Blaue Schafe, rote Mädchen, graue Römer

11. Juli 2013, 11:32
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Das Neapolitanische Theaterfestival ging heuer in einer Sparedition über die Bühne

Obwohl das internationale Napoli Teatro Festival aufgrund eines halbierten Budgets dieses Jahr auf Sparflamme kochen musste, ließ es sich doch seine Lust an der Entdeckung ungewöhnlicher Spielstätten nicht nehmen. Waren das zuletzt das Real Albergo dei Poveri (Königliches Armenasyl) und das griechische Theater Pausilypon gewesen, war heuer das Museo Nazionale delle Ferrovie in Pietrarsa an der Reihe.

Es ist ein weitläufiger, imposanter, direkt am Meer gelegener, von breiten Alleen durchzogener Gebäudekomplex. Ein unglaublich magischer, fast surreal zu nennender Ort, bei dessen Besuch sich selbst eingefleischte Neapolitaner die Augen rieben und schamhaft gestehen mussten, noch nie hier gewesen zu sein beziehungsweise nicht einmal von seiner Existenz gewusst zu haben.

Dabei war er einst als Eisenwerk und Lokomotivfabrik die Wiege der bourbonischen Industrialisierung, hier entstand auch die erste italienische Bahnstation überhaupt, und der Komplex ist auch nur 15 Minuten von der Stadtgrenze entfernt. Derzeit beherbergt er eben das Nationale Eisenbahnmuseum mit einer großen Sammlung von Triebwägen, Waggons, Wartesälen und Haltestellen.

Fantastisches Multiplex-Theater

Einige Hallen wurden für das Festival leer geräumt, so dass quasi ein fantastisches Multiplex-Theater zur Verfügung stand, in dem man sich in den Aufführungspausen lustwandelnd wunderbar ergehen konnte. Und bei dem - zumindest bei den Freilichtaufführungen in der "Arena" - nur die Gefahr bestand, von der überwältigenden Schönheit des abendlichen, gelegentlich von den ortsüblichen Feuerwerken zusätzlich erhellten Golfs von Neapel ungebührlich abgelenkt zu werden.

Speziell auf den Genius Loci zugeschnitten war die Performance "Centoporte" des Teatro dei Sensi, bei der die Zuschauer mit verbundenen Augen in einen dieser wunderbaren alten "Hundetürenwaggons" geführt wurden, von denen jedes einzelne Abteil einen eigenen Ein- beziehungsweise Ausstieg hat. Dort wurden die Zuschauer verschiedenen sinnlichen Erfahrungen ausgesetzt, zum Beispiel mit Kirschen gefüttert.

Unter den konventionelleren Produktionen werden zumindest Ismael Ivos neuestes Oeuvre "Mishima", das Gastspiel des israelischen Balletts Vertigo und eine blutige "Lolita"-Kurzfassung (50 Minuten) in Erinnerung bleiben.

Die unwiderstehliche Faszination des Festivalzentrums trug entscheidend dazu bei, das Publikum wieder versöhnlich zu stimmen. Denn einige groß angekündigte und daher mit großen Erwartungen versehene Eröffungsproduktionen wie Andrei Kontschalowskis knallige "Zähmung der Widerspenstigen" und Rafael Spregelburds konfuser "Spam" hatten herbe Enttäuschungen hinterlassen.

Enttäuschende Brooks-Inszenierung

Und im Falle von Altmeisters Peter Brooks Inszenierung von Becketts "Verwaiser" ("Le dépeupleur"), die sich dann als Eine-Frau-vom-Blatt-Lesung auf leerer Bühne entpuppte, fühlten sich die neapolitanischen Zuschauer sogar als Volksgruppe - das Projekt war in einer sechswöchigen "residence" vor Ort erarbeitet worden - kollektiv verletzt und beleidigt.

Im weiteren Verlauf machten dann einige gelungene Aufführungen wie Festivaldirektor De Fuscos musikalisch-visuelles "Antonius und Cleopatra", Eduardo de Filiippos früher Einakter "Sik Sik" (Regie: Pierpaolo Sepe), Peter Sellars' "Desdemona"-Gastspiel und Nanni Garellas Kantor-Hommage "La classe" das Anfangsfiasko halbwegs wieder gut.

Für ein absolut versöhnliches Ende sorgte schließlich der "Circo Equestre Sgueglia" (Reiterzirkus Sgueglia) des in unseren Breiten (bis auf eine Marthaler-Inszenierung seiner "Zehn Gebote") nur wenig bekannten lokalen Theatergenies Raffaelle Viviani.

Dem in Paris lebende Argentinier Alfredo Arias gelang gemeinsam mit einem exquisiten Ensemble aus örtlichen Schauspielern eine zutiefst melancholische, aber auch grotesk-komische Studie der fragilen Existenzen im Zirkusmilieu. Die Neapolitaner weinten Tränen vor Rührung und Lachen und fühlten sich zumindest von ihm geliebt und verstanden.

Überzeugendes Fringe Festival E45

Dennoch wäre das heurige Festival vielleicht letzten Endes - auch was die Quantität betrifft - unbefriedigend verlaufen, wenn nicht das mitveranstaltete "Fringe Festival" E 45 einen - auch was die Qualität betrifft - besonders starken Jahrgang gehabt hätte. Der Festivalname bezieht sich auf die Europastraße 45, die von Finnland bis Sizilien führt.

Großartig waren beispielsweise "Edipo in terzigno" über einen gott- beziehungsweise madonnensuchenden Camorra-Boss, "L'anima del lucignolo" über die schwarze Seite von Pinocchio und Lucia Vasinis "Monologhi del caxxo", die lange überfällige Antwort auf die Vagina-Monologe.

"Itinerario" war zwar etwas prätentiös, gestattete es aber, einen weiteren atemberaubenden Spielort zu entdecken: den aufgrund der Einheit Italiens nie vollendeten Tunnel Borbonico, gedacht als unterirdische Verbindung zwischen dem Königlichen Palast und dem Lustschloss am Chiaia-Strand. Bis vor kurzem noch als Garage und dann als Mülldeponie missbraucht, bietet er jetzt mit seinen pharaonisch-hohen Gängen und den zitathaft verbliebenen Resten von verrotteten Kinderwägen, Vespas und Cinquecentos ein wahrhaft niederschmetterndes Begehungs-Erlebnis. Und wegen solcher Erlebnisse fährt man schließlich zum Napoli Teatro Festival. Somit darf man schon gespannt sein auf die nächsten ungewöhnlichen Spielorte, die uns seine dank EU-Fonds wieder mit vollem Budget ausgestattete 2014er-Edition enthüllen wird. (Robert Quitta, derStandard.at, 10.7.2013)

  • "Centoporte" des Teatro dei Sensi.
    foto: napoli teatro festival italia

    "Centoporte" des Teatro dei Sensi.

  • Gaia Aprea und Luca Lazzareschi in "Antonio e Cleopatra".
    foto: napoli teatro festival italia

    Gaia Aprea und Luca Lazzareschi in "Antonio e Cleopatra".

  • Massimiliano Gallo in "Circo equestre sgueglia".
    foto: napoli teatro festival italia

    Massimiliano Gallo in "Circo equestre sgueglia".

  • Olga Bercini in "Lolita" (Babilonia Teatri).
    foto: napoli teatro festival italia

    Olga Bercini in "Lolita" (Babilonia Teatri).

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