Gewalt in Jugendhaft an der Tagesordnung

10. Juli 2013, 12:23
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Boltzmann-Institut hat Häftlinge zu Gewalterlebnissen befragt: "Sich zu beschweren widerspricht dem Ehrenkodex unter den Insassen"

Im Jahr 2013 gab es bereits vier Missbrauchsfälle in Österreichs Jugedstrafanstalten. Das Justizministerium hat diese Tatsache am Dienstag bestätigt. Eine Studie des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Menschenrechte zeichnet ein Bild der gewaltgeladenen Situation in Jugendgefängnissen. Die wissenschaftliche Erhebung wurde gemeinsam mit der Opferschutzeinrichtung Weißer Ring durchgeführt.

Jugendliche Häftlinge in den Justizanstalten Gerasdorf bei Wien und Wien-Josefstadt wurden dafür über ihre Gewalterfahrungen im Gefängnis befragt. Die zentrale Fragen waren, wie die Jugendlichen Gewalt wahrnehmen, welche Situationen Gewalt eskalieren lassen und welche unterstützenden Angebote sie finden.

Verschiedene Formen der Gewalt

Die Ergebnisse der Studie aus dem April dieses Jahres zeigen, dass die Häftlinge verschiedene Formen der Gewalt erleben: Diese reichen von körperlichen Übergriffen bis zu psychischen Gewaltformen wie Einschüchterung und Demütigung.

Wie oft es zu sexuellem Missbrauch kommt, konnte nicht erhoben werden. Solche Fälle wurden zwar von den Jugendlichen erwähnt, eine genaue Zahl gebe es aber nicht, sagte Studienautorin Barbara Unterlerchner vom Weißen Ring im Ö1-"Morgenjournal". Sie könne aber mit Sicherheit sagen, dass es sich bei körperlichen Übergriffen keineswegs um Einzelfälle handle - diese stünden vielmehr an der Tagesordnung.

Viererzellen verstärken Gewaltpotenzial

Erlittene Gewalt empfinden die jugendlichen Häftlinge oft als Schwäche, was es für sie schwer mache, Hilfe zu suchen. "Sich zu beschweren widerspricht dem Ehrenkodex unter den Insassen", so Unterlerchner. In der Studie heißt es zu diesem Punkt: "Hierarchien und Gruppenbildungen spielen eine entscheidende Rolle für das individuelle Sicherheitsgefühl zwischen den jungen Häftlingen und gegenüber dem Personal; Sicherheit wiederum ist ausschlaggebend für die Bereitschaft, gewaltsame Übergriffe von wem auch immer anzuzeigen."

Weiters kommt die Untersuchung zu dem Schluss, dass die Unterbringung in Viererzellen das Gewaltpotenzial der Häftlinge verstärken würde. Unterlerchner plädiert daher für eine Abschaffung dieser Zellen. Tatsächlich sollte laut Boltzmann-Institut "Freiheitsentzug bei Jugendlichen immer als letztes Mittel betrachtet werden".

Mehr Mitsprache der Insassen

Viele der befragten Häftlinge würden sich mehr Mitsprache wünschen, eben auch bei der Zellenbelegung. So forderten sie etwa, dass es eine Maximalbelegung von zwei Häftlingen pro Zelle geben soll. Generell müsse der Austausch zwischen den Häftlingen und dem Personal verbessert werden, denn "Kommunikation schafft Verständnis", heißt es in der Studie.

Zudem sollte das Personal über sozialpädagogische Erfahrungen verfügen. Es sei auch wichtig, Weiterbildungen zu Rassismusarbeit und menschenrechtlichen Aspekten anzubieten. Supervisionen und Möglichkeiten zum gruppenübergreifenden Erfahrungsaustausch für die Justizwache würde die Situation in Jugendgefängnissen ebenfalls verbessern.

Gewalt wegen zu geringer Auslastung

Zur Gewaltprävention sei es außerdem wichtig, die Jugendlichen besser zu beschäftigen. Es brauche mehr Möglichkeiten, Sport zu treiben. Viele Häftlinge seien körperlich unausgelastet, was das Gewaltpotenzial steigere. Das oberste Ziel sollte laut Unterlerchner jedoch sein, die jugendlichen Insassen auf das Leben nach der Haft vorzubereiten und wieder in die Gesellschaft zu integrieren. (llh, derStandard.at, 10.7.2013)

  • Laut der Studie des Boltzmann-Instituts und des Weißen Rings soll "Freiheitsentzug bei Jugendlichen immer als letztes Mittel betrachtet werden".
    foto: robert newald

    Laut der Studie des Boltzmann-Instituts und des Weißen Rings soll "Freiheitsentzug bei Jugendlichen immer als letztes Mittel betrachtet werden".

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