshalb keinen Job gibt, ist das vielleicht generell nicht der beste Arbeitgeber. (Lena Reinhardt, Lea Ranftl, DER STANDARD, 10.7.2013)

JAKOB STEINSCHADEN (31) ist Buchautor und Journalist. Sein Schwerpunkt sind soziale Medien. 2010 veröffentlichte er das Buch "Phänomen Facebook", das über die Geschäfte der US-Firma aufklärt.

  • Arbeitgeber, die ihre Bewerber wegen unvorteilhafter Facebook-Fotos ablehnen, seien generell zu hinterfragen, meint Buchautor Jakob Steinschaden.
    foto: kaj friedmann

    Arbeitgeber, die ihre Bewerber wegen unvorteilhafter Facebook-Fotos ablehnen, seien generell zu hinterfragen, meint Buchautor Jakob Steinschaden.

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