Helfer im Libanon an ihren Grenzen

10. Juli 2013, 05:30
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Der Syrien-Konflikt weitet sich in den Libanon aus. Bei der Explosion einer Autobombe in Beirut wurden am Dienstag dutzende Menschen verletzt. Die Helfer des Roten Kreuzes geraten immer wieder an Grenzen ihrer Kräfte, ihrer Ressourcen - und in den Köpfen

Aus der kleinen schwarzen Stofftasche klingelt es ununterbrochen. Egal ob Georges Kettaneh das Rotkreuz-Team aus Österreich brieft, mit Journalisten redet oder beim Essen sitzt: Eines seiner sechs Telefone hat der Generalsekretär des Roten Kreuzes im Libanon immer am Ohr. Eines hat eine interne Nummer der Armee, eines verlinkt ihn mit dem Verteidigungsministerium, eines mit dem nationalen Sicherheitschef. "Mit der Hisbollah pflege ich genauso guten Kontakt wie mit der amerikanischen Botschaft", sagt Kettaneh, schon wieder mit einem Ohr beim nächsten Telefonat.

Der Bürgerkrieg in Syrien ist nicht nur eine logistische Meisterleistung für humanitäre Hilfskräfte im Nachbarland. Etwa 8000 Helfer zählt das libanesische Rote Kreuz, die in den 32 Rettungsstationen und 46 Notfallkontaktstellen im Einsatz sind. Wenn eine der involvierten Parteien nicht genug eingebunden ist, wird es auch für Helfer gefährlich. Von der syrischen Schwesterorganisation Roter Halbmond sind bereits 20 Mitglieder bei ihrer Arbeit umgekommen - obwohl sie durch die Genfer Konvention geschützt sind.

Explosion in Beirut

Die Kampflinie hat sich in den vergangenen drei Wochen vom Norden Libanons, gute zweieinhalb Autostunden von der Hauptstadt entfernt, zunehmend in den Osten verlagert. Am Dienstag explodierte im Süden der libanesischen Hauptstadt eine Autobombe nahe eines Einkaufszentrums. Bei dem Anschlag wurden laut Helfern mindestens 53 Personen verletzt. Wer dahintersteckt, war zunächst unklar. Das Viertel gilt als Hochburg der schiitischen Hisbollah. Bei einem Anschlag würden alle Seiten informiert, "ich gebe aber keine Namen weiter, wenn es sich um Extremisten handelt", sagt Kettaneh.

Es ist eins der Grundprinzipien der Hilfsorganisation: jedem Menschen in Not zu helfen. Damit macht sich das Rote Kreuz angreifbar, auch wenn die Haltung genau davor bewahren soll. Er werde oft gefragt, ob er sich im Klaren ist, dass Verletzte nach der Genesung weiterkämpfen, womöglich gar im Libanon, erzählt Rotkreuz-Volontär George Fadel aus dem Norden.

Minenopfer

Seit vier Monaten ist er im Einsatz, fährt täglich mit einem Kollegen insgesamt vier bis sechs Stunden bis nach Beirut und zurück, verteilt Essens- und Hygienepakete an registrierte Flüchtlinge. An diesem Abend sitzt er, zusammengesackt wie die anderen Helfer, in einem Plastiksessel auf der Veranda und reicht ein Handyfoto eines Mannes herum, dessen Gesicht und Hals vom Ohr bis zur Schulter zerfetzt wurde. "Im Norden trennt uns nur ein Fluss von Syrien. Sie haben dort Minen gelegt", erzählt er.

An diesem Tag hat er Hilfspakete in drei Dörfern ausgeteilt, am nächsten Tag sind sieben weitere dran. "Meine Frau will sich bald scheiden lassen", lacht er verlegen. Andere stimmen ein, sie haben seit Monaten kein normales Leben mehr. Wann sich das ändern wird, wagt niemand vorherzusagen. Die meisten sind seit ihrer Jugend freiwillig beim Roten Kreuz. Fadel führt eigentlich ein Restaurant, sein Kollege ist Polizist. Alle Konfessionen sind vertreten, wobei Religion beim Roten Kreuz offiziell keine Rolle spielt.

Im Syrien-Konflikt, der mit jedem Tag im Libanon spürbarer wird, kostet es viel Kraft, Balance zwischen den Parteien zu halten. Werden Pakete in der Moschee verteilt? Soll jemand vom Roten Halbmond da sein? Müssen beide Symbole, Kreuz und Halbmond, auf der Jacke sein?

"Wir sind wie ein Bezirk innerhalb Syriens", erklärt Kettaneh die angespannte geografische Lage des Libanon. Eingezwickt zwischen Israel im Süden und Syrien im Norden und Osten, ist das Land kaum größer als Oberösterreich. Zu den 4,5 Millionen Einwohnern kommen bis zu 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien hinzu. Offiziell registriert sind 580.000.

In zwei Monaten wurden mehr als 2000 verletzte Syrer über die Grenze gebracht. "Wir haben über Facebook, Twitter und das Radio zum Blutspenden aufgerufen", sagt Ayad Mounzer, PR-Chef des libanesischen Roten Kreuzes. In Kirchen und Moscheen werben sie dafür, mit R-'n'-B-Abenden bei der Jugend. Einige tausend Menschen haben reagiert, "aber das Blutspenden ist noch nicht in den Köpfen der libanesischen Gesellschaft angekommen", sagt Mounzer. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 10.7.2013)

Spendenkonto Rotes Kreuz: Erste Bank 40014400144, BLZ: 20.111, Kennwort "Syrien".

  • Bei Explosion einer Autobombe wurden am Dienstag in der libanesischen Hauptstadt Beirut dutzende Menschen verletzt, mehrere Autos brannten aus, Gebäude wurden beschädigt.
    foto: epa/hamzeh

    Bei Explosion einer Autobombe wurden am Dienstag in der libanesischen Hauptstadt Beirut dutzende Menschen verletzt, mehrere Autos brannten aus, Gebäude wurden beschädigt.

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