Protestbewegung in der Türkei: Erdogans Kairo-Nummer

Kommentar9. Juli 2013, 18:20
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Der Premier redet den Türken ein, Europa und die USA wollten ihn genauso wie Mursi stürzen

De Gaulle hat den Mai '68 auch nicht begriffen. Bei den "Angstwahlen" im folgenden Jahr legte Frankreichs Rechte noch einmal zu, der General ging halbwegs beruhigt in Pension. Aber die Gesellschaft, einmal in Bewegung gebracht, ließ nach und nach einen freieren Geist ins Land.

Mit Tayyip Erdogan und seiner konservativ-muslimischen Regierungspartei ist es heute ähnlich: Der Demokraten-Lack ist zwar ab, doch die frommen Machtmenschen sitzen weiter fest in ihren Sesseln mit vermutlich 50 Prozent der Wählerstimmen. In der türkischen Gesellschaft aber gärt es. Mit der Protestbewegung vom Gezi-Park kann Premier Tayyip Erdogan nichts anfangen. Er will sie niederknüppeln, nicht mit ihr reden. Ganz wie der General.

Seine Meriten als großer Vorkämpfer der Demokratie möchte sich Erdogan auf dem Umweg über Kairo holen. Den Türken reden er und seine Minister nun unentwegt ein, Europa und die USA hätten den doch frei gewählten Präsidenten von der Muslimbrüderschaft gestürzt. Und dass der Westen dasselbe mit der türkischen Regierung vorhatte. Die habe aber das Spiel schneller durchschaut und die Gezi-Protestler mit ihren - laut Erdogan - "schmutzigen internationalen Elementen" entlarvt. Der türkische Premier fühlt sich verantwortlich für seine 50 Prozent Wähler und seine persönlichen Machtpläne. Für einen verantwortlich handelnden Staatsmann ist das wohl nicht genug. (Markus Bernath, DER STANDARD, 10.7.2013)

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